21. August 2008 Nachdrucksitzungen, so heißen in Verlagshäusern jene Gelegenheiten, bei denen inhaltliche Entscheidungen recht direkt mit ökonomischen Überlegungen in Konflikt geraten können. Denn nicht selten geht es dabei um Bücher, deren Auflage zwar fast schon verkauft ist, deren Absatzzahlen aber auf einem so niedrigen Niveau liegen, dass eine neue Auflage mit großer Wahrscheinlichkeit eine teure Angelegenheit wird: Ein Nachdruck in hoher Zahl rechnet sich nicht, weil die Lagerkosten über Jahre hinweg sich unangenehm aufsummieren. Der Nachdruck einer der Nachfrage angemessenen sehr kleinen Auflage ist dagegen teuer und löst das Problem deshalb auch nicht.
Letztlich geht es dann um Entscheidungen, in denen der Wille zur Erhaltung einer gewissen Programmbreite über die ohnehin gut laufenden Titel hinaus mit den wirtschaftlichen Erfordernissen verrechnet wird. Die entsprechenden Kompromisslösungen sehen in verschiedenen Verlagsäusern sehr unterschiedlich aus.
Pflege der Backlist
Der Suhrkamp Verlag hat von jeher großen Wert auf die Pflege seiner Backlist gelegt und hält eine besonders große Anzahl von Titeln lieferbar. Um ökonomisch heikle Nachdruckentscheidungen möchte man dabei in Zukunft trotzdem herumkommen. Das gilt zunächst einmal vor allem im Bereich des wissenschaftlichen Programms, wo auch Titel für sehr klein gewordene Zielgruppen ihren Platz im Verlagsprogramm behalten oder gar wiedereinnehmen sollen. Gedacht ist dabei, wie der Verlag nun mitteilte, nicht nur an die Nutzung des bei Kleinstauflagen kostengünstigeren Digitaldrucks. Man möchte vielmehr gleich einen Schritt weiter gehen und nur selten verlangte Titel der prominenten Reihen suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ und edition suhrkamp“ von Books on Demand (BoD) produzieren und ausliefern lassen.
Über den Buchhandel eingehende Bestellungen werden dann an BoD weitergeleitet, wo die Satzdaten für den entsprechenden Titel vorher hinterlegt wurden. Druck und Bindung der Exemplare ist mit der in den letzten Jahren verfeinerten Herstellungstechnik in wenigen Stunden zu bewerkstelligen, so dass sich auch die Lieferfristen für diese Titel kaum erhöhen werden. Technische Einschränkungen für diesen Druck ab einer Auflage von einem Stück gibt es nur wenige. Lediglich von abbildungsreichen Bänden will man bei Suhrkamp einstweilen absehen. Die Umschläge werden dagegen die bekannte Typographie von Willi Fleckhaus zeigen, aber in Material und Farbe differieren. Wer händeringend einen bestimmten Band sucht, wird über solche kleinen Abstriche wohl hinwegzusehen wissen.
Keine Auflagenabschätzungen mehr
BoD ist mittlerweile in Verlagen und Publikationssegmenten, in denen es um Kleinstauflagen geht, recht gut etabliert. Moritz Hagenmüller, der Geschäftsführer von Suhrkamps Kooperationspartner, verweist auf die Zusammenarbeit mit mehr als dreihundert Verlagen, eine jährliche Produktion von eineinhalb Millionen Exemplaren und über 80 000 lieferbare Titel. Für das Jahresende rechnet man mit 100 000 Titeln, davon 60 000 bei Verlagen – darunter Häuser wie Campus, de Gruyter und Springer –, der Rest erscheint im Selbstverlag. Der Schwerpunkt liegt im wissenschaftlichen Segment, wo Longseller mit kleinen Nachfragezahlen häufig sind. Interessant kann für manche Verlage auch bereits die Erstauflage bei BoD sein. Auflagenabschätzunken entfallen bei diesem Verfahren.
Dass nun ein renommierter Publikumsverlag wie Suhrkamp diesen Schritt zur neuen Druck- und Vertriebstechnik wagt, erfreut begreiflicherweise Hagenmüller, könnte manchen Beobachter indes überraschen. Aber der Traditionsverlag setzt auch in anderen Bereichen zunehmend auf neue Techniken. So geht demnächst eine Reihe von Filmbüchern an den Start, die von DVDs ergänzt werden.
Tendenz steigend
Der Hanser Verlag hat sich der Buchproduktion auf Bestellung bereits seit längerem geöffnet. Alle Verlage, so Michael Krüger, seien mit dem selben Problem konfrontiert: Wie lassen sich Bücher lieferbar halten, die sich nach buchhändlerischen Gesichtspunkten nicht mehr rentieren?“ Auch bei Hanser denkt man dabei vor allem an Sachbücher. Etwa fünfzehn Titel, vor allem aus der Edition akzente, werden bislang nur noch bei Bestellung gedruckt. Aber die Tendenz ist steigend. Wenn in Konstanz ein Seminar über den Philosophen Emmanuel Lévinas abgehalten wird, wollen zehn Leute den Band ,Zwischen uns‘ haben. Aber diese zehn sind die einzigen Käufer im ganzen Jahr.“ Dafür habe man nun das ideale Instrument. Irgendwann, so glaubt Krüger, werde bei Hanser wahrscheinlich auch so eine Maschine auf dem Flur stehen“. Auch eine Ausweitung auf den belletristischen Programmteil hält der Verleger für durchaus denkbar.
Fragt man im Lektorat des S. Fischer Verlags an, ob man dort für das zwar deutlich kleinere, aber im Zuschnitt Suhrkamp nicht ganz unähnliche Wissenschaftsprogramm bereits an BoD denke, wird abgewinkt. Eher wird in dem anderen großen Frankfurter Haus darüber nachgedacht, die Wissenschaftstitel ins Hauptprogramm der gebundenen Bücher zu verlagern. Über den höheren Ladenpreis ist dort mehr einzunehmen, als sich durch eine höhere Verkaufszahl im Taschenbuchmarkt verdienen ließe. Zumal sich die Hardcoverbände nach wie vor vom Autor über die Leser bis hin zur Presse einer entschieden größerer Aufmerksamkeit erfreuen, wie sie Originalausgaben auf dem Taschenbuchmarkt immer schwerer erreichen.
Virtuelle Bestände
Der etwas spezieller zugeschnittene Reader oder ein ausgefallener Titel würde auf diese Weise freilich mit einiger Wahrscheinlichkeit ganz aus dem Programm gefallen. Genau das möchte Philip Roeder, Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags, verhindern. Die neue Technik gebe die Mittel an die Hand, mit kleinen oder nur virtuell vorhandenen Auflagen kostengünstig zu wirtschaften. Rechtsprobleme, wie sie für die E-Books erst noch zu klären sein werden, lassen sich hier weitgehend ausschließen. Wie es aussieht, scheint es nur Vorteile zu geben: für die Programmarbeit der Verlage genauso wie die von ihr profitierenden Leser. Auch wenn der eine oder andere betroffene Autor das eigene Werk lieber in der gewohnten Form in den Buchhandlungen sähe, kann es keine Zweifel geben: Die Hinwendung Suhrkamps und anderer Verlage zum Buch auf Bestellung ist ein Bekenntnis zur Backlist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz, Galerie Emmanuel Perrotin
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