Klassiker der Comic-Literatur

Blaumachen fürs Gemeinwohl: Die Schlümpfe

Von Dietmar Dath

03. Dezember 2005 Wer zum Zeitpunkt der Berufswahl, des Erreichens der Geschlechtsreife oder des Erwerbs eines Reifezeugnisses - je nachdem, was zuerst kommt, da sind die Kulturräume bekanntlich verschieden - noch kein Schlumpf ist, wird keiner mehr.

Denn alles, was, wie diese biographischen Wendepunkte, Personen aus ihrem Eigensinn heraushebt und zu öffentlichen Recheneinheiten in der Selbstherstellung und -erhaltung der Gesellschaft macht, berührt auf fundamentale Weise ihren Schlumpfstatus. Schlumpfsein nämlich bedeutet niemals Einzelschlumpfsein, sondern stets Mitschlumpfsein. Ein Schlumpf allein wäre gar keiner, nur ein unbeschriebenes Blatt - die weiße Hose und die weiße Mütze sind nicht nur Anzeichen dafür, daß sich ein Schlumpf selten dreckig macht, sondern auch Merkmale des herzig Indifferenten, lieb Austauschbaren, putzig Fungiblen. Das Verstockte am Individuellen, der Bereich, zu dem niemand Zutritt hat und der keinen was angeht, ist im Leben des Schlumpfs bestenfalls ein niedlicher Annex seines öffentlichen Treibens - ein bißchen verkümmert, wie das typische Stummelschwänzchen.

Geschlecht und Beruf haben bei den Schlümpfen allerdings nicht wie bei uns Menschen den Sinn, das Subjekt auf einen Pool gemeinsamer und deshalb umkämpfter Ressourcen - paarungswillige Partner, Arbeitsgelegenheiten - zu verweisen, um welchen sie in Konkurrenz treten können. Es sind dies für Schlümpfe vielmehr nahezu inhaltsleere, sozusagen rein ikonographische und typologische Unterscheidungsfilter - daß die meisten Schlümpfe männlich sind, wüßte niemand, wenn der Schöpfer nicht mit Schlumpfine (in harmloseren, noch weiter desexualisierten Versionen heißt sie gar „Schlumpfinchen“) extra einen weiblichen Schlumpf eingeführt hätte.

Ein Geschlecht, um komplett zu sein

Es ist freilich müßig, sich deswegen, wie das die Jugendlichen im Kultfilm „Donnie Darko“ (2001) tun, schweißtreibende Gedanken über Polygamie und Gruppenunzucht bei den blauen Wichteln zu machen. Die richtige Deutung der für Pubertierende extrem herausfordernden Situation „Ein Weibchen - zahllose Männchen“ liegt bei den Schlümpfen nämlich gar nicht im Bereich der Handlungsoptionen von Leuten zeugungsfähigen Alters, sondern in demjenigen kindlichen Denkens: Ein intelligentes Lebewesen braucht, so lernen kleine Menschen, schon deshalb, weil alle Geschwister, anderen Kinder, Eltern, Tanten, Onkel und sonstigen Erwachsenen angeblich eins haben, grundsätzlich ein Geschlecht, um komplett zu sein. Schon die Unschuldigsten sprechen daher etwa bei Lego- und Playmobil-Figuren oder Zinnsoldaten von „Männchen“ statt von „Menschlein“. Mit Ferkeleien hat das also nichts zu tun.

Dem geschilderten geschlechtlichen funktionalen Neutralitätszusammenhängen analog gilt im Schlumpfbezirk für die Berufe: Arbeitsteilung wird als parteiloses Naturgesetz verstanden. Den Hammer, die Sichel oder den Pinsel muß das Subjekt vor allem deshalb mit sich herumtragen, damit ich, wenn ich ihm begegne, weiß, wen ich da vor mir habe, nämlich den Hammerschlumpf, den Sichelschlumpf oder den Pinselschlumpf.

Das Universalverb „schlumpfen“

Ein gewollter Nebennutzen dieser Kennzeichnung durch Tätigkeiten, welche schon deshalb in all ihrer Ausdifferenziertheit letztlich doch wieder bloß das Gemeinwesen zusammenhalten und keinen Eigensinn befruchten, weil sie untereinander so beliebig austauschbar sind, daß die Schlumpfsprache für grundverschiedene Aktionen wie Hämmern oder Malen im Zweifelsfall das Universalverb „schlumpfen“ empfiehlt, ist der administrative: Die Quasi-Zunftordnung hilft Papa Schlumpf, dem wohlmeinenden bärtigen Diktator mit rotem Mützchen und roter Hose, seine Schlümpfe unterscheiden und ihnen ihre Taten zurechnen zu können, damit im Fall der Verfehlung Tadel oder Bann nicht den Falschen in die Schäm-dich-Ecke stellen. Worauf dies alles hinausläuft, ist auch bei kursorischster Kenntnis der jüngeren Geschichte nur allzu klar: Wir haben es hier, da beißt die Maus keinen Faden ab, mit Maoisten zu tun.

Das muß der Zeichner Peyo nicht absichtlich gewollt haben, damit es stimmt. In ungemein zahlreichen essentiellen Punkten - ihrer uniformen Kollektivbekleidung, ihrer aufs Gemeinwohl gedrillten Arbeitsmoral, ihrer organisierten Abneigung gegen traditionelle Rückbindung des eigenen Tuns an den mythischen Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, die alle drei bei den Schlümpfen faktisch bis auf ein wenig dekoratives Zubehör nicht existieren - gleichen Mao Tse-tungs Untertanen den verzauberten Zwergen, die ihr Erfinder 1958 ins Leben rief, als sich der Maoismus gerade auf dem Höhepunkt seiner politischen, aber erst im Morgendämmerschein seiner weltkulturellen Gestalterkraft sonnen durfte. Die Parallele wird sogar vom Spitznamen „blaue Ameisen“ beglaubigt, der den Chinesen seinerzeit angehängt wurde und der doch ebensogut die Schlümpfe meinen könnte.

Zu dumm zum Sterben - und zu drollig

Die Überführung noch des letzten Restes privater Eigenzustände in öffentlich Belangvolles ist das Herzstück des Programms beider großer Steuermänner - und Papa Schlumpf hält daran - anders, als die Chinesen - bis heute so eisern fest wie an der erzsozialistischen Farbe seiner Kleidung. Selbst in den Köpfen deutscher Plattenindustrie-Manager obwaltet zumindest eine dumpfe Ahnung davon, daß der Schlumpf die perfekte Ikone kollektivistischer Auflösung des subjektiv Besonderen im infantil Allgemeinen ist; die Alben-Reihe mit der „Hitparade der Schlümpfe“ bringt daher Bearbeitungen populärer Radio-Kracher und Volkslieder, die statt von Robbie Williams, Nena oder Walter Scheel von einem anonymen Schlumpfchor mit elektronisch ins Post-Persönliche hochgepitchten Stimmen gequäkt werden. Diese zutiefst geschmacklose, barbarische und total lustige kulturrevolutionäre Enteignungskampagne hat es inzwischen bereits auf siebzehn Folgen gebracht und wird vielleicht als einzige Form der Popmusik den seit Geburt des Internets von Fachleuten prophezeiten Tod der Plattenindustrie überleben; sie ist wirklich zu dumm und drollig zum Sterben.

Individualität bedeutet Leiden, das wissen wir von Buddha, Schopenhauer und aus eigener Erfahrung. Der jedes in diesem Sinne individuierte Geschöpf knechtenden zwanghaften und pausenlosen Verpflichtung, möglichst alles unter eine Schädeldecke zu zwingen, was man erleben und tun kann, um es „ich“ nennen zu dürfen, entgeht der Schlumpf, indem er sich mit Elan in den immergleichen Alltag wirft, als wäre der wirklich jedesmal etwas Neues, das man aus der Vergangenheit nicht kennt und aus dem man für die Zukunft nichts lernen kann.

Wurstiges Verhalten

Sehr treffend läßt deshalb der deutsche Comiczeichner Fil in seinem jüngst erschienenen neuesten Band mit Geschichten um die beiden edlen Berliner Gemütsmonster „Didi und Stulle“ einen plötzlich unmotiviert in die Handlung hineinpurzelnden Schlumpf mit Uhr auf die Feststellung eines verblüfften Augenzeugen: „Ein Schlumpf mit einer Uhr . . . das ist seltsam und wird wahrscheinlich jetzt auch nicht großartig erklärt“, genau das antworten, was ein Schlumpf auf so etwas antworten würde: „Stimmt.“ Schon beim Schlumpf-Erfinder Peyo, selbst in den frühesten schlumpfrelevanten „Johann und Pfiffikus“-Geschichten, treibt dieses wurstige Verhalten, dem einfach alles Schlumpf ist, die auf ihre eigene böse Individualität setzenden Gegner und Verfolger der Schlümpfe regelmäßig in den Wahnsinn. Auch das hätte den Beifall des obersten China-Kommunisten gefunden, ist es doch in aller Unschuld höchst geeignet, „zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich zu ziehen“ (Mao).

Der Maoismus ist allerdings - hier muß im Namen des Weltgeists ein ernstes Wort mit den Schlümpfen geredet werden - nicht zwingend die beste Lösung des Individualitätsproblems. Denn wie alle wissen, die den treffendsten Film über den Maoismus als kulturelle Veranstaltung, Jean-Luc Godards 1967 gedrehte „Chinesin“, gesehen haben, hängen an dieser Lösung zwei große Nachteile, die sich auch durch sorgfältigst erstellte Satzungsparagraphen und konsequenteste kommunistische Selbstkritik nicht aus der Welt schaffen lassen: erstens permanenter Tugendterror und zweitens davon erzeugte unendliche Langeweile. Das kommt davon, wenn man die Aufhebung der bürgerlichen Individualität im bäuerlichen Wirtschaftsrahmen versucht. Dort, lehrt die Geschichte, führt der Zwang der Abhängigkeit von Jahreszeiten, Fruchtbarkeit des Bodens und anderen naturwüchsig gesetzten Umständen dann dazu, daß man plötzlich in einem Dorf mit mehreren Milliarden Einwohnern eingesperrt ist, das sich verhält, wie sich Dorfgemeinschaften nun einmal verhalten: abwechslungsfeindlich, spießig und stumpfsinnig.

Abschaffung der Arbeit

Weil solche Makel jeden Versuch, in modernen Zeiten „urkommunistische“ (Marx) Zustände herzustellen, auf Dauer unrettbar entstellen, hat die klassisch marxistische Theorie demgegenüber auf der Industrialisierung und überhaupt jeder erreichbaren Nutzung technischer Arbeitserleichterung, ja tendenzieller „Abschaffung der Arbeit“ bestanden - eben weil die Alternative, beim ansonsten ja wünschenswerten Ziel der Überwindung des zur Solidarität unfähigen, unglücklichen Monadenmenschen, das Dorf als permanentes Arbeitszwangslager ist.

Einen Sozialismus in irgendeinem Land, das, gemessen am welthistorisch erreichten Stand der Produktivkräfte, kein rückständiges Land gewesen wäre, hat es bislang leider nie gegeben. Gerade der von diesem schwer reparablen Schaden der rückständigen Startbedingungen verursachte Versuch, die vorgefundene ländliche Welt per Zwangskollektivierung mit Gewalt in eine industrielle zu verwandeln, welche für den Sozialismus taugen könnte, hat bekanntlich in Rußland und China die Gestalt umfangreicher Untaten angenommen, die nicht nur eifrige Leser des „Schwarzbuchs des Kommunismus“ mit Recht für äußerst unschlumpfig halten.

Als Inspiration für Politik sollte man das emsige Gewusel der Schlümpfe in ihrem pastoral verzauberten Steinzeitsozialismus also lieber nicht verstehen. Als Idealbild aber - nimmt wenig Platz weg, ist genügsam, aber agil, und legt keinen gesteigerten Wert auf Individualgezicke - könnte der Schlumpf die Antwort auf die alte Wettbewerbsfrage der Satirezeitschrift „Titanic“ sein: „Wie sieht die menschliche Seele aus?“

Daß „der Mensch“ im Innersten mehr von einem Schlumpf hat als von einem Engel, mehr Pfiff und Zack als schneeweiße Gespensterwürde und numinosen Lichtglanz also, ist jedenfalls eine ebenso nützliche wie nötige Auffassung, sofern man diesem armen Kerl auch jetzt noch eine Zukunft gönnt, nachdem er bei so vielen Versuchen, sich und seine Umstände zu verbessern, schmerzhaft auf den Hintern gefallen ist.

Peyo: Der belgische Zeichner Pierre Culliford (1928 bis 1992) war ein außergewöhnlich seßhafter Mensch und verbrachte sein ganzes Leben in Brüssel, wo er mit siebzehn Jahren beim Trickfilmstudio CBA als Künstler debütierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfeinerte er zuerst sein Empfinden für Design und graphische Wirkung in der Werbebranche, warf sich dann aber bald auf Comics. Die Serien um „Pussy, den Kater“ und die mittelalterlichen Fantasy-Helden „Johann und Pfiffkus“ machten ihn im französischsprachigen Raum bekannt, aber den wahren Ruhm brachten erst die 1958 als Nebenfiguren in „Johann und Pfiffikus“ eingeführten Schlümpfe.

Die Schlümpfe: Sie sind däumlingsgroß, alterslos, wohnen in Pilzhäusern im verwunschenen Wald, und es gibt sie inzwischen außer als Comicfiguren auch als Zeichentrickhelden, Gummispielzeug, Computerspielprotagonisten, Sitzkissen und Radio-Hit-Interpreten. Die Schlümpfe (im Original: „Les Schtroumpfs“) gehören damit zu den sehr wenigen europäischen Popkulturhelden, die selbst Amerika und sogar die ganze Welt beeindrucken und erobern konnten.



Text: F.A.Z., 03.12.2005, Nr. 282 / Seite 38
Bildmaterial: Abbildungen aus dem vorgestellten Band

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