Von Christian Schwägerl
16. März 2005 Sie überholen ihre Mitschüler am Gymnasium. Sie studieren so eifrig und schnell, wie es sich die Bildungspolitiker wünschen. Viele von ihnen leiten Forschergruppen in der Medizinforschung oder der Nanotechnologie. Das finden alle phantastisch.
Diese Frauen brauchen wir, weil wir sonst zum ökonomisch-technologischen Wurmfortsatz Asiens werden, heißt es. Wir müssen sie fördern, weil sie so leistungsstark sind, sagen die Politiker. Unsere Tochter hat es zu etwas gebracht, sagen die Eltern. Wenn die Naturwissenschaftlerinnen dann Ende Zwanzig bis Mitte Dreißig sind, haben sie sich in einer Welt hineingefunden, in der Forschungsziele in einem weltweit vernetzten Wissenschaftssystem verfolgt werden, das auf ständiger Präsenz beruht. Dann hören sie immer vernehmlicher ihre biologische Uhr ticken. Das abstrakte Wissen darum, daß die Lebenserwartung auf achtzig Jahre gestiegen sein mag, aber trotz Biotechnologie die Fruchtbarkeit irgendwann von Mitte Vierzig an versiegt, tritt sehr konkret in ihr Leben.
Eine schizophrene Gesellschaft
Ebenso plötzlich erfahren die jungen Frauen, daß sie in einer schizophrenen Gesellschaft leben. Für ihre Leistungen werden sie bewundert. Aber sobald sie ihre Bedürfnisse als potentielle, werdende oder tatsächliche Mütter formulieren, stoßen sie auf eine Mauer des Unverständnisses. Die jungen Frauen, gerade noch von allen Seiten gelobt, finden sich in einer Gesellschaft wieder, die so konstruiert ist, als würden Ärzte ausschließlich Krankenschwestern heiraten, Ingenieure ihre Sekretärinnen, Professoren Studentinnen und als müßte sich alles entwickeln wie in einem Familienfilm der fünfziger Jahre.
Sie hören ausgerechnet aus ein Zentrum der Spitzenforschung, vom Präsidenten der Harvard-Universität, Larry Summers, es könnte genetische Ursachen haben, daß so wenige Frauen wirklich Karriere in der Wissenschaft machen. Solches Denken ist ins Gewebe unserer Gesellschaft eingearbeitet. Es ist entlarvend, wie negativ über arbeitende Mütter mit akademischer Ausbildung gedacht wird und wie dürftige Mittel die Gesellschaft, vom Ministerpräsidenten bis zum Ehemann, ihnen zur Verfügung stellt, um ihren Alltag zu meistern.
Neue Rollenmuster für Mann und Frau
Noch ist nicht ins kollektive Bewußtsein gedrungen, daß zeitgenössische Familien immer häufiger aus zwei ähnlich qualifizierten Partnern bestehen, was die Nachfrage nach Kinderbetreuung steigert, neue Rollenmuster für Mann und Frau erfordert und die Personalpolitik verändern muß. Längst haben amerikanische Spitzenuniversitäten sich darauf eingestellt, Forscherpaare im Doppelpack anzuwerben und zu fördern.
Und in Deutschland? Der konservative Politiker verhindert aus falsch verstandener Wirtschaftsfreundlichkeit familienfreundlichere Wissenschaftstarifverträge sowie flexiblere Regeln für Arbeits- und Auszeiten. Der Bischof läßt die Kindergärten seiner Diözese um drei Uhr schließen. Der Oberbürgermeister baut lieber eine neue Umgehungsstraße als einen neuen Kindergarten. Der Personalchef offeriert seiner schwangeren Mitarbeiterin ein Jahresgehalt, wenn sie einer verläßlich Kinderlosen Platz macht. Der Mann will eine hundertprozentige Spitzenforscherin und eine hundertprozentige Spitzenmutter - und selbst nicht die Windeln wechseln oder kochen.
Nichts paßt zusammen
Nichts paßt zusammen: Die Gesellschaft tut in ihrem Alltag so, als gäbe es keine arbeitenden akademischen Schwangeren und Mütter. Gleichzeitig verlangt sie von Akademikerinnen Kinder, Kinder, Kinder. Dabei stehen etwa die hart arbeitenden Naturwissenschaftlerinnen nur in der Folge vieler Frauen vor ihnen, die auch gearbeitet haben oder arbeiten mußten. Früher fand die Frauenarbeit mangels Maschinen im Haushalt statt oder auf den Feldern und in den Fabriken. Für eine ständige Umsorgung des Nachwuchses war selten Zeit, und trotzdem besteht die Welt nicht aus seelisch verunglückten Kindern.
Allenfalls in einer privilegierten Oberschicht, die ihre Kleinen dem Personal anvertraute, haben die Mütter nicht gearbeitet. Die sechziger Jahre, die als Bezugspunkt familienpolitischer Vorstellungen durchscheinen, waren eine Sondersituation: Haushaltsmaschinen hatten Zeit freigesetzt, das Wirtschaftswunder hatte den Männer Arbeit beschert, aber die unzulängliche Bildung von Frauen verminderte deren Berufschancen. Heute gibt es endlich hochqualifizierte Formen von Arbei für Frauen.
Ein paar Jahre daheim bleiben
Noch hat niemand überzeugend dargelegt, warum Kindern das Zusammensein mit anderen Kindern, das früher in den Großfamilien oder auf dem Dorfplatz stattfand, schaden sollte. Den Frauen wird aber der Rat erteilt, ein paar Jahre daheim zu bleiben. Maßlos unterschätzt wird, was es gerade für Naturwissenschaftlerinnen bedeutet, wenn sie zwei, drei oder mehr Jahre draußen bleiben. Es gibt Berufe, für die man einmal etwas lernt, das man dann immer anwendet. In der Naturwissenschaft ist das anders, hier gibt es einen kontinuierlichen Bewußtseins- und Wissensstrom, an dem man teilhaben muß. Die Arbeit besteht in ununterbrochener Weiterqualifikation, deren Unterbrechung einen Rückschritt bedeutet.
Einerseits bekommen die heute Dreißigjährigen jeden Tag eingebleut, sie müßten jetzt schon erheblich für ihr Alter vorsorgen und ohnehin bis ins hohe Alter arbeiten, weil sie weder mit dem Sozialsystem noch mit Steuerabschreibungsmodellen früherer Zeiten rechnen könnten. Andererseits werden sie gedrängt, sie sollten auf die mühsam erworbenen Berufschancen ausgerechnet in der Phase, die für das ganze Leben die größte Hebelwirkung hat, verzichten. Diese widersprüchlichen Erwartungen können dazu beitragen, daß Frauen das Kinderkriegen immer länger hinauszögern, oft, bis es zu spät ist.
Starres Biographienmodell
Hinzu kommt, daß ein starres Biographienmodell vorherrscht, das Beruf und Familie in eine zwanghafte Konkurrenz bringt. Wer als junge Frau mit neunundzwanzig Jahren - dem Durchschnittsalter der Erstgeburt - in der Naturwissenschaft seine Promotion abschließt, hat in der rauhen Lebenswirklichkeit genau elf Jahre Zeit, seine Qualifikationen zu entfalten und Einfluß auf seine Arbeitsstätten für den langen Rest des Lebens zu nehmen, auch für die Zeit, wenn die Kinder längst aus dem Haus sind. Ein Jahr Babypause von Frauen wird von Arbeitgebern meist akzeptiert. Wer aber länger wartet und am Ende noch mehrjährige Babypausen aneinanderhängt, kann sich in die Schlange arbeitsloser Akademiker einreihen.
Bis Anfang Vierzig gilt die Frau als Nachwuchswissenschaftlerin oder junge Führungskraft. Danach ist sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt alt und bekommt keine neuerliche Chance. Das ist diskriminierend und muß sich ändern, um Männern wie Frauen den Zwängen zum Trotz Freiraum für Auszeiten mit der Familie zu geben. Aber einstweilen ist es so - und wenn Neunundzwanzigjährige heute die nächsten Jahre planen, wissen sie das. Sie sehen, wie der Frauenanteil von fünfzig Prozent bei den Studierenden auf neun Prozent bei C4-Professoren abnimmt, und ahnen, welchen Preis Frauen für die Familiengründung bezahlen.
Mangelnde Familienfreundlichkeit
Die Strategen der Max-Planck-Gesellschaft, Hort der Spitzenforscher, haben in den vergangenen Jahren mehrere Absagen von Frauen bekommen, denen die höchste Weihe, ein Direktorenposten, zuteil werden sollte. Mangelnde Familienfreundlichkeit des Arbeitsplatzes gehörte zu den Gründen. Der Frauenanteil unter den Max-Planck-Wissenschaftlern ist zwar dank spezieller Förderprogramme auf 23 Prozent gestiegen, aber nur elf der 270 Direktoren sind weiblich.
Absurde Gesetze verbieten es der Max-Planck-Gesellschaft, an den Instituten Kindergärten einzurichten, damit Eltern und Kinder möglichst nahe beieinander sein können. Dort, wo man dennoch Mut zum Experimentieren hat, wie am Dresdner Institut für molekulare Zellbiologie, sind die jungen Familien begeistert. Die Max-Planck-Forscherin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard geht nun mit gutem Beispiel voran und hat eine Stiftung gegründet, um Nachwuchsforscherinnen Zuschüsse für Kinderbetreuung und Haushaltshilfen zur Verfügung zu stellen.
Kurswechsel in Harvard
Ausgerechnet an der Harvard-Universität wird ein Kurswechsel in diese Richtung unternommen: Präsident Summers hat nach der Aufregung um seine angeblich mißverstandenen Äußerungen flugs zwei Kommissionen eingerichtet, um die Arbeitsmöglichkeiten von Akademikerinnen an der Eliteschmiede zu verbessern. Professionelle Kinderbetreuung an den Instituten gehört zu den Prioritäten. Ähnliches wird in Hessen unternommen, Studentenwohnheime und der Campus sollen familienfreundlicher gestaltet werden.
Doch man fragt sich, warum nur Modellprojekte in Planung sind, statt überall umzusteuern, an allen Hochschulen, Instituten und industriellen Forschungsabteilungen großzügige, freundliche Betreuungseinrichtungen mit enormen Überkapazitäten zur Verfügung zu stellen, deren exzellentes Personal morgens am Eingang steht und die vorbeigehenden Studenten und Forscher fragend anlächelt, wo bitte die Kinder bleiben. Wenn sich dies herumspricht, werden Spitzenforscherpaare, von denen es immer mehr gibt, aus aller Welt auch aus diesem Grund nach Deutschland kommen: Modernisierungstest bestanden.
Verständnis für die Männer
Noch größeres Verständnis als die akademischen Mütter brauchen aber ihre Männer, wenn sie sich von den Vorvätern, die bei der Frage nach dem Alter ihrer Kinder oder gar deren Schuhgröße ins Grübeln gekommen sind, absetzen und zugleich den Partnerinnen den Alltag als Spitzenforscherin und Spitzenmutter möglich machen wollen. Mit der Muttermilch versiegen zwischen Akademikern auch die Argumente des Mannes, warum die Aufgaben der Kindererziehung und des Haushalts nicht gleich verteilt sein sollten, warum nicht er ein Jahr aussetzen oder seine Arbeit in die Abend- und Nachtstunden verlegen sollte, um die Kinder vom Kindergarten abzuholen und ins Bett zu bringen, während die Frau noch im Labor steht.
Es gibt schon Zehntausende Männer, die sich auf dieses neue Familienmodell einlassen. Anders ist es kaum vorstellbar, daß Akademikerinnen sich wieder in größerer Zahl für Kinder entscheiden. Akademikerfamilien geht es nicht darum, ihre Kinder wegzuorganisieren, sondern das Leben mit ihren Kindern im Mittelpunkt zu gestalten.
Text: F.A.Z., 16.03.2005, Nr. 63 / Seite 35
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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