Von Lisa Zeitz, New York
18. Mai 2007 Als Künstler muss man ein Dieb sein und sich einen Platz an der Wand eines reichen Mannes stehlen, soll Rothko einmal gesagt haben. Wie sehr der reiche Mann davon selbst profitieren kann, das hat Sotheby's bei seiner Abendauktion zeitgenössischer Kunst am Dienstag bewiesen. Fünf verschiedene Telefonbieter trieben das sensationelle Spitzenlos des Abends, Rothkos White Center (Yellow, Pink, and Lavender on Rose) aus dem Jahr 1950, in Millionenschritten weit über die Schätzung von 40 Millionen Dollar hinaus. Für einen unbekannten Käufer am Telefon ließ Tobias Meyer den Hammer erst bei 65 Millionen aufs Pult knallen, das sind mit Aufgeld rund 72,9 Millionen Dollar und bei weitem der höchste Preis, den ein Werk zeitgenössischer Kunst jemals auf einer Auktion erzielt hat.
Die meditative Leinwand befand sich seit 1960 in der Sammlung des mittlerweile einundneunzigjährigen Philanthropen und Bankiers David Rockefeller, der das Geschehen sichtlich erfreut von einer Skybox aus mitverfolgte. Schon vor der Auktion hatte er angekündigt, den Gewinn für wohltätige Zwecke spenden zu wollen. Zweifellos trug sein klangvoller Name zur erfolgreichen Vermarktung des Gemäldes bei. Um die Auktion für zeitgenössische Kunst beim Konkurrenten Christie's schon im Vorfeld zu übertrumpfen, soll Sotheby's Rockefeller eine Garantie von 46 Millionen Dollar zugesagt haben. Die riskante Rechnung ist aufgegangen.
In Millionenschritten zum Rekord: Francis Bacon
Mindestens 30 Millionen Dollar - und damit einen neuen Rekord - sollte auch Francis Bacons fast zwei Meter hohes Gemälde Study from Innocent X von 1962 bringen, das von Mona Ackerman eingeliefert wurde. Von Velázquez' berühmtem Porträt inspiriert, hat Bacon den Barockpapst 1962 wie einen gehäuteten Pavian mit gebleckten Zähnen in kirchlicher Robe dargestellt. Auch für ihn wurde in Millionenschritten geboten. Die Schweizer Kunsthändlerin Doris Ammann und der Londoner Galerist Ivor Braka unterlagen schließlich bei 47 Millionen Dollar einem Käufer am Telefon. Es wird gemunkelt, dass es sich um den griechischen Sammler Philippe Niarchos handelt.
Andere Lose hatten weniger Glück: Alle drei Drip Paintings von Jackson Pollock, das teuerste von ihnen auf achtzehn bis 25 Millionen Dollar taxiert, waren mit Garantie versehen, aber keines fand einen Abnehmer. Im Besitz des Auktionshauses bleibt auch Gerhard Richters schwarzweißes Bild Spanische Akte (Osterakte) von 1967, das mit einer ambitionierten Taxe von neun bis zwölf Millionen Dollar einfach überschätzt war, so der Richter-Experte und Kunsthändler Paul Schönewald. Kein Interessent war bereit, mehr als 7,75 Millionen Dollar zu bieten, und so blieb das Bild unverkauft.
Wesselmanns Smoker
Doch es hagelte auch neue Rekorde: Jean-Michel Basquiats unbetitelte Leinwand im Graffiti-Stil aus dem Israel Museum in Jerusalem wurde einem Sammler für dreizehn Millionen Dollar zugeschlagen (6/8 Millionen). Tom Wesselmanns über drei Meter breiter verführerischer Frauenmund Smoker # 17 von 1975 ging gegen Gebote der Kunsthändlerin Daniella Luxembourg für 5,2 Millionen Dollar, rund das Doppelte der Taxe, an den asiatischen Handel. Die New Yorker Kunsthändlerin Barbara Guggenheim sicherte einem ihrer Kunden Robert Rauschenbergs Assemblage Photograph von 1959 knapp unterhalb der Schätzung für 9,5 Millionen Dollar - auch das ein neuer Rekord.
Populär waren wieder die deutschen Künstler: Franz Ackermanns Abstraktion Evasion VI von 1996 brachte die obere Taxe von 350.000 Dollar. Daniel Richters grelle Darstellung eines mysteriösen Rituals von 2002 erzielte mit 700.000 Dollar einen neuen Rekord (350.000/450.000). Am Schluss des Abends hatte Sotheby's 65 von 74 Losen verkauft und damit einen Umsatz von fast 255 Millionen Dollar gemacht, so viel, wie noch kein Auktionshaus zuvor in dieser Kategorie umgesetzt hatte. Doch dieser Rekord hielt nur 24 Stunden.
Geld spielt keine Rolle
Was sich aber dann am nächsten Abend bei Christie's darbot, schien von jeder Relation vollkommen losgelöst. Es war, als würde Geld keine Rolle mehr spielen. Insgesamt wurden fast 385 Millionen Dollar umgesetzt. Von 78 Losen blieben nur vier Werke unverkauft - und diese aus dem unteren Preissegment. 65 Lose erzielten Preise von mindestens einer Million Dollar.
Andy Warhols Green Car Crash von 1963 zeigt in schwarzem Siebdruck auf giftgrünem Grund in siebenfacher Wiederholung das makabre Nachrichtenfoto eines tödlichen Autounfalls. Das Bild war auf 25 bis 35 Millionen Dollar geschätzt, doch die Gebote kamen von fünf verschiedenen Seiten in Millionenschritten und hatten die obere Taxe schnell überholt. Dann nahm Christopher Burge stetige 500.000-Dollar-Schritte von zwei Agenten am Telefon entgegen: Ken Yeh, Spezialist für asiatische Kunst bei Christie's, sprach gleichzeitig in zwei Telefonhörer.
Ungläubiges Gelächter brach aus, als sich Larry Gagosian bei 61,5 Millionen noch einmal in das Gefecht einmischte, aber schließlich erhielt Yeh bei 64 Millionen unter Applaus den Zuschlag für einen seiner Kunden. Der Käufer muss mit Aufpreis 71,72 Millionen Dollar zahlen. Es könnte sich um den Hongkonger Sammler Joseph Lau handeln, der vor einem halben Jahr mit 15,5 Millionen Dollar für Warhols Mao den bisherigen Rekord für den Künstler aufgestellt hatte.
Höchstpreis für Gerhard Richter
Christie's schuf 25 weitere Rekorde an diesem Abend, darunter für Werke von Eva Hesse, Donald Judd, Arshile Gorky, Agnes Martin, Hans Hofmann, Richard Artschwager und jüngere Semester wie Damien Hirst, Cecily Brown, Wilhelm Sasnal und Matthias Weischer. Erfolg hatte auch John Baldessaris Leinwand von 1967/68 mit dem vielversprechenden Text: Quality Material - Careful Inspection - Good Workmanship. All combined in an effort to give you a perfect painting. Der schwedische Galerist Per Skarstedt wurde dabei beobachtet, wie er das Bild für 3,9 Millionen Dollar ersteigerte (1,5/2 Millionen). Auch Gerhard Richter hat einen neuen Höchstpreis erzielt: Sein Abstraktes Bild von 1992, das sich einst in der Sammlung von Frieder Burda befand, wurde einem telefonischen Bieter für 5,5 Millionen Dollar (3/4,5 Millionen) zugeschlagen.
Viel Geld ließ sich wieder mit Pop-Art verdienen: 1959 hat Jasper Johns in Enkaustik und Collagetechnik die Zahl Vier in den Farben Blau, Rot und Gelb auf eine nur 50 mal 40 Zentimeter messende Leinwand gebannt. Dafür erwartete Christie's zwischen vierzehn und achtzehn Millionen Dollar. Es stammte aus der Sammlung von Nina Sundell, der Tochter von Johns' langjährigem Händler Leo Castelli. Larry Gagosian griff bei 15,5 Millionen Dollar zu, einem Rekordpreis für den Künstler.
Rothko glänzt auch bei Christie's
Warhols Lemon Marilyn von 1962, die der New Yorker Händler Richard Solomon seit 45 Jahren sein Eigen nannte, verteidigte ihren Status als Ikone und kletterte unter Geboten von Andrew Fabricant und Gagosian bis auf telefonisch gebotene 25 Millionen Dollar (15/20 Millionen). Für Willem de Koonings schwungvolle Abstraktion Untitled I von 1981 hatte Christie's dem Einlieferer Robert Lehrman aus Washington eine Garantie in unbekannter Höhe zugesagt und einen eigenen Katalog drucken lassen. Die Taxe lag bei 20 bis 25 Millionen Dollar, aber in diesem Fall wurde das Los schon bei siebzehn Millionen zugeschlagen. Mark Rothko, am Vorabend von Sotheby's in den Adelsstand erhoben, glänzte auch bei Christie's. Sein von Robert Mnuchin eingeliefertes orangefarbenes Gemälde von 1954 erreichte mit 24 Millionen Dollar fast die obere Taxe.
Lebendig ging es auch bei Phillips, de Pury & Company mit hauptsächlich jüngerer Kunst zu: 68 von 74 Losen brachten insgesamt 33,3 Millionen Dollar ein, mehr als die obere Gesamttaxe. Vierzehn neue Rekorde wurden für Künstler wie Fred Tomaselli, Anselm Reyle, Francesco Vezzoli und Mark Grotjahn notiert. Rudolf Stingels silberglänzende Tafel mit dem eingeritzten Spruch Who do you love? von 2002 verzehnfachte seine Taxe und kletterte auf 620 000 Dollar. Die Käuferin im Saal war Jane Holzer, eine Expertin für Silberglanz, war sie doch einst ein Superstar in Andy Warhols Silver Factory.
Text: F.A.Z., 19.05.2007, Nr. 115 / Seite 24
Bildmaterial: Christie's, REUTERS
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