27. Oktober 2008 Kann man sich Silvio Berlusconi als Hausbesetzer vorstellen? Als aufmüpfigen Jugendlichen, der Lehrer, Professoren, Vorgesetzte herausfordert? Wer den Politiker Berlusconi bei Gipfeltreffen erlebt, wenn er schon einmal schlüpfrige Witze mit der finnischen Präsidentin austauscht oder dem spanischen Außenminister Hörner aufsetzt, wird den italienischen Premierminister für einen genüsslichen Provokateur halten. Doch in Fragen der Erziehung kennt der Mailänder Sohn eines Bankers, der erst spät den spießigen Zweireiher gegen ein Armani-Outfit eintauschte, kein Pardon: Nein, er habe niemals als Schüler oder Student demonstriert, erklärte Berlusconi den Medienvertretern kategorisch, als sie ihn zum landesweiten Schulstreik befragten.
Da zeigt die Jugend von heute schon andere Manieren. Der flächendeckende Protest von Schülern und Studenten ist das erste nennenswerte Aufbegehren der Opposition, seit die kommunistischen Parteien wie auch die Grünen bei der letzten Wahl ausradiert wurden. Erst die radikalen Sparmaßnahmen der Berlusconi-Regierung im Schulwesen haben die Renitenz der Bürgerbewegungen wiederaufleben lassen.
Die Linke zeigt wieder Biss
Im ganzen Land besetzen Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern die Schulgebäude. In Rom an der Sapienza-Universität traf es die komplette Physik-Fakultät. In Bari legte ein riesiger Trauerzug, der das öffentliche Bildungssystem symbolisch beerdigte, den Verkehr lahm. In Venedig schafften es die demonstrierenden Lehrer, die Stadt vom Autoverkehr auf dem Festland abzuschneiden. Straßenschlachten, Hausräumungen, Hungerstreiks, Blockaden - plötzlich zeigt Italiens Linke wieder den Biss, der ihr bei der eigenen Regierungsarbeit auffällig abgegangen war.
Anlass ist die Schulreform der neuen Ministerin Mariastella Gelmini, die mit einem Dekret neunzigtausend Stellen im Lehrkörper binnen drei Jahren kürzen (und dabei ohne Kündigungen auskommen) will. Insgesamt sollen die Schulen den Etat mit acht Milliarden Euro weniger belasten. Bisher ist das italienische Schulsystem von einer großzügigen Stellenvergabe mit erbärmlichen Ergebnissen geprägt. Fast anderthalb Millionen Lehrer, in den Unterstufen vor allem Frauen, sind vertraglich angestellt. Angesichts sinkender Schülerzahlen unterrichteten zuletzt drei Kräfte in jeweils zwei Klassen, was auf dem Papier Förderstunden und Einzelbetreuung ermöglicht, in der Praxis aber bequem Krankschreibung und andere Ausfälle wettmacht.
Ein Schulsystem mit Reformbedarf
Dazu kommen noch mindestens drei Monate Sommerferien, die vor allem bei den Eltern Lehrer - wenn diese auch nicht gut bezahlt werden - zu einem beneideten Berufsstand machen. Bei Vormittagsunterricht und endlosen Ferien ist es einer italienischen Familie unmöglich, zwei Einkommen zu beziehen. Einer muss sich um den Nachwuchs kümmern, es sei denn, man hat Geld für Personal oder die Großeltern helfen fleißig. Im Alltag freilich hat eine - auch vom katholischen Klerus begrüßte - Schule ohne ganzjährige und ganztägige Betreuung dazu geführt, dass Italiens Frauen sich immer weniger Kinder leisten können: Entweder man verzichtet auf ein Gehalt und verarmt oder auf ein Kind und kommt ohne Schulmisere aus.
Der knallharte Geschäftsmann Berlusconi dagegen sieht nur die nackten Zahlen: Wir haben zu viele Lehrer. Die Regierung will nicht länger hinnehmen, dass die Lehrerkollegien, so der Premier, als Auffangbecken für das Prekariat herhalten. Die Leistungsbilanz des italienischen Bildungssystems gibt ihm vorderhand recht. Italien würde frohlocken, könnte es nur annähernd die deutschen Ergebnisse der Pisa-Studie aufweisen. Vor allem am Sprachunterricht hapert es gewaltig, so dass im ganzen Land Privatschulen gute Geschäfte machen, die den Italienern das Makkaroni-Englisch auszutreiben versprechen und dafür teuren Zusatzunterricht anbieten.
Berlusconi, ein Kaputtsparer?
Zwar gibt es überall einzelne elitäre Lehrinstitute - meist mit religiösem Hintergrund in katholischen Orden oder jüdischen und waldensischen Schulen -, doch vor allem im armen Süden weist Italien erschreckende Zahlen struktureller Analphabeten auf. Hinweise auf die schlechten italienischen Schulen konterten die Lehrerverbände bisher stets mit neuen Geldforderungen. Gestiegen ist die Qualität aber nur im privaten Schulwesen. Doch ist ein sparender Milliardär-Regierungschef, der selber kein Wort Englisch spricht und seine eigenen Kinder auf die teure und fernsehfreie Waldorf-Schule schickte, ein probater Reformer der italienischen Bildungsmisere? Kann eine Lega Nord, die Sprachprüfungen und eine Trennung einheimischer und eingewanderter Kinder propagiert, das Land für eine multikulturelle Zukunft fitmachen?
Gewerkschaften und die paralysierte linke Opposition werfen Berlusconi vor, er wolle die öffentliche Erziehung kaputtsparen. Die Regierung droht dagegen, besetzte Schulen von der Polizei gewaltsam räumen zu lassen und renitente Lehrer zu suspendieren. Schon gab es in Mailand und anderswo die ersten verletzten Jugendlichen. Doch ist es sehr die Frage, ob es hier wirklich um die Ausbildung der heranwachsenden Italiener geht - oder nicht ausschließlich um Geld, Einfluss und Stellen. Dass es dabei um konkrete Biographien, um die Zukunft der Bambini geht, dürfte bei der politischen und polizeilichen Auseinandersetzung die geringste Rolle spielen.
Text: F.A.Z.
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