250. Geburtstag

Wolferl à la carte

Von Reinhard Olt

26. Januar 2006  „Wolferl“, wohin man blickt. Ganz Österreich begeht am Freitag den 250. Geburtstag Mozarts. Salzburg und Wien suchen naturgemäß einander zu übertreffen. Nichts ist zu aufwendig, kaum etwas zu teuer.

Wenn schon der Kanzler - mit dem „Geburtstagskind“ teilt Schüssel einen Vornamen und die Musenfreuden - zum „Sound of Europe“ in Mozarts Geburtsstadt lädt, um mit Politikern, Ökonomen, Kunst- und Geistesgrößen über die Zukunft des „Alten Kontinents“ nachzudenken, kann Wien nicht nachstehen. Wo Wolfgang Amadé zehn Jahre seines Lebens bis zum Tode zubrachte, feiert man bis Sonntag ein großes Fest, das trotz polarer Eisblumen das Gemüt erwärmen soll.

Der Bogen ist weit gespannt: Orchesterkonzert, Kammermusik, Lied und Arie, Lesung, Kabarett, Film, Neue Musik und Kirchenmusik; im Mozart-Haus, im „MozartFestZelt“ auf dem Stephansplatz sowie in Sälen und Theatern sind Stars und Talente zu erleben. Zu den Höhepunkten gehören die aus dem Stephansdom in 25 Länder übertragene „Krönungsmesse“ sowie das in der Karlskirche aufgeführte „Requiem“. So viel Gedankenschwere und Heiterkeit der Kunst könnte fast zur gar nicht mozarten Wucht werden.

Süßer Botschafter

Kuriositäten dürfen nicht fehlen. Da geben sich zur Geburtsstunde des Compositeurs Beatrice Hirnschrodt und Hannes Naderhirn das Ja-Wort: in Originalkostümen vor der Wiener Staatsoper, genau um 17.56 Uhr und - zum zweitenmal. In der „Inszenierung“ des bereits seit einigen Monaten verheirateten Paares - sie Studentin, er Unternehmer - fungiert ein befreundeter Schauspieler als Standesbeamter, ein Pianist intoniert die „Kleine Nachtmusik“. Danach geht es mit der Kutsche zur Feier. Anstelle von Dosen hängt ein Sack voller Mozartkugeln am Gefährt.

Neben der Musik des Genies hat sich kein anderes Erzeugnis als jene in Stanniolpapier verpackte gleichnamige Kugel als Symbiose aus Mozart und Österreich vermarkten lassen. Fast wäre der Herr Bundeskanzler einst über eine Mozartkugel gestolpert, hatte er sie doch in seiner Ministerratsrede zum Nationalfeiertag am 26. Oktober 2001 in einem Atemzug mit Lipizzanern und Neutralität des Landes zu „alten Schablonen“ erklärt, die in der „komplexen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts“ nicht mehr griffen.

Wolfgang Schüssel wird diese Sentenz kaum mehr wiederholen, so oft pfiffen ihm seitdem ihre Bestandteile gleich Geschossen um die Ohren. Wie konnte er sich nur an dieser Versuchung vergehen! Offenbar um den Fauxpas wider die nicht ganz ausgereifte nationale Identität wiedergutzumachen, wartet der in Schüssels Händen liegende EU-Ratsvorsitz bis Ende Juni just mit den „süßen Botschaftern Österreichs“ als schmückend Beiwerk auf: Alle Teilnehmer erhalten „Echte Salzburger Mozartkugeln“.

Mehlspeis-Symphonie

Von Mirabell, versteht sich: Der Hersteller beliefert von Grödig im Flachgau aus den Weltmarkt nicht allein im Mozart-Jahr mit 90 Millionen Stück. Doch das walnußgroße Kugerl kann man sich auch selbst herzaubern: Die Konditorei Dallmann in St. Gilgen am Wolfgangsee, wo nicht nur Kanzler wie Helmut Kohl und Wolfgang Schüssel seit Jahren urlauben, sondern auch des Genies Mutter einst geboren ward und seine Schwester Nannerl lebte, bietet Mozartkugel-Seminare mit praktischen Übungen und Diplom an.

Die Herstellung ist eigentlich ganz einfach: zuerst Pistazien mit Marzipan mischen, den grünen Teig rollen und mit ein bißchen Staubzucker bestäuben. Zur Kugel geformt, auf einen Holzstab gespießt und in Schokosauce getaucht, ist die Schokolade nach einigen Minuten fest und das Naschwerk fertig. Zum Abschluß des 26-Euro-Kursus wird ein Stück „Mozarts Reisetorte“ serviert. Die „Mehlspeis-Symphonie“ besteht aus Nüssen, Marzipan und Schokolade, dazu gibt's eine Melange.

Für vieles muß der Komponist herhalten. So herrscht rege Nachfrage nach Babyflaschen, Strampelhöschen und Lätzchen, nach T-Shirts und Regenschirmen mit Mozart-Motiven. Unter seinem Kopf und Signet wird nicht allein in diesem Jahr im Salzburger Land und anderswo Golf gespielt und geradelt. Eine Handelsgesellschaft mit dem schlagenden Firmennamen „Next to Mozart“ bietet ein Vollsortiment rund ums Wolferl: von Unterwäsche mit dem geigenden Musiker als Comic-Figur bis zum Regenmantel, von Süßigkeiten und etikettierten Mozart-Bierflaschen bis zu CDs und DVDs.

Amadeus à la carte

Obschon sein konserviertes und kassettiertes Musikschaffen ohnedies schon Regalwände füllt - 11.583 Treffer weist Online-Händler Amazon für ihn aus-, läßt das Mozart-Jahr die CD-Flut noch einmal anschwellen. Auch an Österreichs Schulen hat es Einzug gehalten. Grundschulen wurde für den Unterricht ein „Zauberflötenpaket“ aus zwei Büchern, einer CD und einem Klavierauszug zur Verfügung gestellt, Hauptschulen und Gymnasien je eine CD und eine CD-Rom. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, ehedem Volksschullehrerin, setzt auf musisch-kreative Bildung: Es sei erwiesen, „daß sich musikalische Schulung positiv auf die Vernetzung der Hirnhälften“ auswirke und Musik das logische Denken sowie das Querdenken fördere.

Mozart-Drinks und Mozart-Dessertjoghurts mit Marzipan-, Nougat- und Schokogeschmack stellt die Salzburger Alpenmilch in die Verkaufsregale von Konsumtempeln. Eine Million Packungen will die Molkerei heuer verkaufen. Salzburger Gastronomen schenken derweil Mineralwasser von der „Mozartquelle“ aus - fast wär's Landesverrat, denn der Durstlöscher kommt aus Augsburg, der Geburtsstadt des Vaters. Was dessen Sohn angeblich gerne zu sich nahm, steht in zwei neuen Kochbüchern: In „Amadeus à la carte“ sind Delikatessen wie Kabeljau mit Austern der Hit, das „Mozart-Kochbuch“ preist Rum-Sulz und Kutteln aus der Toskana. Ob Eßwaren oder Gebrauchsartikel - der Phantasie scheinen kaum Grenzen gesetzt. Der virtuelle Rundgang durch das Mozartland (www.mozartland.com) fördert neben den legendären Mozartkugeln Liköre, Parfüms, Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände sowie vielerlei Accessoires mit Mozart-Comicfiguren zutage.

Mozartwurst

Etwa 500 Kunden betreten täglich die beiden Souvenirläden des Geschäftsmanns Haythem Al Wazzan in der Salzburger Getreidegasse. Bierkrüge, Schnaps- und Likörgläser, Kaffeetassen, Teller, Dosen, Schreib- und Spielwaren mit Mozarts Konterfei werden neben Mozart-Kugeln und -Likören besonders gerne gekauft; Servietten und Taschentücher mit Wolferl sind neu im Angebot. Beliebt seien die Souvenirs vor allem bei Asiaten, aber auch bei Italienern und Russen. Gleich am Morgen nach einer nächtlichen Eingebung will sich Fleischhauer Stefan Fuchs aus Grödig ans Werk gemacht haben, eine „Mozartwurst“ zu kreieren. Die 450 Gramm schwere Dauerwurst, die jeweils zur Hälfte aus Schweine- und Rindfleisch besteht und mit Muskatnuß und Pistazien versehen ist, gibt es in Geigenform bei ihm zu kaufen.

Überhaupt scheint man sich gleichermaßen am Kulinarischen wie am Musikalischen zu orientieren: Selbstredend hat die Salzburger Brauerei Stiegl eigens ein Mozart-Bier auf den Markt gebracht, das niederösterreichische Weingut Hiedler (Langenlois) und der burgenländische Winzer Stegschandl (Pöttelsdorf) jeweils einen Mozart-Wein. Und wenn schon „Echtes Salzburger Mozart Dessertjogurt“ und „Echter Salzburger Mozart Drink“, dann auch „Mozartshakes“ von Gerhard Höllinger aus Preßbaum nahe Wien in den Geschmacksrichtungen „Cherry Chocolate“ und „Classic Nougat“. Denn wie im Salzburger Land kann man's in Wien auch, wenn nicht gar besser: Auch die neue Mozart-Schnitte von Manner ist mit Marzipan sowie Nougat gefüllt und mit Schokolade überzogen. In diesem Jahr will man 2,5 Millionen Packungen verkaufen.

Bilder-Potpourri

Weniger hohe Stückzahlen wird wohl die Familie Querfeld, die unter anderem die Wiener Traditionscafes „Landtmann“ und „Mozart“ betreibt, mit ihren Kreationen erzielen. Dafür kommen Mozart-Spitz, Mozart-Torte (bestehend aus selbstgebackenem Schokoladeteig, Nougatobers und Pistazienobers), Mozartkugeln und Mozart-Croissants frisch aus der eigenen Konditorei. Wem das noch nicht süß respektive üppig genug ist, der mag sich auch einen Mozart-Kaffee dazu servieren lassen, einen großen Mokka mit Mozartlikör, Schlagobers (Sahne) und Mandelsplittern. Doch auch wer lieber Tee trinkt in Wien, muß auf Mozartiana nicht verzichten: Demmers Teehaus kreierte eigens eine Mozart-Edition, wobei zur „Papageno-Mischung“ (Früchtetee), „Amadeus-Mischung“ und „Mozart-Mischung“ (beides Schwarztees) passende Teedosen mit Motiven aus „Zauberflöte“, „Kleiner Nachtmusik“ und „Cosi fan tutte“ erhältlich sind.

Und möchte sich wer zur Teestunde bei einem Puzzle entspannen - die Spielkartenfabrik Piatnik brachte ein „Mozart-Puzzle“ mit einem Bilder-Potpourri aus dem Leben des Komponisten heraus. In einem scheint Salzburg in der Rivalität mit Wien allerdings unerreicht: Im „Miracle's Wax Museum“ in der Getreidegasse kann man sich zusammen mit einer Mozart-Wachsfigur am Klavier ablichten lassen und eine Stunde später das fertige Bild mit nach Hause nehmen - zur Erinnerung an den gemeinsam gefeierten 250. Geburtstag.



Text: F.A.Z., 27.01.2006, Nr. 23 / Seite 8
Bildmaterial: REUTERS

 
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