28. August 2006 Wenn man vom dreißigsten Stock des Mediaparkhochhauses, vom Restaurant "Osman 30" aus auf Köln-Ehrenfeld hinunterschaut, erkennt man unser beider Häuser, nur durch zwei kleine Straßen getrennt. So friedlich sieht das aus. Vielleicht standen wir mal zusammen an der Ampel oder saßen uns in der Straßenbahn gegenüber. Der Kioskbesitzer erinnert sich nicht: "So viele Araber", sagt er lachend. Dschihad sah aus wie alle. Man kann nicht alle verdächtigen. Und wer kann schon etwas für seinen Vornamen?
Was bleibt von meinem Nachbarn, der so gerne ein Massenmörder geworden wäre?
In der Pizzapastaschnitzeldönerbude erinnert man sich an ihn. Hier machte er oft Pause vom Basteln an der Frauenmännerkinderzerfetzmaschine.
Nun wird mir alles klar, denke ich
Nun wird mir alles klar, denke ich, als der überdimensionierte Teller kommt. Das vom Spieß abgeschabte Fleisch zieht Fäden vor Fett, die eingelegte rote Pimentsoße fließt in die Knoblauchquarksoße, auf die extrabreiten Pommes hat der fürsorgliche Thekenmitarbeiter Ketchup und Mayo gehäuft. Der kleine Raum wird von einer mobilen Klimaanlage behelligt, auf einem der beiden Kühlschränke steht ein extrabreiter Fernseher und strahlt Viva über die beiden Tische, an denen er sich mit seinem Komplizen gestärkt hat, wenn die Bombenbauarbeit sich hinzog. Nun wird mir alles klar, denke ich, weil man ja irgendwas denken muß und sich Sarkasmus anbietet. Dabei ist die gastronomisch-hermeneutische Methode so sinnig oder unsinnig wie jede andere.
Eine Sünde pro Sekunde
Dieser kleine Imbiß kann einem schon zusetzen. Rein ist hier nichts, dafür sauber. Man kann unter hundert Gerichten wählen, den ganzen Mittelmeerraum rauf und runter, aber auch ein Zigeunerschnitzel oder ein Schnitzel Hawaii kann man bestellen. Im Nebenzimmer stapeln sich die Pizzaboxen, hier wird auch ausgefahren. Es geht hektisch zu, die Musik dröhnt, Ayran gibt es in fünf Geschmacksrichtungen, aber auch mehrere Sorten Bier, Zigaretten, und für die wartenden Taxen vor der Tür steht immer eine Thermoskanne Kaffee bereit. Irgend jemand kommt immer rein, oft, für Dschihad sicher viel zu oft, sind es auch unbegleitete Frauen, die sich schnell noch was einpacken lassen, bevor sie in die Straßenbahn steigen. Ein Fanatiker erkennt hier ungefähr eine Sünde pro Sekunde; da ist die Küche noch nicht mitgerechnet.
Seitdem in der Mitte der vergangenen Woche die Identität der Bombenbauer bekannt wurde, ist der kleine Imbiß oft gefilmt worden. Das macht dem Inhaber, einem nachdenklichen Türken, Sorgen. Wer will schon als Dönermeister der Terroristen bekannt werden. Dieselbe Sorge hat der Inhaber des Internetcafes nebenan auch. Sein Laden, in dem heute auch Lebensmittel, Getränke, Zigaretten und sehr günstige Mp3-Player zu haben sind, läuft kaum noch, seit er als eine Art Al-Qaida-Außenstelle im Fernsehen zu sehen war. Zusammen sitzen sie an einem der Tische und versuchen, auf einem Umweltschutzpapierblock mit Kugelschreiber eine Art Beschwerde an die Medien aufzusetzen.
In Ehrenfeld hat sich mein Nachbar keine Freunde gemacht. Sich dieses Quartier ausgesucht zu haben, das ist einfach - so hört man es von vielen Seiten - besonders gemein. Mehr als ein Viertel der Bewohner ist nicht hier geboren; das sind Zahlen wie aus Vancouver. Nach dem Krieg hatte Ehrenfeld noch ganze tausend Einwohner, heute sind es etwa 35.000, sie leben friedlich zusammen und kommen ganz gut zurecht.
Unmäßig wütend
Ein Kioskbesitzer ist unmäßig wütend. Wie könne es angehen, daß der deutsche Staat 30.000 islamische Extremisten dulde? Und immer seien es doch die Araber, immer dieser Ärger mit den extremistischen Arabern, die solle man endlich rausschmeißen, damit wir endlich wieder unter uns seien. Na, und wer - typisch - hindere uns? "Gesesse und Birokratie!" Es ist eine sorgenvolle, aufgebrachte Litanei, die nicht völlig zu verstehen ist, weil das Deutsch dieses Mannes holpert und stolpert, trotz der vielen Jahre, die der gebürtige Iraner schon in Köln wohnt.
Man kann in einer Großstadt immer einen Bombenleger neben sich wohnen haben, das hat Joseph Conrad schon vor hundert Jahren gewußt. Und Migranten sind immer suspekt, manchmal mit gutem Grund. "Wer soll denn in Rußland eine Revolution machen", hieß es noch 1916 in Zürich, "etwa der Herr Lenin aus dem Cafe Odeon?"
Wallraffs Mißtrauen
Aber man möchte es doch genauer wissen. Hat der versuchte Mord tiefere Wurzeln im Quartier? Günter Wallraff wohnt seit 1968 in Ehrenfeld, heute in einer ehemaligen Klavierfabrik. Seit "Ganz unten" wurde er von der türkischen Community als Ehrenmitglied aufgenommen, außerdem hat er mit dem Geld eine Stiftung unterstützt, die das Zusammenleben verbessern will. Er hält das Viertel nach wie vor für ein gelungenes Beispiel des Miteinanders, wo, oft im selben Haus, arm und reich, alt und jung nebeneinander wohnen. Es sei kein Getto, selbst Griechen und Türken kämen hier bestens miteinander aus. Zu Zeiten der Fatwa hat Salman Rushdie zweimal längere Zeit hier gewohnt. "Wenn die ganze Welt wie Ehrenfeld wäre . . .", entfährt es Wallraff. Aber er hat in den letzten Jahren auch andere Erfahrungen gemacht. Kleine Dönerbuden, in denen plötzlich kein Bier mehr geduldet wurde und wo jetzt kompakte Araber verloren wirkende Afrikaner in Missionierungsgespräche verwickeln. Wallraff hat auch Erfahrungen mit dogmatischen türkischen Gemeinden gemacht, in denen die Verurteilung Rushdies auf einhellige Zustimmung stieß. Seitdem ruft er zu erhöhter Wachsamkeit auf, dazu, gerade auch über religiöse Fragen mit den Nachbarn zu diskutieren, hinzusehen, hinzuhören. Er schaut sich um, wie sich die Moscheen entwickeln, was in den Buchläden so im Schaufenster liegt. Es ist, als mißtraue er der selbstgeschaffenen Idylle.
Es ist ein Viertel in konstanter Bewegung. In vielen Läden ist völlig unklar, was dort angeboten wird. Das gilt besonders dort, wo sich die Friedens- und Reinheitssuche der Westeuropäer nach Osten flüchtet: Es gibt mehr kleine Yoga- und Zen-Läden als Bäckereien. Das einstige städtische Bad, wo man gegen geringe Gebühr Wannenbäder nehmen konnte, ist seit einigen Jahren eine luxuriöse, asiatisch angehauchte Saunalandschaft auf mehreren Ebenen, die trotz hoher Eintrittspreise oft Gäste abweisen muß.
Was die Bild behauptet
Wenige Meter davon entfernt betreiben finstere junge Männer mit Bart einen Tintenpatronennachfüllshop, den bis vor kurzem eine Fototapete der Jerusalemer Al-Aksa-Moschee zierte. Auch hier weist ein Schild an der Glastür auf striktes Alkoholverbot hin.
Diese Seite von Ehrenfeld hat meinen Nachbarn allerdings kaum interessiert. War er überhaupt in der großen Moschee an der Venloer Straße? Die "Bild"-Zeitung hat es behauptet und die Moschee gleich daneben abgebildet. Darüber kann sich Mehmet Yildirim, der Geschäftsführer des türkischen Religions- und Wohlfahrtsvereins Ditib, der auch diese Moschee trägt, nicht beruhigen. "Wir können doch nicht alle kontrollieren. Und selbst wenn - der Mann war legal hier, nie zuvor aufgefallen. Er hat auch die Universität besucht. Warum zeigt die Zeitung nicht ein Bild der Universität?" Haßpredigten gibt es in der Ditib-Moschee nicht. Herr Yildirim beschwört mit feuchten Augen die Gleichheit aller Menschen und den Frieden auf Erden. Es fällt schwer, bei seiner rheinischen Intonation eines manchmal zögernden Deutschs nicht an Mario Adorf zu denken, der eine perfekte Besetzung für Mehmet Yildirim wäre: "Mer sind doch alle monotheistische Religion. Mer sind doch alle für den Frieden", sagt er Mal um Mal, als wäre ich schwer von Begriff.
Keiner von hier
Für seinen Verein konnte so ein Nachbar, Glaubensbruder und Massenmordaspirant nicht zu einem schlechteren Zeitpunkt auftauchen. Ditib plant anstelle eines heruntergekommenen Industriebaus einen ansehnlichen, von Gottfried Böhm entworfenen Moschee-Neubau. Baugenehmigung, Geld, alles ist da. Bloß die öffentliche Meinung zögert. Eine Bürgerinitiative, die der rechten Partei Pro Köln nahesteht, tut alles, um den Moscheeneubau zu verhindern. Herr Dschihad und seine Freunde kommen ihnen da gerade recht: Wer weiß schon, wen so eine Moschee alles anlockt?
Am Freitag mittag haben sich darum neun Männer in Anzügen um einen schmalen Tisch im Sitzungssaal von Ditib gezwängt. Es sind die Repräsentanten der islamischen Verbände. Sie treten äußerst selten zusammen auf, soviel immerhin haben Herr Dschihad und seine Freunde bewirkt: Die Verurteilung der geplanten Verbrechen erfolgt einhellig, die Loslösung der Mordphantasien von der Rechtfertigung durch islamische Gesetze auch! Die Erleichterung darüber, daß noch kein deutscher, kein homegrown terrorist entdeckt wurde, ist ihnen anzumerken. Dabei dürfte dieser schöne Zustand zeitlich begrenzt sein: Warum sollte der globale Dschihadismus, der von Indonesien bis Kanada tobt, ausgerechnet in einem 80-Millionen-Volk keine Anhänger finden? Wo man doch hier auch sonst alles findet. Kindermörder, Sadisten, alles. In Köln tobte der Linksterrorismus, totally homegrown, hier wurde Hanns-Martin Schleyer entführt, die Leichen seiner Begleiter ließen sie auf der Straße liegen.
Alles virtuelle Ziele und Motive
Aus Ehrenfeld dürften die Islamisten eher nicht kommen, meint Wolf-Dietrich Bukow. Der Soziologe unterrichtet Erziehungswissenschaft an der Uni Köln und hat ein großes Forschungsprojekt über die multikulturelle Stadt am Beispiel von Köln-Ehrenfeld geleitet. Der Befund war eigentlich ganz positiv. Bukow kann sich also Ehrenfeld als Nährboden des politischen Islamismus gar nicht vorstellen, im Gegenteil: "Der Mann kann hier gar keine Beziehungen aufgebaut haben, sonst wäre er gar nicht mehr in der Lage gewesen, seine Tat auszuführen. Gerade daß er nicht von hier kommt, macht die Sache ja so kompliziert; denn gäbe es Ursachen für so eine Tat, könnte man ja daran arbeiten. Da das aber alles virtuelle Ziele und Motive sind, sind sie auch unbeeinflußbar." Er redet dann eine Weile über die Gedankenwelt so eines Terroristen. Der Wissenschaftler ist außer der Polizei der einzige, der sich ernsthaft mit meinem Nachbarn zu beschäftigen gewillt ist. Es ist einsam um Dschihad: Der Libanon braucht alles mögliche, aber keine sunnitischen Terroristen als Exportartikel. Der Mörderverein, falls er einem angehört, braucht sicher keine Täter, die auf belauschten Leitungen dauertelefonieren, sich mit dem Taxi chauffieren lassen, Quittungen aufheben, Tonnen von Spuren hinter sich lassen und die Bombe falsch bauen. Und Ehrenfeld will keine Mörder. Auch Professor Bukow schüttelt schließlich den Kopf und murmelt gedankenverloren: "Sich mein Ehrenfeld dafür auszusuchen. Schon 'ne Frechheit."
Dann haben sie - die Nachricht kam mitten in der Pressekonferenz der Muslime - auch den dritten Mann festgenommen, nicht in Köln, sondern in Konstanz, in der Straße, in der mein Vater wohnt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.08.2006, Nr. 34 / Seite 23
Bildmaterial: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes
Das Leben ist eine Baustelle: "Lohengrin" in ![]()
Retter in Not im Fernsehen: Zeit kaufen in der Krise
Ausstellung in Paris: Ich Tarzan, du Leser
Verrücktes A: wie das @ zu seinem Namen kam
Die Kunst zu verschwinden: Rem Kohlhaas' multifunktionaler Zauberwürfel Transformer in Seoul
Eiszeitabenteurer, Wetterfeen und HochstaplerDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() |
![]() |
Gegen die heiligen Gesetze des FernsehensLeser fragen, Marcel Reich-Ranicki erklärt die![]() |
![]() |