15. November 2004 Die Frau, die hinter dem Kleiderständer mit den Kinderanoraks erscheint, ist offenkundig nicht zum Einkaufen gekommen. Sie trägt ein lila Abendkleid und hat ein Paillettentäschchen dabei. Auch der junge Mann, der hinter ihr auftaucht, ist festlich angezogen. Seine Garderobe ist allerdings etwas in Unordnung geraten; die Krawatte sitzt schief, und ein Zipfel seines Hemdes ist aus der Hose gerutscht. Das Paar eilt zum Ausgang des Kaufhauses Bloomingdale's. Suchend bleibt es vor dem Sportschuhgeschäft Footlocker stehen, aus dem laute Rapmusik dringt, bis es schließlich sein Ziel entdeckt: das Brautstudio Chapel of Love.
Zwischen den üppigen Kleidern und den mit Schleiern und Hochzeitskerzen gefüllten Regalen fällt die Tür links neben der Kasse kaum auf. Hinter ihr verbirgt sich das Herzstück des Brautstudios: die Hochzeitskapelle. Der Raum ist fensterlos und hat einen schmutzabweisenden Teppichboden. Als Requisiten der Romantik dienen weiße Bänke, weißgrüner Kunstblumenschmuck und elektrische Kerzen.
Trauungen und Oberhemden
Mehr als 4200 Hochzeitspaare haben sich in der Chapel of Love in den letzten zehn Jahren ewige Treue geschworen. Auch die Frau in dem lila Kleid und ihr unordentlicher Begleiter sind Gäste eines Brautpaares, das an besonderem Ort getraut werden will: in der Mall of America, dem größten geschlossenen Einkaufszentrum der Vereinigten Staaten. Daß auf diesem viergeschossigen Riesenwühltisch von 420.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, den mehr als 520 Geschäfte bedienen, Trauungen gleichsam wie Oberhemden, Mobiltelephone und Kosmetika angeboten werden, scheint die Amerikaner nicht zu stören. Die Mall of America in Bloomington, einem Vorort von Minneapolis, Minnesota, zählt zu den beliebtesten Orten des Landes, die Hochzeitspaare für ihre Trauung wählen.
Ob Victor Gruen, der Erfinder der Shopping Mall, glücklich beim Anblick der Chapel of Love gewesen wäre? Vielleicht wäre der jüdische Architekt, ein bekennender Sozialdemokrat, der vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten flüchtete und 1973 als berühmter Mann in seine Heimatstadt Wien zurückkehrte, eher wehmütig geworden. Denn die Hochzeitsgesellschaft, die sich die Wartezeit bis zur Trauung zwischen den Sportschuhregalen bei Footlocker vertreibt, weckt Erinnerungen an Gruens Ursprungsidee von der Mall. Der Architekt, der 1903 als Victor David Grünbaum geboren wurde, hatte bei der Planung von Einkaufszentren nicht nur Konsum im Sinn. Vielmehr sollten die Shopping Malls auch Orte der Begegnung und der Kommunikation sein. Die Menschen sollten dort verweilen, sich an Gärten und Kunstwerken erfreuen, gemeinsam essen und trinken, Freundschaften schließen und Romanzen beginnen.
Städtische Lebenskultur
In der Shopping Mall sah Gruen die Rettung vor der Suburbanisierung Amerikas. Den seelenlosen Wucherungen auf der grünen Wiese wollte der österreichische Intellektuelle neue Zentren städtischer Lebenskultur entgegensetzen. Einkaufspaläste, so war seine Vision, würden für Amerika zu dem werden, was die Agora für das antike Athen gewesen sei. Gruens erste überdachte und vollklimatisierte Mall liegt kaum zehn Autominuten von der Mall of America entfernt, im Vorort Edina, südlich von Minneapolis. Der erste Spatenstich für das Southdale Center, das damals von der amerikanischen Presse begeistert gefeiert wurde und zu dem die Zeitschrift Architectural Forum anerkennend schrieb, es vermittle stärker den Eindruck einer Innenstadt als die amerikanischen Innenstädte selbst, liegt in diesen Tagen genau fünfzig Jahre zurück.
Seitdem hat es einige Um- und Anbauten gegeben, vor allem, um gegenüber der 1992 eröffneten Mall of America bestehen zu können. Doch sind die Elemente des Southdale Center geblieben, die es zum Archetyp der amerikanischen Shopping Mall haben werden lassen: die Parkplätze, die das große schachtelförmige Gebäude auf mehreren Ebenen umgeben; die Rolltreppen im Zentrum der Mall, in dem unter einem lichtdurchlässigen Dach Wasserspiele, Kunstwerke und Pflanzen Atmosphäre schaffen sollen; die großen Kaufhäuser als Eck- und Anziehungspunkte und schließlich die blitzsauberen Gänge mit den Filialgeschäften, deren Türen dank der konstant gehaltenen Temperatur in der Mall nicht mehr geschlossen werden müssen.
Harmonie und Heiterkeit
Natürlich fehlt in Southdale auch der Food-Court mit den Pizza-, Burger- und China-Imbissen nicht. Vor Little Tokio macht Mary Kaffeepause. Seit dreizehn Jahren arbeitet sie als Kundenbetreuerin in der Mall. Mary, die Kartoffelchips zu ihrem Kaffee knabbert, ist Mitte Sechzig und lebt seit ihrer Collegezeit in der Nähe von Southdale. An den Beginn der Bauarbeiten kann sie sich noch gut erinnern. Sonst war hier ja nur Brachland, sagt sie. Nach den Plänen von Victor Gruen sollten rund um das Einkaufszentrum Häuser, Schulen, ein Krankenhaus, ein Park und ein See in kleinstädtischer Harmonie entstehen. Aber dazu kam es nicht. Statt dessen begann - begünstigt durch eine Steuerreform, die hervorragende Abschreibungsmöglichkeiten für Gewerbegebäude schuf - der Wildwuchs von Bürohäusern, Ladenzeilen und Schnellimbissen, der für die Umgebung amerikanischer Malls so typisch geworden ist, ebenso typisch wie die sorgfältig arrangierte, zimt- und duftkerzengeruch-geschwängerte Harmonie und Heiterkeit im Inneren der Einkaufszentren.
Die amerikanischen Malls haben seit je Ähnlichkeit mit Ferienclubs: Festungsgleich nehmen sie den Besucher gegen die Realität in Schutz und wiegen ihn in der Illusion, daß an nichts Mangel herrsche. Geistige Belebung, wie Gruen sie sich erträumte, wird in den Malls nur geduldet, sofern sie den Konsum nicht behindert. Sogenannte expressive nichtkommerzielle Aktivitäten, mit denen politische Aktivisten, Bettler oder sonstige Störenfriede die Kundschaft erschrecken könnten, sind unerwünscht und wurden von den Betreibern der Malls vielerorts erfolgreich vor Gericht abgewehrt. Dagegen sind den Geschäftsleuten Jugendliche, die in den Malls abhängen, mittlerweile sehr willkommen. Schließlich geben junge Amerikaner heutzutage Milliarden von Dollars in Einkaufszentren aus. Deshalb eröffnen dort auch immer mehr Läden wie Abercrombie & Fitch, die auf junge Kunden zielen.
Wie in einer netten Kleinstadt
So sei es leider auch in Southdale, sagt Mary bedauernd. Für Kunden meines Alters ist es schwierig, hier noch ein Kleid zu finden. Dennoch ließen sich die Einheimischen nicht vom Riesenangebot der Mall of America fortlocken. Aus Loyalität kämen die Besucher weiter nach Southdale. Im übrigen ist es bei uns übersichtlicher und familiärer, sagt die Kundenbetreuerin zum Abschied. Auch in der Mall of America sollen sich die Besucher freilich wie in einer netten Kleinstadt fühlen. Insoweit dachte Jon Jerde, der kalifornische Hauptarchitekt der Megamall, ähnlich wie Victor Gruen. Neu im Konzept Jerdes war jedoch das Spannungs- und Spaßelement, das schnell von anderen Shopping Malls aufgegriffen wurde und in Kinozentren, Kinderspielplätzen, Showbühnen und Themen-Restaurants mit Dschungel- oder Hollywood-Ambiente Gestalt geworden ist.
Zentrum der Phantasie-Kleinstadt, die Jerde in der Mall of America schuf, ist Camp Snoopy, ein Vergnügungspark mit laut ratternder Achterbahn, Kettenkarussell, Wasserfällen, die von künstlichen Felsen rauschen, Souvenirläden in baumumstandenen Blockhütten, Dinosauriern aus Legosteinen und einem Aquarium mit exotischen Fischen im Untergeschoß. Einkaufsvergnügen im Disneyformat. Aber die Mall of America übertrifft Disneyland sogar noch. Mit mehr als 42 Millionen Besuchern im Jahr ist sie die größte Touristenattraktion der Vereinigten Staaten, stärker besucht als Disneyland, Graceland und der Grand Canyon zusammengenommen.
Lifestyle Centers
Damit das so bleibt, soll die Megamall weiter wachsen. Die Rede ist von noch mehr Geschäften und Restaurants, einem Hotelkomplex und einem Wasserpark, sagt der Kundenberater am Informationsschalter. Aber Genaues wissen wir noch nicht. Mit der geplanten Angliederung von Einkaufs- und Unterhaltungsattraktionen folgt das Familienunternehmen Ghermezian, das die Mall of America gemeinsam mit dem Pensionsfonds des amerikanischen Lehrerverbandes betreibt, dem neuen Trend sogenannter Lifestyle Centers, die nicht mehr alles unter einem Dach versammeln, sondern den Amerikanern wieder die Möglichkeit bieten, zwischen Einkaufen, Kino- und Restaurantbesuch frische Luft zu schnappen.
Der schon so oft prophezeite Untergang der Shopping Mall steht damit jedoch kaum bevor. Die Ghermezians versichern jedenfalls, daß der Zauber der Mall of America bewahrt werden solle. Eine mit Tüten beladene Besucherin aus Wisconsin, die nach zehnstündiger Einkaufstour mit Mann und Kindern vor einem saloonartigen Restaurant in der Mall ansteht, ist sich allerdings gewiß, daß sie nicht noch einmal nach Bloomington kommen wird. Das ist alles viel zuviel, sagt sie matt und reibt sich die geröteten Augen. Konsumrausch auf die Spitze getrieben, bemerkt ein älterer Herr aus Nashville. Aber man muß diesen Irrsinn ja mal miterlebt haben. Die Dame aus San Francisco findet die Mall dagegen enttäuschend. Die meisten Geschäfte gibt es doch überall, nur nicht auf so engem Raum, sagt sie. Das Paar schwarzer Schuhe, das sie seit Stunden sucht, hat sie jedenfalls immer noch nicht gefunden.
Für Victor Gruen war es ein Albtraum zu erleben, wie die von ihm erdachten Mall-Luftschlösser zu gigantischen Einkaufsmaschinen pervertierten. Für diese Ausgeburten von Scheußlichkeit übernehme er nicht die Verantwortung, erklärte der Architekt, der geldgierigen Bauträgern die Schuld daran gab, daß die bürgerliche Dimension der von ihm ersonnenen Malls sowie der Gedanke des Umweltschutzes vollständig ignoriert worden seien. Trotz dieser bitteren Erkenntnis blieb Gruen Idealist. Die Einkaufsgettos hätten überhaupt keine Zukunft, prophezeite er. Aber auch darin hat der Schöpfer der Mall sich getäuscht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2004, Nr. 267 / Seite 40
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