Arbeitswelt

Hemdenparadies ohne Gewerkschaften

Von Alexander Jürgs

No logo: T-Shirt von American Apparel in Frankfurt

No logo: T-Shirt von American Apparel in Frankfurt

15. April 2005 Arbeiter verdienen bei ihm im Durchschnitt doppelt soviel, wie der gesetzliche Mindestlohn vorschreibt. Für jeden Mitarbeiter gibt es einen hellen und gutbelüfteten Arbeitsplatz.

Dazu kommen freiwillige Gesundheits- und Zahnversicherungen, kostenlose Sprachkurse, Telefonpausen und Massagen. Und weil die Busfahrer in letzter Zeit so häufig streiken, schenkt Dov Charney jedem Mitarbeiter ein neues Fahrrad, das in der firmeneigenen Radwerkstatt regelmäßig gewartet wird. Würden deutsche Gewerkschaftsfunktionäre heute noch träumen, dann sähe so wohl ihr Paradies aus, und Charney wäre ihr Traumunternehmer.

Paradies ohne Gewerkschaften

Im American-Apparel-Werk in Los Angeles

Im American-Apparel-Werk in Los Angeles

In dessen Paradies aber gibt es keine Gewerkschaften. 1999 siedelte sich der Kanadier in Los Angeles an. Seine Firma American Apparel ist kein Wohlfahrtsverein, sondern mit dreiundachtzig Millionen Dollar Jahresumsatz der erfolgreichste T-Shirt-Hersteller Amerikas - und heute einer der wichtigsten Trendsetter in der Modewelt.

Das ist verwunderlich, weil man sich kaum banalere Kleidungsstücke vorstellen kann. Ein T-Shirt von American Apparel ist unifarben, es fällt nicht durch besondere Schnitte auf, wird nicht mit Logos oder Bildern bedruckt. Seine einzige Raffinesse bleibt am Ende, daß es eng anliegt. Ein basic also, oder wie man vor einer Generation noch sagte: Damen- und Herrenunterbekleidung. Dov Charney, der mit seiner zu großen Kassenbrille und einem sehr verwegenen Oberlippenbart mehr an einen Pornostar aus den Sechzigern denn an einen Unternehmer erinnert, nennt es lieber - bei jeder Gelegenheit, die man ihm dafür bietet - „das beste T-Shirt der Welt“.

Das gute Gewissen des Konsumenten

Der Clou liegt im Detail, im eingenähten Schildchen „Sweatshop free“. Die Hemden werden also nicht in Billiglohnländern zu Bedingungen hergestellt, die Amerikaner wie Westeuropäer ans Mittelalter denken lassen. Das gute Gewissen beim Konsumieren ist das große Versprechen von American Apparel. Keine Marke sein zu wollen, das ist das Markenzeichen der Firma: Als hätte Charney versucht, eine Firma zu erfinden, die erfüllt, was Naomi Klein, die Verfasserin des globalisierungskritischen Standardwerks „No Logo“, einklagt.

Die amerikanische Linke lobt Charney wegen der Arbeitsbedingungen, die Rechte erklärt ihn zum Helden, weil er der heimischen Wirtschaft den Rücken stärkt. Den selbsternannten Weltbürger Charney stört aber nationales Pathos genauso wie die Vereinnahmung durch die Linken, die er mit Präsentationen seiner neuen Kollektionen in Stripbars herzlich gerne ärgert.

„Sozialistischer Kapitalismus“

„Ich mache das hier, um Geld zu verdienen“, wischt Charney jeden Idealismus-Verdacht vom Tisch. „Neuer Kapitalismus“ lautet sein Firmen-Credo oder manchmal auch „sozialistischer Kapitalismus“. Gerade weil er nicht in Fernost produziere, verdiene er so gut: Die Einsparungen an Transportkosten seien enorm, und die Firma könne schneller auf neue Trends reagieren.

Glückliche Arbeiter?

Glückliche Arbeiter?

Letztlich ist Charney wohl einfach ein flammender Verfechter des Regionalismus, ein Mittelständler, der durch Zufall ein Weltunternehmen führt. Er erinnert damit an den „Trigema“-Produzenten Wolfgang Grupp, der sich beharrlich weigert, seinen Standort in Baden-Württemberg zu verlassen. Auch Grupp gilt in der Textilbranche als Kauz. Aber die cooleren T-Shirts macht Charney.

Text: F.A.Z., 15.04.2005, Nr. 87 / Seite 42
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb

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