Antidiskriminierung

Unbemannte Fluchobjekte

Von Andreas Rosenfelder

Sind die Alten das neue Feindbild?

Sind die Alten das neue Feindbild?

05. April 2005 Auf dem Tisch vor Hanne Schweitzer liegt ein Päckchen Tabak samt Blättchen. „Wenn es Sie nicht stört, rauche ich eine Fluppe.“ Frau Schweitzer leitet das Kölner Büro gegen Altersdiskriminierung. Der 1999 gegründete Verein sitzt in einer ruhigen Seitenstraße des Neumarkts. Zuvor nutzte ein Label für Technomusik die Räume, bevor es Konkurs ging. Die goldenen Jahre einer um sich selbst kreisenden Jugendkultur sind auch in Köln zu Ende.

„Alter ist die Diskriminierungsart, die jeden betrifft“, sagt Hanne Schweitzer. An der Wand hängt ein Plakat vom „Ersten bundesweiten Beschwerdetag“ am Buß- und Bettag 2001, das Motto lautete „Zähne zeigen!“. An diesem Tag gingen 1600 Anrufe ein, die das Büro in einer Studie aufarbeitete - für Schweitzer der erste „Daseinsbeweis“ für Altersdiskriminierung in Deutschland.

Vom gar nicht erst angeschauten Bewerbungsschreiben über die verwehrte Hypothek bis hin zur verweigerten Weiterbildung reicht das Spektrum der gemeldeten Delikte. Einer Zweiundneunzigjährigen kündigte die Hausbank nach fünfzig Jahren den Dispositionskredit, obwohl die Frau ein Zehnfamilienhaus besaß und jeden Monat hohe Mieteinkünfte verzeichnete.

Bewußtsein verändern

Hanne Schweitzer sieht im Antidiskriminierungsgesetz kein Minderheitenthema. Die agile Journalistin stammt aus einer deutschamerikanischen Familie und bewundert, „mit welchem Selbstbewußtsein die Amerikaner im Alter noch Karrieren starten und am öffentlichen Leben teilnehmen“. Die deutsche Debatte über die Lebensarbeitszeit sei in den Vereinigten Staaten, wo der Zwangsruhestand 1984 abgeschafft wurde, undenkbar.

„Mit Gesetzen“, glaubt Frau Schweitzer, „kann man Bewußtsein verändern.“ Tatsächlich hält sie die europäische Richtlinie, die im Arbeitsrecht das „legitime Ziel“ der Beschäftigungspolitik als Grund für „Ungleichbehandlung wegen des Alters“ gelten läßt, nur für ein schwaches Instrument. In Amerika sei schon jene Eingangsfloskel im Lebenslauf, welche den Zeitpunkt der Geburt benennt, streng verboten.

Schnippische Bemerkungen

Doch als Klientel einer an den Protestbewegungen geschulten Antidiskriminierungspolitik sind die Alten offenbar nicht leicht zu gewinnen. Bessergestellte Damen, berichtet die Büroleiterin, reagierten auf das Thema mit „schnippischen“ Bemerkungen: „Ich werde doch nicht diskriminiert!“ Als Hanne Schweitzer im Kölner „BürgerInnenforum“ den Schulterschluß mit Homosexuellen und Ausländern suchte, kündigten drei Vereinsmitglieder. Dennoch ist sie von der Wesensverwandtschaft jener Merkmale, die der Entwurf zum Antidiskriminierungsgesetz nebeneinanderstellt, fest überzeugt: „Die Alten haben die Ausländer als Feindbild abgelöst.“

Auch Susanne Laaroussi, Leiterin des Antidiskriminierungsbüros des Vereins „Öffentlichkeit gegen Gewalt“, verteidigt den „horizontalen Ansatz“ des Gesetzentwurfs. Schließlich sei es kein Zufall, daß im Dritten Reich sowohl Juden als auch Schwule, Behinderte und Sinti und Roma verfolgt wurden. Frau Laaroussis Büroräume liegen an der von türkischer Infrastruktur geprägten Keupstraße in Köln-Mülheim. Besonders häufig habe ihre Stelle mit Problemen bei der Wohnungssuche zu tun, die für Einwanderer oft schon bei der Namensnennung aufhört. Beweisen aber lasse sich Diskriminierung schwer. Wie bei den inoffiziellen „Türkentarifen“, die viele Kfz-Versicherer wegen des angeblich höheren Unfallrisikos anbieten, hälfen allenfalls Kontrollanrufe durch Deutsche.

„Diversity Manager“ bei Ford

Frau Laaroussi bezeichnet die geläufigen Gegenargumente zum Antidiskriminierungsgesetz als Lügen. Mit einer Prozeßlawine sei nicht zu rechnen, da gerade Migranten meist wenig Geld und keinen Rechtsschutz hätten - wer Diskriminierung nicht belegen könne, müsse die Prozeßkosten schließlich selbst tragen. Was den wirtschaftlichen Schaden angeht, so verweist die Vereinsaktivistin auf das Beispiel des Ford-Konzerns, der auch an seinem Kölner Standort einen „Diversity Manager“ unterhält. Das amerikanische Unternehmen habe erkannt, daß Mitarbeiter mit „ethnischem Hintergrund“ bei der Ausrichtung auf fremde Märkte und die Zielgruppe der Migranten im Inland gute Dienste leisten.

Trotz des Lobs für Ford läßt Laaroussi durchklingen, daß Selbstregulierung nicht ihre Herzenssache ist. Schließlich nutze der Neoliberalismus die Ungleichheit bloß aus, während es in ihrem Verein um Menschenrechte gehe. Auf das von den Gegnern des Gesetzes gepflegte Klischee der Addition aller möglichen Diskriminierungsmerkmale angesprochen, reagiert die Diplomsoziologin etwas irritiert: Tatsächlich tauge der Gesetzentwurf besonders gut zur Erfassung jener Fälle, in denen zum Beispiel eine Frau mit nichtdeutscher Herkunft auch noch lesbisch und außerdem behindert sei. Trotzdem seien die Opfer „keine Ufos“ und die Furcht des vermeintlichen Durchschnittsmenschen unangebracht: „Arbeitgeber dürfen ja weiterhin den starken, weißen Mann einstellen, wenn es einen sachlichen Grund gibt.“

Sonderstatus der Migranten

Trotz aller Vernetzung mit anderen Gruppen beharrt Frau Laaroussi auf einem Sonderstatus der Migranten, die zumal ohne deutschen Paß immer noch zu den „Rechtlosesten“ unserer Gesellschaft zählten - anders als etwa die Schwulen, die häufig gut situiert seien. Der ehemalige Nachrichtenjournalist Gerhard Grühn leitet den Arbeitskreis Antidiskriminierung der Kölner „lesbian and gay liberation front“, die er 1972 mitgründete. Grühn geht von der Sozialpsychologie des Vorurteils aus und von der Existenz des von Adorno beschriebenen „autoritären Charakters“, der prinzipiell alle Minderheiten diskriminiere.

Wenn Grühn heute Umfragen in der schwul-lesbischen Szene macht, schütteln die Zwanzig- bis Dreißigjährigen, „die die Diskriminierung in ihrer scharfen Form gar nicht mehr erlebt haben“, oft den Kopf. Doch Grühn mißtraut dem festen Platz, den Homosexuelle im modernen Großstadtleben einnehmen. Diskriminierung sei lediglich subtiler geworden und werde zum Teil gar nicht mehr bemerkt: „Solange man nicht rumtuckt, passiert relativ wenig.“

Schutzpanzer und Scheintoleranz

So deutet Grühn gerade die schwul-lesbische Infrastruktur, auf die Köln so stolz ist, als Schutzpanzer zur „Diskriminierungsabwehr“. Man brauchte die zahllosen schwulen Sportvereine und Kneipen nicht, könnte man sich in gewöhnlichen Sportklubs und Lokalen wohl fühlen. Und auch das Großereignis des „Christopher Street Day“ zeuge eher von Scheintoleranz. Schließlich seien die Erkennungszeichen der Schwulenszene und ihr Habitus längst von Trendsettern vereinnahmt worden.

So werden ehemalige Diskriminierungsmerkmale zur Mode. Doch in dieser Metamorphose durch Kultur sieht der Pensionär keinen Fortschritt. Grühn setzt große Stücke auf die gesetzliche Regelung. Da die meisten Schwulen immer noch „versteckt“ lebten, böten sie sich besonders am Arbeitsplatz als hilflose Opfer an. Grühn spricht aus eigener Erfahrung: Er selbst habe einmal eine anstehende Beförderung nur deshalb retten können, weil die Kollegen schon von seiner sexuellen Orientierung wußten und der Mobbingversuch eines Kollegen deshalb ins Leere lief. Diskriminiert wurde in diesem Fall am Ende der Diskriminierer.

Text: F.A.Z., 06.04.2005, Nr. 79 / Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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