Oper

Bayreuth: mächtig, aber nicht mehr attraktiv

Von Eleonore Büning

Gibt den Ring zurück: von Trier

Gibt den Ring zurück: von Trier

07. Juni 2004 Eine Oper ist eine Oper und kein Film. Das gilt zunächst für die Gestehungskosten. Zweitens für die Distribution, drittens für die Klientel und schließlich für die Kreise, die ein Kunstwerk zieht, vorwärts in die Zukunft und zurück in die Vergangenheit. Trotzdem gingen Opernschaffende, spätestens seit Alexander Kluge die verborgenen Verwandtschaftskriechströme in der Rezeption der beiden Gefühlskraftwerke aufdeckte, gern vom Gegenteil aus. Opernregisseure flirteten mit filmischen Mitteln. Filmemacher verschenkten sich an Opernthemen.

Dann kam irgendwann in den Neunzigern die Sache mit den Seitensprüngen in Schwung. Was bei Werner Herzog (der vor einem Vierteljahrhundert in Bayreuth den "Lohengrin" inszenierte) noch lautere Glücks- und doppelgängerische Liebesbeziehung war, wuchs sich - und zwar just in dem Maße, da es die städtischen Opernhäuser als elitäre Luxustempel in den finanz- und gesellschaftspolitischen Legitimationsdruck hineintrieb - aus zu einer Modemasche und zum spektakulären Name-dropping-Spiel.

Chic und Schlagzeile

Filmstars am Stadttheater, möglichst ohne Notenkenntnis, sind wie eine Frischegarantie. Sie bringen Chic und Schlagzeile mit, versprechen Quote, Jugend, Hoffnung, Spaß, Spiel, Spannung und blasen den Staub vom Image. So amüsierte sich Doris Dörrie mit Mozarts "Cosí fan tutte". Bernd Eichinger soll den nächsten Berliner "Parsifal" ins Bild setzen, und Lars von Trier war vorgesehen für den nächsten Bayreuther "Ring" im Jahr 2006. Es sollte seine erste Opernarbeit werden.

Am Wochenende hat er abgesagt. "Überraschend", wie es in der Pressemitteilung der Festspielleitung heißt. Einvernehmlich und aus Kapazitätsgründen, so erklärte von Trier, der als ehrenrettender Jungsiegfried einer neuen Bayreuth-Dramaturgie reichlich Vorschußlorbeer hatte einstecken dürfen und bereits zwei Jahre mehr oder weniger intensiv an dem Projekt arbeitete. Die "Dimensionen" der Arbeit am "Ring" würden - "realistisch betrachtet" - seine "Kräfte" übersteigen. Das ehrt zwar den dogmatischen Bastler mit dem destruktiven Spieltrieb und den quertreiberischen Visionen. Nur ist "Realismus" in bezug auf Bayreuth mit Gewißheit die falsche Vokabel.

Mythos Bayreuth

Nicht am Fachfremdeln, nicht einmal an der Aufknotung labyrinthisch inszestuös verwickelter Personenpsychologien von Göttern, Zwergen, Helden in der implosiven musikalisch-theatralischen Endzeit-Utopie mag von Trier verzweifelt sein, der als ein Arbeitswütiger bekannt ist und zu seiner Amerika-Filmtrilogie gewiß vergleichbare Ideenlogistik zu stemmen hatte. Viel wahrscheinlicher, daß er in die Knie ging vor dem übermächtigen Mythos Bayreuth, der sich speist aus dem Widerspruch zwischen institutionalisierter Revolution und staatstragendem Spektakel. Und der, selbst seit das Hort-Hüten des Wagner-OEuvres in zeitgemäßer "Werkstatt"-Verkleidung daherkommt, tatsächlich immer noch schwer aufs Gemüt jedes kreativen Geistes schlagen kann.

Viele große Opernregisseure haben in Bayreuth nur ihr Mittelmäßigstes abgeliefert. Und seit dem "Ring" von Chéreau-Boulez gab es ästhetisch keine nennenswerte Vorwärtsbewegung mehr auf dem grünen Hügel. Ja, Bayreuth ist nicht einmal mehr sängerisch und musikalisch der Nabel von Wagnerianers Welt. Eine lebensprühende, zeitgemäße Neusicht auf die Werke wird schon lange nicht mehr vom Festspielhaus in Bayreuth erwartet, vielmehr kommt die Kunde davon Saison für Saison aus den deutschen Stadttheatern, von Stuttgart über Kiel bis Münster und Meiningen, wo die "Walküre" mittlerweile ein mindestens so gut ausgebuchter Repertoire-Renner geworden ist wie die "Zauberflöte".

Bayreuth bleibt Bayreuth

Auch in Paris und Petersburg, ja, selbst im dänischen Kopenhagen schmiedet man sich einen eigenen "Ring". Bayreuth ist als Idee längst überflüssig geworden, nicht einmal ästhetisch mehr attraktiv. Und dennoch ist und bleibt Bayreuth stets Bayreuth: kein Opernhaus, aber eine geschichtsmächtige Idee; kein realistischer Betrieb, sondern ein surreales gesellschaftliches Sommertheater, national teilfinanziert, im Besitze der Familie.

Der Chef des alleweil medienwirksam zerstrittenen Clans, Richard Wagners rüstiger Enkel Wolfgang (84), hat sich in den letzten Jahren einiges einfallen lassen, um den Anschluß Bayreuths an das Niveau der Stadttheater zu bewerkstelligen: mit den Engagements von Claus Guth (für den "Holländer" 2003) oder Christoph Schlingensief (für den "Parsifal" 2004) sowie von Martin Kusej und Willi Decker, die freilich abgewinkt haben. Und Tochter Katharina (25) lernte das Wagner-Regieführen nicht konservativ beim Papa, vielmehr innovativ an kleineren Häusern in der Provinz. Zum schnellen Einspringen für den "Ring" 2006, so die erste Reaktion der Kronprinzessin gegenüber dem "Nordbayerischen Kurier", fühle sie sich aber noch nicht reif.

Da jedoch satisfaktionsfähige "Ring"-Regieteams nicht mehr Schlange stehen vor dem Festspielhaus; da außerdem die Agenturen bereits darüber spekulieren, daß Katharina Wagner wohl als einzige vertraut gewesen sein soll mit dem von Trierschen "Ring"-Konzept; und da sie schließlich getrost bauen kann auf des Vaters praktische Erfahrung, der selbst den "Ring" schon zweimal (1960 und 1970) inszeniert hat, ist nun mit einer kleinen Familienlösung zu rechnen. Realistisch betrachtet: Erfahrung ist schließlich nicht das Schlechteste bei sechzehn Stunden Live-Musikdrama, ohne Schnitt.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.06.2004, Nr. 130 / Seite 37
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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