08. November 2004 Wahnsinn! war der Ruf der Stunde, aber ins historische Gedächtnis ist das Bild jener Nacht, als die Ostdeutschen an desorientierten Grenzposten vorbei nach West-Berlin rannten, als Triumph der Freiheit eingegangen. Die erste gelungene Freiheitsrevolution in unserer Geschichte sei das gewesen, sagte Genscher am Sonntag in der Fernsehrunde von Sabine Christiansen und entrüstete sich noch einmal über die Idee, das arbeitsfreie Gedenken daran zu kassieren.
Damals mischte das abgeklärte Westbewußtsein freilich das schnöde Motiv der Bananen in den idealistischen Überschwang, und Analytiker wollten eher eine Implosion des Systems als eine zielgerichtete Revolution erkennen, als die Macht des Kommunismus unterging. Erst allmählich gerann die Emotion der Stunde zur geschichtlichen Abstraktion; dann aber schlug die Freiheit in Großbuchstaben alle anderen Deutungsmuster aus dem Feld.
Helden des Rückzugs
In den Jahren des Kalten Krieges war die Vorstellung der freien Welt als Gegenentwurf zur kommunistischen Geschichtsphilosophie aufgebaut worden, und als der Widerpart nun wegfiel, stand die Freiheit allein da. In Fukuyamas Vision eines Endes der Geschichte und in linksliberalen Gedankenspielen über eine Weltregierung lebte diese Gegen-Geschichtsphilosophie noch ein paar Jahre fort. Doch auch jenseits der Debatten um solche theoretischen Großbausteine war evident, daß sich selbst im von manchen Westlern diskreditierten Drang nach Konsum eine Freiheit elementarer Art ausdrückte, wie Hans Magnus Enzensberger das damals in seinem berühmten Essay über die Helden des Rückzugs nachwies.
Ob in Groß- oder Kleinbuchstaben: Fünfzehn Jahre danach scheint die Idee der Freiheit völlig versickert zu sein, und womöglich ist gerade das ein Grund für die gegenwärtige deutsche Malaise. Niemand wird bestreiten, daß die Wiedervereinigung auf Verwaltungsebene, politisch, ökonomisch, urbanistisch, gut geklappt hat. Sosehr auch immer wieder gern die Ungleichheit zwischen Ost und West im Mittelpunkt des Interesses steht, so nüchtern gilt es doch festzuhalten: Ernste politische Spannungen zwischen Ost und West gibt es bislang nicht. Was aber ist aus der Freiheit geworden, die 1989 den Legitimationskern der Wende bildete?
Handfeste ökonomische Gründe
Das damalige Freiheitssignal Konsum hat seine Vorzeichen gewechselt. Es ist heute kein Ausdruck von Selbstbestimmung mehr, sondern von Abhängigkeit, Passivität und Lethargie. Das hängt nicht nur mit der gewöhnlichen Melancholie der Erfüllung zusammen. Es hat auch ganz handfeste ökonomische Gründe. Jeder dritte Euro, der im Osten ausgegeben wird, so hat Hans-Werner Sinn errechnet, stammt aus westlichen Transferzahlungen. Das liegt nicht daran, daß die Ostdeutschen nicht selber zahlen wollten. Doch die Möglichkeiten, zum Sozialprodukt beizutragen, selber aktiv zu sein, sind geringer geworden.
Die Freiheitsgefühle der ersten Stunde, in der viele versuchten, ihren eigenen Laden aufzumachen, verkehrten sich in Ohnmachtsgefühle, als das nicht klappte, als Fabriken schließen mußten und Arbeit verlorenging. Heute sind viele aufgehübschte Altstädte im Osten die reinen Einkaufsparadiese, die aber nach Ladenschluß wie ausgestorben wirken. Der Journalist Jens Bisky hat darauf hingewiesen, daß Ostdeutschland heute die Region mit der größten Spaßbäderdichte weltweit ist.
Amerikas eingeschränkte Freiheit
Geschichtsphilosophisch hat die freie Welt den Wegfall des unfreien Feindes nicht lange überlebt. Der von George W. Bush unternommene Versuch eines Revivals in Gestalt der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus ist in Deutschland nicht geglückt. Noch in der Zeit, als Schröder Bush seiner uneingeschränkten Solidarität versicherte, gebrauchte er lieber den Terminus der zivilisierten Welt. Unterdessen hat man im Herzen Amerikas gesehen, welche Einschränkungen der Freiheit auch inmitten der freien Welt möglich sind.
So scheint die Freiheit zu einer blassen Abstraktion geworden zu sein, deren Großflächigkeit man nicht mehr zutraut, der Komplexität der gegenwärtigen Lage gerecht zu werden. Das gesunkene Kulturgut marxistischer Ideologiekritik im Osten scheint sich mit ironischer Pathosfeindlichkeit im Westen zu einem Dauergrummelton zu treffen, der dem Pathos von Neuheit und Abwechslung, wie es aus dem Freiheitsbegriff tönt, um keinen Preis trauen möchte.
Was tun?
Nicht, daß für die Ostdeutschen alles schlecht wäre, was seit 1989 passiert ist. Aber unter den positiven Entwicklungen, die sie Meinungsforschern gegenüber im Jahre 2004 aufzählen, rangiert die Freiheit der Meinungen erst an sechster Stelle, hinter Verbesserungen bezüglich Warenangebot, Reisemöglichkeiten, Wohnqualität, Informationsmöglichkeit und dem Zustand der Städte. Neutralisiert wird das noch dadurch, daß sechzig Prozent der Befragten in der gleichen Allensbach-Untersuchung zu Protokoll geben: Man weiß nicht mehr, was man tun soll.
Doch auch in Westdeutschland scheint Freiheit vor allem als Möglichkeit zur selbstverantwortlichen Altersvorsorge geschätzt zu werden, nicht aber als eine regulative politische Idee, die die gesamte Nation oder noch mehr erfaßt. Jeder vierte von ihnen würde gemäß einer Forsa-Umfrage dieses Jahres gerne die Mauer wiederhaben. Im Osten ist der Wert nur halb so hoch, doch ein Drittel ist dort mit der Demokratie nicht zufrieden; das Mißtrauen gegenüber den Institutionen ist größer als das Vertrauen.
Verpaßte Gelegenheit zur Neugründung
Generell rechnen 35 Prozent aller Deutschen mit einer Verschlechterung der Verhältnisse. Für den größten Teil der Ostdeutschen ist es keine Frage, daß sie ökonomisch viel besser gestellt sind als vor der Wende, doch offenbar fehlt ihnen das Gefühl der Selbstermächtigung und Souveränität, das erst optimistisch stimmen kann. Eine Voraussetzung der Freiheit ist eben auch die Respektierung des kulturellen Umfelds, die das Gefühl verleiht, man sei sein eigener Herr. Daß man die DDR-Gesellschaft damals aus pragmatischen Gründen an ein bestehendes Gebilde anschloß, statt die Gelegenheit zu einer Neugründung zu nutzen, hat bis heute kulturelle und psychologische Folgen, die das Freiheitsbewußtsein direkt einschränken. Am demokratischen Willen fehlt es nicht. 44 Prozent der Ostdeutschen halten heute Plebiszite für einen wichtigen Teil der Demokratie.
So scheint die gesamtdeutsche Gesellschaft kein gemeinsames Projekt zu haben, das ihren Freiheitsbegriff mit Inhalt und Emotion füllen könnte. Die Ziele erschöpfen sich darin, daß alles nach Möglichkeit so bleibt, wie es ist. Kein Wunder, daß die Bewältigung der gegenwärtigen ökonomischen Schwierigkeiten zäh und schleppend verläuft. Die Ziellosigkeit, die die andere Seite des mangelnden Freiheitsbewußtseins ist, taucht alles in ein trübes Licht.
Man sieht nur noch Bedrohungen
Dazu gehört auch, daß die Folgen der Befreiung, die real existierenden ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede, auch die zwischen Ost und West, nicht als positiv, sondern als beängstigend empfunden werden - als wäre nicht auch Vielfalt Korrelat der Freiheit. Wo das Bewußtsein freier Selbstermächtigung fehlt, sieht man nur noch Bedrohungen, und der Blickwinkel wird immer enger: Man erwehrt sich der Bedrückungen, indem man nach unten tritt. Daß die Fremdenfeinde immer bessere Wahlergebnisse bekommen, ist der sichtbarste Ausdruck dieser Entwicklung.
Die liberalen Institutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, sobald sie erreicht sind: sie machen klein, feige und genüßlich, schrieb Nietzsche einmal. Man braucht diesen Pessimismus nicht zu teilen. Zur realisierten Freiheit gehört ja gerade, daß sie selbstverständlich genommen wird. Dann mag sie nicht in jeder Umfrage Höchstwerte erreichen. Doch in Deutschland sieht man, was passiert, wenn sie sich verzehrt, weil ihr die politischen Gegenstände ausgehen. Sie verkommt zum Ressentiment.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004, Nr. 262 / Seite 33
Bildmaterial: AP, F.A.Z.-Greser&Lenz
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