Von Joseph Croitoru
23. April 2008 NS-Vergleiche in der Absicht, den Gegner herabzusetzen, sind zwar keine Erfindung des israelisch-palästinensischen Konflikts. Doch haben sie seit den siebziger Jahren, als sich Palästinenser und Israelis gegenseitig als Nazis“ beschimpften, dort ihren festen Platz. Während der Intifada wurden solche Analogien im palästinensischen Diskurs zwar zur Routine, dauerhaft verwendet wurden sie jedoch vor allem in der Kampfsprache der islamistischen Hamas. Vor einigen Jahren wiederum tauchte der Begriff palästinensischer Holocaust“ sporadisch bei der säkularen Fatah auf, wo er aber nur im Zusammenhang mit der Nakba, der Katastrophe der Vertreibungen von 1948, Verwendung fand und wieder verschwand.
Seit März dieses Jahres kursiert er nun bei der Hamas und in Islamistenkreisen weltweit: Sie sprechen jetzt von einem palästinensischen Holocaust“ und einem angeblichen Vernichtungskrieg, den Israel im Gaza führe. Wie gerufen kam den Islamisten dabei eine unbedachte Äußerung des stellvertretenden israelischen Verteidigungsministers und Ex-Generals Matan Vilnai, der nach mehrtägigem palästinensischem Raketenbeschuss den Angreifern im Gazastreifen gedroht hatte, sie würden, wenn sie so weitermachten, eine noch größere Schoa über sich bringen“.
Holocaust mit und ohne Anführungszeichen
Ungeachtet der Tatsache, dass die Grundbedeutung des hebräischen Wortes Schoa“ schlicht Unglück“ oder Katastrophe“ ist, wurde der Begriff von den Propagandisten der Hamas nur zu gern missverstanden. Ihre Hauszeitung Felesteen“ überschrieb denn auch Anfang März ihre Titelseite, die einen Vater mit seinem von den Israelis getöteten Baby zeigt, mit dem Begriff Al-Mahraka“. Mit diesem Terminus wurde in der arabischen Welt bislang nur der jüdische Holocaust bezeichnet – arabische Schoa-Leugner setzen ihn allerdings immer in Anführungszeichen.
Indes hat das einflussreiche islamistische Internetportal Islamonline“ die neue Holocaust-Propaganda der Hamas übernommen, um sie weiter auszubauen. Hier werden inzwischen nicht nur Interviews mit verletzten Opfern des Gaza-Holocausts“ gesendet. Die zweisprachige Website enthält neuerdings auch eine Rubrik mit dem Titel Palestine Holocaust Museum“, für dessen virtuelle Ausgestaltung nach dem Vorbild amerikanisch-jüdischer Holocaust-Museen sich bereits eine muslimische Grafikerin aus Bahrein zur Verfügung gestellt haben soll.
Eine Legende zieht gen Westen
Die Betreiber berufen sich auf die Schoa“-Drohung des israelischen Vize-Verteidigungsministers Vilnai und laden die Internetbesucher ein, an der Dokumentation des palästinensischen Holocaust“ mitzuarbeiten und Daten über Opfer, insbesondere Kinder, sowie über israelische Waffen einzusenden. An dieser Legende darf mittlerweile sogar im Westen weitergewoben werden. So verglich vor einigen Tagen – immerhin in der Washington Post“ – der Hamas-Anführer Mahmud al-Zahar in einem Meinungsartikel die Lage der Palästinenser im Gazastreifen mit jener der jüdischen Aufständischen im Warschauer Ghetto. Indessen ging man in der Redaktion der in London erscheinenden saudi-arabischen Zeitung Al-Sharq Al-Awsat“, als man al-Zahars Beitrag nachdruckte, wohl schon etwas strenger mit dem Text um: Der Getto-Vergleich jedenfalls taucht hier nicht mehr auf.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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