Von Volker Weidermann
06. Mai 2008 Leicht gebeugt und vorsichtigen Schrittes kommt Siegfried Lenz die kleine Treppe vom Uferweg der Flensburger Förde herauf. Der Garten des Restaurants im dänischen Sønderhav, nahe der deutschen Grenze, das er für unser Treffen vorgeschlagen hat, ist noch ganz wild und unbepflanzt. Kleine Richtschnüre wurden vom Gärtner quer über den Boden gespannt, um ihn später schnurgerade einzuebnen. Wir gehen langsam auf die Terrasse. Lenz ist herübergekommen, von der dänischen Insel, auf der er jetzt die meiste Zeit des Jahres lebt. Zwei Stunden dauert die Fahrt mit Auto und Fähre für ihn hierher. Er wollte dem Interviewer eine noch längere Anreise ersparen.
Die Sonne scheint ein wenig, aber Wolken ziehen auf. Siegfried Lenz holt seine Pfeife aus der Tasche, stopft sie mit Tabak aus einer großen goldfarbenen Dose und zündet sie an. Auch wenn man ihn nur aus seinen Büchern kennt, aus der Deutschstunde, aus Heimatmuseum, Feuerschiff und Fundbüro und so unendlich vielen anderen, hat man trotzdem jetzt, so vor ihm sitzend, das Gefühl, dass man ihn lange schon persönlich kennt. Er spricht mit dieser unglaublich sanften, weichen, norddeutschen Stimme, die den Leser durch alle seine Bücher trägt. Die aus all seinen Romanen und Erzählungen zu den Lesern spricht. Er raucht und lacht und erzählt, und es scheint unmöglich, ein böses Wort in seiner Gegenwart auch nur zu denken.
Leicht, zart, traurig und wunderschön
Wir sprechen über sein neues Buch, das in diesen Tagen erscheint, die Novelle Schweigeminute. Es ist die Geschichte einer Liebe, einer Liebe, die vergangen ist, im Moment, in dem die Erzählung beginnt. Oder nein, sie ist nicht vergangen, sie wird dauern, die Liebe, lange, lange Zeit, vielleicht für immer. Aber Stella ist tot. Die Geschichte beginnt mit der Trauerfeier ihr zu Ehren in der Aula der Schule, in der sie Englischlehrerin war. Christian, ihr Schüler, erinnert sich an sie. Mal scheinbar fern beschreibt er sie in der dritten Person, doch fällt er immer wieder in das vertraute Du. Du, Stella. Es ist ein so leichtes, zartes, trauriges und wunderschönes Liebesbuch, wie es schon lange keines mehr gab.
Ob es ihm leichtgefallen ist, das Buch zu schreiben? Siegfried Lenz sagt lange nichts. Nein, sagt er dann. Nein, ganz und gar nicht. Ich hatte zwanzig, dreißig Seiten geschrieben, da starb meine Frau. Meine geliebte Frau. 56 Jahre waren sie verheiratet. Am 5. Februar 2006 ist sie gestorben. Der Text blieb lange liegen. Der Versuch, zurückzukehren an die Arbeit, misslang, misslang immer wieder. Ich musste glauben, dass meine Einbildungskraft mir untreu geworden war, plötzlich, sagt er und blickt nach oben. Und auch er selbst wurde schwer krank, hatte zwei lebensgefährliche Operationen zu überstehen. Und er nennt das Buch mein Schmerzensbuch, wie Thomas Mann seinen Doktor Faustus genannt hat, während dessen Entstehung er lebensgefährlich erkrankt war.
Doch dann, sagt Lenz, erfuhr ich so wesentliche Hilfe für meine Imagination - und es ging weiter. Es ging weiter mit einem neuen Schwung, und wie er diese Leichtigkeit in all der Traurigkeit den Jahren abgetrotzt hat, erscheint beinahe unglaublich. Was genau das Geheimnis der Inspiration gewesen sein mag? In der Novelle heißt es gegen Ende: Vielleicht muß ja im Schweigen ruhen und bewahrt werden, was uns glücklich macht.
Peruanische Kadetten
Es beginnt leicht zu regnen, wir gehen hinein. Das Restaurant hat eigentlich mittags geschlossen. Es wird heute nur für uns, für Siegfried Lenz, geöffnet. Die Künste des Kochs und Besitzers Christian Bind wurden schon mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Sein eigenes Restaurant hier oben hat er erst vor einem Monat eröffnet. Am ersten Abend las Lenz die Erzählung Jütländische Kaffeetafeln, sein berühmtes Loblied auf die dänische Backmagie, und das Haus war voll. Sie lieben ihn hier oben, die Dänen, ihren deutschen Schriftsteller. Der deutsche Däne hat ihn gerade eine örtliche Zeitung genannt. Und Lenz liebt die Dänen und ihr Land. Es ist ein schönes Land, nicht?, hat er schwärmerisch gleich zur Begrüßung gefragt.
Vom Fenster aus blickt man auf die Förde, kleine Segelschiffe liegen auf dem Wasser. Am Vormittag habe man einen riesigen Windjammer aus Peru beobachten können, sagt Lenz, etwas enttäuscht über die Winzigkeit der aktuellen Segeldemonstration. Ein Ausbildungsschiff für peruanische Kadetten! Phantastisch! Siegfried Lenz ist ein Schwärmer mit einem liebevollen Blick auf die Menschen, auf die Welt. Millionenauflagen haben seine Bücher erreicht. Die Menschen spüren diese Liebe beim Lesen und lieben ihn zurück.
Deine Haut lächelt
In dem neuen Buch ist die Liebe so gegenwärtig wie lange nicht in einem Buch von Siegfried Lenz. Stella und Christian werden ein Liebespaar, die Lehrerin und ihr Schüler, ein verbotenes, ein heimliches Liebespaar. Deine Haut lächelt, Christian, sagt Stella. Sie liegen am Strand, zu zweit, ich streifte ihren Badeanzug ab, und sie ließ es geschehen, sie half mir dabei, und wir liebten uns dort in der Mulde bei den Kiefern. Und weiter heißt es: Wie erzählbereit sie war, als müßten wir nun etwas sagen, was noch nicht gesagt worden war. Erzählbereit - was für ein schönes Wort! Lachbereit ist ein anderes, mit dem Stella in der Novelle umschrieben wird.
Und so wird auch tatsächlich viel gelacht in diesem Schmerzensbuch der Erinnerung und der Gegenwärtigkeit. Es herrscht eine eigenartige und schöne Mischung aus Melancholie und guter Laune, aus Zuversicht und Schmerz. Auch im Gespräch wechselt die Stimmung hin und her. Einmal, erzählt Lenz, als er in der Hamburger Klinik zum ersten Mal seinem behandelnden Arzt begegnete, sei dieser, ganz in Weiß natürlich, auf ihn zugestürmt und habe gerufen: Herr Lenz, was für eine Ehre und Freude für mich, Sie behandeln zu dürfen. - Ich dachte mir, so ähnlich wird der Tod sprechen, wenn er zu mir kommt, sagt Lenz. Doch der Arzt erläutert seinen Überschwang, er habe seinen Abituraufsatz über die Deutschstunde geschrieben, deshalb freue er sich so. Lenz lacht darüber jetzt aus ganzem Herzen. Er hat die Behandlung gut überstanden.
Die Kartoffeln des Kronprinzen
Es wird viel gelacht an diesem Freitagmittag an der Förde. Es gibt köstlichen Fisch, von dem der hervorragend dänisch sprechende Lenz den deutschen Namen nicht kennt. Irgendetwas mit Wal am Ende auf Dänisch, was mich etwas beunruhigt. Aber Lenz zerstreut alle Unruhe und lenkt meine Aufmerksamkeit auf anderes: Ich will Sie einladen, diese Kartoffeln mit Andacht zu essen. Vermutlich wurden sie von Joachim, dem Bruder des dänischen Kronprinzen, gezogen. Er hat Kartoffelfelder hier in der Gegend. Das müssen Sie wenigstens zur Kenntnis nehmen. Der Sozialdemokrat Lenz scheint hier oben beinahe monarchistische Züge zu entwickeln. Die Kartoffeln sind köstlich. Lenz strahlt.
Aber zu keinem Moment lacht er so herzlich wie in dem, als ich ihn frage, ob ihm im Alter das Schreiben leichter falle. Nein!, schmettert er über den Tisch. Und gleich noch einmal Nein!, als wäre diese Frage der beste Witz der Welt. Nein, das Schreiben fällt nicht leicht, im Alter nicht und früher auch nicht wirklich. Mit einem großen Krug Kaffee setzt er sich jeden Vormittag an den Tisch, schreibt mit Kugelschreiber in einer Schrift, die seine Frau früher künstlerisch organisierten persischen Küchendreck nannte. Und die nun seine gute dänische Freundin Ulla entziffern muss. Mit ihrem Wikingerfinger hämmert sie auf die Tasten, dass die Scheiben klirren, lacht er. Und imitiert beinahe militärisch das Gewaltklappern: Schweigenovelle nächster Buchstabe! Peng!
Auf Steine ist Verlaß
Dann setzen wir uns wieder auf die Terrasse. Auch in Dänemark ist das Rauchverbot streng. Selbst bei Siegfried Lenz wird da keine Ausnahme gemacht. Es regnet. Lenz raucht. Er hat einen Schirm aufgespannt. Mir leiht er seine Jacke, die ich mir über den Kopf ziehe, während er raucht und vom Fischen erzählt. Seit er zehn Jahre alt war, hat Lenz immer gefischt. Am Anfang, als er sich zusammen mit seiner Frau vor fünfzig Jahren in Dänemark ein Häuschen kaufte, haben sie autark gelebt. Gemüse aus dem Garten, Fisch aus dem Meer. Mehr als genug. Was zu viel war, hat er getauscht. Christians Vater in der Novelle ist ein Steinfischer. Steine bleiben an ihrem Platz, auf Steine ist Verlaß, heißt es über seinen Beruf. Die Steine werden zum Bau von Molen und Wellenbrechern verwendet. Lenz schildert das so präzise, dass man sie nachbauen könnte: Das steht Ihnen natürlich frei, sagt er. Und erklärt: Ich habe dreißig Sommer in der Nachbarschaft eines Hafens gelebt. Dreißig Sommer lang, so zählt Siegfried Lenz die Zeit.
Der Steinfischer ist ein Symbol der Dauer, der Gewissheit und der Standfestigkeit in dieser Novelle der Erinnerung und der Liebe. Am Ende, als Stellas Asche ins Meer verstreut worden ist, verspricht ihr Christian, dass er in den Ferien auf der Liege aus Seegras schlafen wird, und im Schlaf werden sie aneinander heranrücken, und alles, was Erinnerung aufgehoben hat, wird dann wiederkehren. Was Vergangenheit ist, ist dennoch geschehen und wird fortdauern, und begleitet von Schmerz und einer zugehörigen Angst werde ich versuchen, das zu finden, was unwiederbringlich ist.
Der Regen hat aufgehört. Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Die Fähre braucht immer länger, wenn ein Schriftsteller an Bord ist, sagt Lenz. Schriftsteller wollen immer den Kurs selbst abstecken. Das hält natürlich auf, lacht er, umarmt mich und geht langsam zu seinem Wagen.
Siegfried Lenz: Schweigeminute. Hoffmann und Campe 2008. 128 S., 15,95 Euro
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, Volker Weidermann
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