Prager Frühling

Kurzer Halt an einer Tankstelle

Von Jaroslav Rudiš

Frühling 1968: Prager Bürger werfen im Kampf um eine demokratische Zukunft br...

Frühling 1968: Prager Bürger werfen im Kampf um eine demokratische Zukunft brennende Fackeln auf einen sowjetischen Panzer

20. August 2008 Eine ganz normale Autobahntankstelle mitten in Tschechien. Sandwiches, Zeitschriften, Instantkaffee aus dem Automaten. Davor ein vollbesetzter Lkw-Rastplatz, eine leerstehende Telefonzelle und dann nur noch die Ausfahrt zur Autostrada. Dort steht ein schlichtes, kleines und nicht sehr schönes Denkmal aus schwarzem Marmor. Es erinnert an die zweihundert Meter weiter liegende Stelle, an der am 1. September 1992 der Wagen von Alexander Dubček verunglückte. Der Fahrer kam bei hoher Geschwindigkeit ins Schleudern, verlor die Kontrolle über den Wagen und landete auf einer Wiese. Dubček starb am 7. November 1992 in einem Prager Krankenhaus - an jenem Tag, an dem im Sozialismus pflichtgemäß die Große Oktoberrevolution gefeiert wurde. Die näheren Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt, es wurde über unzureichende Ermittlungen wie auch über eine mögliche Beteiligung des KGB spekuliert.

Was ist für die Generation, die in den siebziger und achtziger Jahren in der sogenannten Zeit der Normalisierung aufgewachsen ist und die heute als „Husáks Kinder“ bezeichnet wird, von Dubček und von 1968 geblieben? Man könnte meinen, ähnlich wie das Denkmal von Dubček steht auch das Jahr 1968 vergessen und verstaubt an der Ausfahrt aus der Autobahn der Geschichte. Die gewaltsam zu Ende gebrachte Story von 1968 wurde von einer viel stärkeren überschattet, die zudem mit einem Monumentalfilm würdigen Happy End ausgestattet wurde: der vom November 1989.

Damals versuchte Dubček noch einmal in die Politik zurückzukehren. Auf den Straßen sah man Plakate, die seinen Sozialismus mit menschlichem Antlitz beschwörten. Sie waren aber bald verschwunden. Die Menschen sehnten sich bereits nach etwas anderem, nach der Selbstverständlichkeit von Freiheit, Konsum und Westreisen, sie wollten ihren eigenen und nicht seinen dritten Weg gehen. Mit einem Schlag wurde Dubček zu einer Figur aus grauer Vorzeit.

Sollen wir stolz auf sie sein?

Im Gegensatz zu dem klar und deutlich lesbaren Jahr 1989 bleibt das Jahr 1968 für uns im Nebel verborgen, aus dem Fragen auftauchen, für die es keine Antwort gibt: Wie wäre der Erneuerungsprozess ausgegangen, wenn er am 21. August nicht von sowjetischen Panzern plattgefahren worden wäre? Hätte er zu dem von den Reformkommunisten proklamierten dritten Weg geführt, zu einem von oben regierten demokratischen Sozialismus? Oder hätte sich die Tschechoslowakei in ein demokratisches Land verwandelt, in dem die Kommunistische Partei keine Macht mehr hätte? Wäre der Staat wieder nach Westeuropa zurückgekehrt, aus dem er nach dem Zweiten Weltkrieg gewaltsam herausgerissen wurde? Wäre der Prager Frühling auch in andere Länder hinübergeschwappt und hätte er zum Zerfall des gesamten Ostblocks geführt? Hat Gorbatschow von Dubček gelernt? Waren die Reformkommunisten nicht in erster Linie vor allem Kommunisten, die um jeden Preis an der Macht bleiben wollten und nur deswegen den Wünschen des Volkes nachgegeben haben? Sollen wir stolz auf sie sein?

Aus dem Nebel tauchen persönliche Geschichten, Bücher, Fotos, Musik, Filme und Bilder auf. Was haben sie uns nach den vielen Jahren zu sagen? Am 19. Juli 1968 veröffentlichte die beliebte Zeitschrift „Mladý svet“ eine Reportage aus einem Freibad. Der Mann in der gestreiften Badehose auf dem Umschlag ist kein bekannter Sänger oder Schauspieler, sondern der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei, Alexander Dubček. Er steht auf dem Sprungturm. Auf dem nächsten Bild nimmt er Anlauf zu einem eleganten Kopfsprung. In der Luft hält er die Arme ausgebreitet, die Geste hat etwas von einem Heiland. Ein Moment stillstehender Hoffnung. Auf dem letzten Bild sieht man seinen Kopf aus dem Wasser ragen. Als ob er ohne Körper wäre.

Ein echter kommunistischer Superstar

„Alexander Dubček - in der Luft und im Wasser“, steht auf dem Umschlag des Magazins, das die Reportage über den freien Tag des Ersten Sekretärs gebracht hat. „In seinem leicht ramponierten Privatwagen fuhr er mit seiner Gattin Anna zu dem kleinen slowakischen Freibad Santovka, in der Erwartung von ein paar Stunden Privatleben. Dieses währte aber nur einige Minuten lang. Sobald ihn die Autogrammjäger entdeckten, wurde er buchstäblich von Kindern und Erwachsenen umlagert.“

Die sechziger Jahre in der Tschechoslowakei waren nicht nur die Jahre des politischen Tauwetters und des kulturellen Aufschwungs, sondern auch die der medialen Revolution. Der PR-Abteilung der Partei war dies sehr gut bewusst. Nach dem ungelenken und konturlosen Antonín Novotný wurde der im Januar 1968 neu gewählte Dubček, der nicht nur natürlich sprechen, sondern sich auch natürlich bewegen konnte, zum echten kommunistischen Superstar. Und er schien seine Rolle richtig zu genießen. Die Reformen und die Auflockerung hatten schon lange vor seiner Wahl angefangen. Er ritt lediglich auf der sich überschlagenden Welle.

Blutverschmierte Fahnen

Der Altstädter Ring in Prag, Mitte August 2008. Kurz vor halb drei Uhr nachmittags, erdrückende Hitze, überall Horden von Touristen mit Sonnenbrillen. Im Rathaus herrscht eine angenehme Kühle. Hier werden ganz andere Fotos ausgestellt als jene von einem slowakischen Freibad, die vor vierzig Jahren in „Mladý svet“ erschienen sind. In der Serie „Invasion 68“ von Josef Koudelka, dem einzigen tschechischen Fotografen, der für die renommierte Agentur Magnum arbeitet, ist der Sommer eingefroren.

Seine ergreifenden und mutigen Schnappschüsse von Straßen voller Panzer, aufgerichteten Maschinengewehren und protestierenden Tschechen mit blutverschmierten Fahnen flogen kurz nach dem Einmarsch der Sowjets um die ganze Welt und sind noch heute der Inbegriff dessen, was man sich in München oder Paris unter Prager Frühling am ehesten vorstellt. Das wird bei den jungen Tschechen nicht anders sein.

Die wutverzerrten und traurigen Gesichter auf Koudelkas Aufnahmen scheinen nur für diesen Moment zu leben, als ob es kein Vorher und kein Nachher gegeben hätte. Sie drücken Wut aus, Trauer und Trotz. Aber auch Würde und - Fassungslosigkeit. Die kann man auch in den Mienen einiger sowjetischer Soldaten sehen, denen in Moskau eingeredet wurde, dass sie in der Tschechoslowakei den Sozialismus verteidigen und die Konterrevolution bekämpfen sollten. Statt mit Blumen wie 1945 wurden die Soldaten von geballten Fäusten willkommen geheißen. Die Fäuste gehörten Menschen, die auf die Panzer Hakenkreuze sprühten und im Kreativitätsrausch die Häuserwände mit Sprüchen bemalten: „Lenin, wach auf, Breschnew ist durchgeknallt!“, „Der Vater Befreier, der Sohn Okkupant“ oder „Ihr wolltet doch zum Mond, was macht ihr hier?“

Heute können wir ihre Naivität und Realitätsferne mit einem zynischen Lächeln quittieren. Oder wir nehmen mit Bewunderung ihr inneres Feuer wahr, ihren Patriotismus, der in dieser reinen Form bei uns sonst nur bei Eishockey- oder Fußballspielen vorkommt, einen Heldenmut, mit dem im letzten Jahrhundert die tschechische Geschichte nur spärlich gesegnet war, und den Glauben an etwas Höheres, das sogar das eigene Leben übersteigt. Diese Einheit, Entschlossenheit und Solidarität scheinen unwiederholbar zu sein.

Dubček als Talisman einer Generation

Dieses You Tube Video dauert nur sechsunddreißig Sekunden. Alexander Dubček steigt kurz nach dem Einmarsch aus dem Auto und wird von zwei hübschen Frauen angehalten. Fotoapparate blitzen, drumherum drängeln sich seine Bewunderer und Polizisten. Eine der beiden Schönen ist die Sängerin Marta Kubisová, der Star der damaligen Zeit, die auf Tschechisch Lieder von Bob Dylan sang. Die andere ist die genauso populäre Schauspielerin Iva Janzurová. Beide werden für ihre öffentliche Unterstützung von Dubček bezahlen müssen. Kubisová kehrt erst zwanzig Jahre später auf die offizielle Bühne zurück. Dubček bekommt von der Sängerin eine kleine Schachtel mit ihrem Talisman. Der soll dem Ersten Sekretär Glück bringen. Damit alles ein gutes Ende nimmt. Mit ihm. Mit ihnen. Mit uns.

„Wir lieben Sie sehr. Und danken Ihnen“, sagt die gerührte Janzurová. Dubček versucht sich nichts anmerken zu lassen, aber man kann ihm seine Müdigkeit, Unsicherheit und Gebrochenheit ansehen. Er weiß wohl, wie nah das Ende ist. Kurz zuvor hat er im Radio die berühmte Kapitulationsrede nach seiner Rückkehr aus Moskau gehalten, wohin er gemeinsam mit den anderen Vertretern der Regierung von sowjetischen Fallschirmspringern entführt wurde. Er hat sich dem zu keinen Kompromissen bereiten Breschnew gebeugt und das schmachvolle Protokoll von Moskau unterzeichnet, das die „Normalisierung“ der Verhältnisse einleitete und das Land von einer Hoffnung in eine tiefe, zwanzig Jahre währende demoralisierende Depression voller defätistischer Stimmungen stürzte. Für diese Depression ist Dubček mitverantwortlich.

„Herzlichen Dank“, sagt er mehrmals. Als der Deckel gehoben wird, ist die Schachtel leer. Das Geschenk muss irgendwo verlorengegangen sein. Ist vielleicht im Auto geblieben. Es folgt ein peinlicher Moment niedlich konfuser Entschuldigungen. „Dann bringe ich es Ihnen ein andermal vorbei“, sagt Kubisová noch. Schnitt. Die große Geschichte ist mit der kleinen, persönlichen, banalen Geschichte zusammengeprallt.

Sie verliert ihre Existenzberechtigung

Für die Generation unserer Eltern war Dubček und der ganze Prozess der gesellschaftlichen Erneuerung ein Talisman, der über Nacht verschwunden war. Der ihnen gestohlen wurde. Der Diebstahl wurde nicht nur von Breschnew oder den Sowjets begangen, sondern auch von Dubček und einigen weiteren Reformkommunisten, die nach der Moskauer Standpauke den Rückwärtsgang eingeschaltet und sich gegen diejenigen gestellt haben, die ihnen Glauben geschenkt hatten. Zu diesem Thema können wir uns erneut den spannenden Gedankenaustausch zwischen Milan Kundera und Václav Havel vom Winter 1968/69 ansehen. In seinem Essay „Das tschechische Los“ schreibt Kundera über die Mentalität kleiner und großer Nationen. Große Nationen wie die Sowjetunion „haben ihre Existenz und ihre internationale Bedeutung schon durch ihre Bevölkerungszahl garantiert. Sie brauchen sich nicht mit der Frage nach der Berechtigung und dem Grund ihrer Existenz zu quälen, sie sind einfach mit einer erdrückenden Selbstverständlichkeit da.“ Eine kleinere Nation, so Kundera weiter, die in der Welt eine Bedeutung haben möchte, müsse sich täglich neu kreieren. „In dem Moment, in dem sie aufhört, Werte zu schaffen, verliert sie ihre Existenzberechtigung.“

Kundera sieht im Prager Frühling eine Chance, der Welt zu beweisen, „welche riesigen demokratischen Potentiale bis jetzt in dem sozialistischen Gesellschaftsprojekt brach liegen“, und zu zeigen, „dass diese Möglichkeiten sich nur unter den Bedingungen der Eigenart des jeweiligen Landes entwickeln lassen“. In Kunderas Augen haben die Geschehnisse in der Tschechoslowakei eine Bedeutung für die ganze Welt. Der Realist Havel bezeichnete dies als überheblich und selbstbezogen. Scharf und sarkastisch lehnte er Kunderas Meinung ab - genauso wie die Idee vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

In seiner Antwort schreibt er von der Notwendigkeit einer Rückkehr zur „Normalität“, zu jenen Verhältnissen, die im demokratisch-kapitalistischen Westeuropa herrschen, wo die Freiheit keine Errungenschaft eines gesellschaftlichen Experiments ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Der November 1989 scheint Havel recht zu geben. In seiner Antwort gelingt Kundera wiederum, auch auf die Mängel des westlichen Kapitalismus und seiner Herrschaft der kommerziellen Interessen und des kommerziellen Geschmacks hinzuweisen, mit denen die heutige tschechische Gesellschaft zu kämpfen hat. Dadurch sind die Texte von Kundera und von Havel bis heute aktuell.

Ein gefährlicher Remix der Geschichte

Legendär sind auch die damaligen Filme von Forman, Passer und Menzel, die das typisch tschechische Genre der „bitteren Komödie“ begründet haben. Filme der heute bekannten jungen Regisseure wie Jan Sverák, Jan Hrebejk oder Bohdan Sláma knüpfen an die Poetik der sechziger Jahre an. Auch die tschechischen Theatermacher, bildenden Künstler und Literaten können sich nur schwer der Kraft und Energie jener Zeit entziehen. Fast in jeder inländischen - noch stärker in jeder ausländischen - Rezension über einen zeitgenössischen tschechischen Roman wird nach dem Einfluss von Milan Kundera oder von Bohumil Hrabal gesucht. Als Autor kann man den beiden nicht entkommen.

Die Autobahntankstelle mit dem Dubček-Denkmal steht auf halbem Weg zwischen Prag und Brünn, an einer Stelle, wo sich tragische Unfälle mit eiserner Regelmäßigkeit wiederholen. Vielleicht liegt es an der hügeligen Landschaft, an geomagnetischen Feldern oder nur an der schnell wechselnden Wetterlage. Auch die Unfälle der Geschichte scheinen sich zu wiederholen: Koudelkas Aufnahmen der sowjetischen Panzer vom August 1968 verschwimmen heute mit den Agenturfotos aus dem Kaukasus. Nach vierzig Jahren sind russische Panzer erneut in Aktion getreten. Besetzt mit staubbedeckten Soldaten haben sie Georgien plattgewalzt und die neu gefundene Arroganz und Stärke von Moskau demonstriert. Die Geschichte kann sich jederzeit im gefährlichen Remix wiederholen.

Der Autor, 1972 in Turnov geboren, debütierte mit dem Roman "Der Himmel unter Berlin" (deutsch 2004), im November 2008 erscheint bei Luchterhand sein zweiter Roman "Grand Hotel". Mit dem deutschen Schriftsteller Martin Becker hat Rudiš das Libretto zur Oper "Exit 89" geschrieben, die am 22. Oktober in Prag Premiere haben wird.

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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