Meine Meinung (5)

Hans-Ulrich Gumbrecht

Hans-Ulrich Gumbrecht

Hans-Ulrich Gumbrecht

26. November 2006 Vor zehn Tagen erreichte mich per Fax und „vorab zur Kenntnisnahme“, wie wohl alle anderen Suhrkamp-Autoren, eine von der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz unterzeichnete Pressemitteilung, die detailliert den von verschiedenen Medien in Umlauf gesetzten Behauptungen über das neue Machtverhältnis zwischen der Verlagsleitung und der Volkart Holding, einer Gesellschafterin des Suhrkamp-Verlags, widersprach.

Aber weil ich in den letzten Jahren immer regelmäßiger solche unvermeidlich nervös wirkenden Pressemitteilungen bekommen habe, die immerhin bestätigen, daß der Verlag Anlaß hat, sich Sorgen zu machen - und weil ich zur Suhrkamp-Generation gehöre, das heißt zu jenen paar tausend Lesern, deren geistiges Leben seit mehr als vierzig Jahren von den erstaunlichen Leistungen dieses Verlags abhängig gewesen ist, will ich ganz ohne juristisch-wirtschaftliche Sachkompetenz reagieren. Ich will reagieren und urteilen als dankbarer Kunde von Suhrkamp und als Bewunderer der Lebensleistung von Siegfried Unseld, der seinen Verlag zwar nicht gegründet, aber in allen charakteristischen Zügen erfunden hat.

Erstaunen über den einzigartigen Ton

Wer Zahlen und Gesetzeslagen in der Suhrkamp-Berichterstattung für einen Moment ignoriert, muß erstaunt sein über den einzigartigen Ton, auf den sich die Fortsetzungsberichterstatter inzwischen fast ausnahmslos eingestimmt haben. Jede neue Welle von Suhrkamp-Katastrophenmeldungen flammt auf mit einer flüchtigen Geste von gespielter Besorgnis, die aber zu flüchtig bleibt, um auch nur für einen Augenblick wie das Anzeichen positiven Engagements zu wirken.

Darauf folgen dann Paragraphen massiver Häme. Sie unterstellen nicht nur ein aufs andere Mal, daß Suhrkamp verlegerisch und finanziell am Ende sei, sondern scheinen sich darüber mit einer Intensität zu freuen, wie man sie eigentlich nur dümmlichen Konkurrenten unterstellen kann, denen selbst das Wasser am Hals steht. „Klopfzeichen aus dem Totenhaus“, titelte ein angesehenes Feuilleton vor etwas über einem Jahr, als sei mit dem angeblich schon eingetretenen Ableben Suhrkamps die eigene Fortexistenz für wenige Monate wenigstens gesichert.

Ein mittlerweile automatisiertes Ritual

Wer immer als Suhrkamp-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren (und dazu gehörten auch die letzten Lebensjahre von Siegfried Unseld) die Frankfurter Lindenstraße verließ oder wer von der Suhrkamp-Leitung gefeuert wurde, der konnte darauf rechnen, für ein Wochenende lang von den deutschen Kulturredakteuren mit einem geradezu soldatischen Respekt behandelt zu werden - wie sie ihn den wirklich großen Verlegern und Lektoren eigentlich nie angedeihen lassen. „Herborth verläßt Suhrkamp, um die intellektuellen Projekte seiner Autoren zu schützen, und versetzt die Lindenstraße in Agonie.“

Das Ritual ist mittlerweile so automatisiert, daß niemand die Frage stellt, wie denn Suhrkamp immer neue Überlebenssignale finanzieren und sogar weiterhin erfolgreiche Bücher auf den Markt bringen kann, obwohl der Verlag doch längst an intellektuellem Aderlaß und wirtschaftlichem Mißerfolg hätte sterben müssen.

Woher bezieht die große Häme ihre Energien?

Soviel ist klar: wie ernst oder unernst man die immer sehr optimistischen Gegendarstellungen von Suhrkamp nehmen will - wenn in ihnen auf Dauer nicht mehr Wahrheit steckte als im Staccato der Hiobsbotschaften, dann wäre der Verlag längst verschwunden. Woher aber bezieht die große Häme ihre Energien? Warum hielten es so viele deutsche Kulturjournalisten für cool, schon über Siegfried Unseld wie über einen Tölpel zu schreiben, über Siegfried Unseld, den die „New York Times“ in ihrem Nachruf als den „vielleicht größten Verleger des 20. Jahrhunderts“ feierte? Und warum verschweigen sie heute so verbissen die Tatsache, daß weiterhin die international bekanntesten deutschen Intellektuellen und einige der bedeutendsten Autoren deutscher Literatur ihre Bücher bei Suhrkamp erscheinen lassen?

Plausibel als Antwort ist eigentlich nur die durchaus banale Beobachtung, daß die allermeisten selbsternannten „Intellektuellen und Literaten der Zukunft“ natürlich weiterhin keine Chance haben bei Suhrkamp, während die Schriften von Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk, Durs Grünbein und Hans-Ulrich Treichel kaum an Faszination verloren haben.

Sie würden aussehen wie blöde Kinder

Sollte dazu eine von der Redakteurssprache gar nicht mehr einzuholende Empörung über die Tatsache hinzukommen, daß eine Frau, eine Frau, die sich weder anzieht wie eine vertrocknete Aufsichtsrätin noch dem vermeintlich weisen Rat alter Männer hörig ist, daß eine schöne Frau sich anmaßt, auf eigenes Risiko jenes Schiff zu steuern, das außerhalb Deutschlands weiterhin ganz selbstverständlich als Flaggschiff der geistigen Nation bewundert wird?

Und wenn es den hämischen Berichterstattern schließlich doch gelänge, Suhrkamp totzureden? Dann würden diese Berichterstatter - am Tag der ersten und letzten korrekten Todesmeldung - aussehen wie blöde Kinder, die das einzige Spielzeug zerbrochen haben, mit dem sie das Interesse der Erwachsenen gewinnen konnten.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z.-Frank Röth

 
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