Leipziger Buchmesse

Die letzte heitere Phase im Leben der Deutschen

Von Richard Kämmerlings

17. März 2008 Es rappelt in der Kiste. Die Schriftstellerin Kathrin Passig sitzt in einem umgedrehten Pappkarton und hackt in ihr Laptop. Wie beim Puppentheater ist vorn eine Öffnung; davor stehen zwei Kindergartenstühle, auf denen man ebenso unbequem säße wie drin, aber mit der „Riesenmaschine“, so heißt das Ding, Kontakt aufnehmen darf. Auf ihr lockt ein Schild mit der Aufschrift „Internet - nur hier“. Doch der Einladung folgt keiner. Die Riesenmaschine arbeitet vor sich hin, sie braucht die Messe um sie herum nicht. Neben der Kiste, auf der Leseinsel junger Verlage, finden Buchpräsentationen statt, die wie Performances daherkommen. Oder Kunstaktionen, die eigentlich Lesungen sind? Ein junger Mensch bläst in ein Jagdhorn und singt über Klangschleifen peterlichtartiges Gagadada wie „Die Hebammensprache hat oft ihre Tücken“.

Nach vier Tagen und Nächten Buchmessenkarussellfahrt kann man schon einmal einen Punkt erreichen, an dem man nicht mehr weiß, ob man noch einer Lesung folgt oder nur von ihr träumt. Mehr und mehr scheinen sich die Messebesucher ringsumher in Comicfiguren zu verwandeln: Für einen Manga-Wettbewerb kostümieren sich am Samstag Tausende wie ihre Lieblingshelden. Die ständigen messetypischen Déjà-vus untergraben auf Dauer das Realitätsprinzip und machen die Birne weich wie ein Messebrötchen: Das kann doch nicht wahr sein, dass da schon wieder der Clemens Meyer auf einem Sofa sitzt. Hat der denn kein Zuhause?

Anekdoten für eine Buchsaison

Ach, stimmt, Meyer kommt ja aus Leipzig und wohnt in einem heruntergekommenen Stadtteil, dann ist es vielleicht wirklich schöner hier. Ein surreales Spitzenereignis war auch, als der Vorsitzende der Leipziger Jury dem von ihm selbst gekürten Preisträger ganz ernsthaft die Frage stellte: „Welche Rolle spielen Bücher in Ihrem Leben?“ Meyer ist auch deswegen ein Glücksfall für die Literaturszene, weil er ganz allein so viele schrullige und schreiend komische Anekdoten aus dem Autorenalltag liefert (und in seinem breiten Sächsisch ungefragt auch erzählt), dass es für die ganze Buchsaison reicht.

Wie Meyer bei der Bekanntgabe der Entscheidung die Faust in die Höhe reckte wie nach einem Schwergewichtskampf, sich dann selbst vor Aufregung beim Siegerschluck mit Bier übergoss und jeden in Reichweite umarmte; oder beim anschließenden Talk auf dem blauen Sofa den nach seinem Image fragenden Wolfgang Herles in Halbstarkenmanier anging (“Haben Sie gerade ,Proll' zu mir gesagt?“), und mit entsprechender Handbewegung drohte, hier sei bald nicht nur das Sofa blau - das war schon ganz großes Literaturvolkstheater. Auf perfekte Weise gibt Meyer darin den tumben Tor, den Parzival, der die Rituale des Betriebs offenlegt, indem er sie unbekümmert, laut und lustvoll durchbricht.

Eine Messe im Fernsehformat

Aber nicht nur mit Meyer kommt man sich vor wie ins Märchen von Hase und Igel versetzt. Die Inflation der Lesungen im Halbstundenhäppchentakt - der Herkunft nach ein Fernsehformat - führt zu ständigen Verblüffungseffekten der Sorte „Ick bünn all dor“. Praktisch unbekannte Debütanten bringen es locker auf zehn, zwölf Auftritte in drei Tagen. Auch die Achtundsechziger, wie man bekanntlich die geburten- und meinungsstarke Generation von Autoren nennt, die immer wieder über das Jahr 1968 reden müssen, haben die Leipziger Messe zu einem Sit-in auf wechselnden Sitzgelegenheiten gemacht. Die Rappelkiste war einer der wenigen Orte, wo Götz Aly, Rainer Langhans, Peter Schneider und Kameraden nicht gesichtet wurden.

Charlotte Roche hingegen, die Überraschungsbestsellerin der Saison, hatte mit ihrem eher kurzen, aber heftigen Messebesuch schon ihre Schäfchen ins Trockene gebracht. Der DuMont-Verlag druckt, was die Maschinen hergeben, doch würden die immer höheren Auflagen gerade „wie von einem Schwamm“ aufgesaugt. Das ist der Stoff, aus dem feuchte Verlegerträume sind. Derweil rätselt die Branche immer noch über das Erfolgsgeheimnis von Roches alle Schamgrenzen überschreitenden Intimhygiene-Reports. Wahrscheinlich liegt es einfach darin, dass es Leserschichten gibt, die weder die Literaturkritik noch die schmökernde Lesetippwelt auf dem Bildschirm haben und die man eigentlich auch nicht so genau kennenlernen will. „Es weiß vielleicht nicht jeder, was eine Analfissur ist“, schreibt Charlotte Roche. Bald wissen das sehr, sehr viele Menschen in Deutschland, mehrere hunderttausend womöglich. Das nenne ich einmal Aufklärung.

Keine Zeit zur Verlangsamung

Um dagegen ein ernsthaftes literarisches Werk auch im Verkauf zu befördern, muss die Kritik schon Schulter an Schulter stehen. Umso bedauerlicher, dass die - ansonsten sehr gewissenhafte - Buchpreisjury ausgerechnet Marcel Beyers „Kaltenburg“ ignorierte, einen Roman, der sich der Lektüre unter Zeitdruck bewusst verweigert und in einer virtuosen Retardierungstechnik dem Leser stets nur Köder hinwirft. Der zum ersten Mal die Messe beehrende Bundespräsident wusste, warum er sich am Suhrkamp-Stand viel Zeit für ein Gespräch mit dem Autor nahm.

Anschließend hörte sich Horst Köhler den Untergangspropheten Günter Kunert auf dem Blauen Sofa an. Globale Probleme, Überbevölkerung, Kampf um die letzten Ressourcen - Kunerts beeindruckende Vitalität kontrastierte stark mit seiner Naherwartung der Apokalypse. Die Zeit nach 1989 sei wohl, so Kunert, für immer „die letzte heitere Phase im Leben der Deutschen“ gewesen. Kunert ist auch einer der Lieblingsautoren von Angela Merkel. Dass sowohl der amtierende Präsident als auch die Bundeskanzlerin Gefallen an einer derart hoffnungslosen Weltsicht finden, gibt zu denken.

Weltvergessen im Leipziger Allerlei

Leidensdruck als erkenntnisförderndes Mittel, so könnte man auch das Programm der neuen naturwissenschaftlich-interdisziplinär ausgerichteten Edition Unseld überschreiben. Krise der Massenmedien, Ökologie, die Dialektik der Technisierung, Sicherheitsgesellschaft: Hier soll ab sofort das ganz große Debattenrad gedreht werden. Man kooperiert mit Stanford, richtet bei „Spiegel online“ Diskussionsforen ein - wenn man da hält, was die ersten Bände versprechen, beweist die vermeintlich etwas eingerostete Riesenmaschine Suhrkamp große Beweglichkeit.

Das große Thema fehle der Messe, war oft zu hören. Das mag daran gelegen haben, dass mit Jonathan Littell ausgerechnet der Autor des meistdiskutierten Buchs nicht da war. Aber wie sollte in diesem ausufernden Sofa-Surfertum auch die Fokussierung auf ein Thema möglich sein, wenn man sich nicht gerade drei Tage in die kroatische Gegenwartslyrik oder die Hebammensprache einarbeiten wollte? Dass man in all der Zerstreuung noch eine Sehnsucht nach Intelligenzzentrierung verspürte, ist immerhin bemerkenswert. Wie Kathrin Passig da hockte, allein in ihrer Kiste, ganz konzentriert, scheinbar weltvergessen, war sie für einen Moment die geheime Mitte, um die der Bücherkosmos kreiste.



Text: F.A.Z., 17.03.2008, Nr. 65 / Seite 33
Bildmaterial: AP, Daniel Pilar, ddp, dpa

 
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