Von Hannes Hintermaier
11. Januar 2006 Wenn sich heute und morgen in München bei der Arbeitsgemeinschaft Publikumsverlage die deutsche Verlagswelt versammelt, wird es auch um ein Thema gehen, das sich immer deutlicher zum beherrschenden Streitpunkt der Branche entwickelt: die Vergütung der Übersetzer, die das seit 2002 geltende Urheberrechtsgesetz so ungeschickt mehrdeutig geregelt hat, daß jetzt die ersten Fälle vor Gericht verhandelt werden.
Die Übersetzer wollen deutlich mehr Geld, die Literaturverlage kündigen an, zu diesen Bedingungen deutlich weniger Bücher aus fremden Sprachen veröffentlichen zu können - was im Buchimportweltmeisterland Deutschland den Markt dramatisch verändern würde.
Im Kern geht es um die Frage, ob ein Autor, der unter Umständen mehrere Jahre und auf eigenes Risiko an seinem Manuskript gearbeitet hat, gleichberechtigt neben seinem Übersetzer stehen soll, der einen vertraglich festgelegten Auftrag erledigt. Man darf davon ausgehen, daß es guter Branchenkonsens ist, wenn Übersetzer ein ordentliches Auskommen haben. Die Forderungen, die die in der Gewerkschaft Verdi organisierten Übersetzerverbände vorgelegt haben, zielen hoch. Haben die Gerichte die derzeit gängigen Seitenpreise zwischen siebzehn und zwanzig Euro in der ersten Instanz als angemessen beurteilt, beharren die Übersetzer künftig ab dem ersten Exemplar auf einer Honarabeteiligung von drei Prozent (bislang ein Prozent, jeweils ab zu verhandelnder Auflagenhöhe) sowie auf einem bis zum Zwölffachen gesteigerten Anteil an den Verkaufserlösen von Nebenrechten.
Nicht mehr kalkulierbar
Ortstermin ist im Münchner Hanser Verlag, einem der bedeutendendsten Literaturverlage des Landes, Heimat von zehn Nobelpreisträgern, Schleusenwärter für Weltliteratur. Verleger Michael Krüger, Kinderbuch-Verleger und Übersetzer Friedbert Stohner und Dirk Stempel, Leiter der Abteilung Rechte und Lizenzen, haben sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Sie legen ihre Zahlen auf den Tisch. Man sei betriebswirtschaftlich an einem Punkt, an dem man dem Eindruck entgegentreten müsse, die Verlage würden immer reicher, erläutert Krüger seine Beweggründe: Wenn die Gerichte für die Übersetzer entscheiden, sind fünfundachtzig Prozent unserer Bücher nicht mehr kalkulierbar.
Krüger ist nicht der einzige Verleger aus den Reihen der Literaturverlage, der derzeit auf die Barrikaden geht. Es ist nicht so, daß irgendeiner von uns die Arbeit der Übersetzer geringschätzen würde, sagt Krüger, aber es geht nicht an, sich die erste Leistung wie ein Studienrat bezahlen zu lassen und dann obendrein eine Kreativbeilage zu fordern. Zumal längst nicht alle Übersetzungen in satzreifem Zustand den Verlag erreichten. Eine schlechte Übersetzung kann man nur mit großer Mühe in eine halbgute verwandeln, aber wir haben noch nie Geld zurückverlangt, sagt der Verleger.
30.000 oder 70.000 Euro?
Schauen wir also auf die Zahlen des zurückliegenden Jahres, zunächst ein Beispiel aus der Auflagenoberklasse. Anna Gavaldas Roman Zusammen ist man weniger allein hat bei 104.000 verkauften Exemplaren dem Übersetzer ein Pauschalhonorar von 11.375 Euro gebracht; dazu kommen ein Prozent Beteiligung ab einer verkauften Auflage von 30.000 Exemplaren (17.219 Euro) sowie ein Lizenzerlös durch den Verkauf der Taschenbuchrechte von 1000 Euro (diese Zahl kann bei hohen Taschenbuchverkäufen noch steigen) - in der Summe also 29.594 Euro, das entspricht einem Seitenpreis von 43,53 Euro.
Folgte das Landgericht München den Übersetzervorstellungen, sähe die Sache deutlich anders aus; bei gleichem Pauschalhonorar kämen durch die erhöhte Erfolgsbeteiligungen ein Gesamthonorar von 70.748 Euro zustande, was einem Seitenpreis von 108 Euro entspräche. Beispiel zwei aus der Auflagenmittelklasse: Stefan Chwins Roman Der goldene Pelikan. Bei 9445 verkauften Exemplaren bekommt der Übersetzer 7700 Euro (22 Euro je Seite), nach der Neuregelung bekäme er 26.250 Euro, mithin ein Seitenhonorar von 75 Euro.
Ein Canetti zieht nicht mehr
Ein Blick auf die Programmstruktur des vergangenen Jahres zeigt, daß Hanser in der Kategorie Romane/Erzählungen 42 Titel veröffentlicht hat, davon 23 in Übersetzungen. Sechzehn der 23 Bücher bewegten sich in Auflagen unter zehntausend und damit unterhalb der Beitragsdeckungsgrenze, sieben darüber, aber von diesen sieben wieder nur drei über fünfzigtausend Exemplaren (Philip Roth, Orhan Pamuk, T.C. Boyle) und nur eines über hunderttausend Exemplaren (die bereits erwähnte Anna Gavalda). Bei den deutschsprachigen Titeln haben es von neunzehn publizierten ganze zwei über die Marke von zehntausend gebracht: Wilhelm Genazino (65.285) und Arno Geiger (177.803), letzterer deutlich vom ersten Deutschen Buchpreis beflügelt.
Das Geschäft hat sich dabei immer mehr auf die Neuerscheinungen verlagert, die Backlist spielt immer weniger mit; aber daß ein Autor wie Elias Canetti sogar in seinem Jubiläumsjahr nicht mehr zieht, ist schon bedenklich. Vom zehnten und abschließenden Band der Werkausgabe sind in der Kulturnation Deutschland, die stolz ist auf ihre zahlreichen öffentlichen Bibliotheken, gerade einmal 679 Exemplare verkauft worden. Und von den Essays des Jorge Luis Borges waren es nur 466 Stück. Das sind aber die Bücher, die wir machen müssen, darauf beharrt Michael Krüger, das ist unsere Pflicht!
Ein völlig anderer Verlag
Ein Pflichtverständnis, das jedem Controller Magengrimmen verursacht, das aber den hohen Standard deutscher Buchproduktion erhalten hilft. Die Mischkalkulation sei keine Verwässerung der hehren Verlagskultur, sondern unabdingbare Voraussetzung, um überhaupt noch wirtschaftlich arbeiten zu können: Wenn wir diese drei, vier Bestseller nicht haben, dann kann man's vergessen. Dirk Stempel schwant: Setzen sich die Übersetzer durch, treiben die erlösmindernden Kostensteigerungen den Verlag in die strukturelle Unterdeckung. Will sagen: Dann müsse man über einen völlig anderen Verlag nachdenken - um zu überleben.
Nur Armut gebiert Großes? Das Bild, daß alle Übersetzer am Hungertuch nagten, ist sicher nicht zutreffend. Gute Übersetzer haben ihren Markt und ihre vielfältigen Verdienstmöglichkeiten; einige wenige (und nicht nur der Übersetzer von Harry Potter) sind zu einigem Wohlstand gelangt; denn bei sechsstelligen Auflagen sind auch Beteiligungen von einem halben Prozent lukrativ. Besonders erbost es deshalb den Hanser-Verleger, wenn gutsituierte Leuchttürme der Branche als Unkenrufer durchs Land zögen und verbreiteten, sie arbeiteten drei Tage an einer Seite und bekämen dafür achtzehn Euro.
Der Karren steckt also im Dreck. Im Jahr vier nach der Urheberrechtsreform zeichnet sich ein Ende mit Schrecken ab. Der Börsenverein hat spät reagiert, arbeitet jetzt hektisch nach, um eine Eskalation zu verhindern. Aber Appelle scheinen nicht mehr zu fruchten. Eine Machtprobe steht bevor: Die Frage nach Redlichkeit und Angemessenheit wird bis vor den Bundesgerichtshof kommen - und diese Lösung erscheint wenig sinnvoll. Michael Krüger: Einen Proust-Übersetzer und einen, der bei Ullstein Krimis übersetzt, über den gleichen Kamm von Verdi zu scheren - bei dieser Vorstellung wird man geradezu verrückt. Schon gibt es, nicht nur bei Hanser, Überlegungen, mit den Verträgen nach Österreich oder in die Schweiz auszuweichen. Im gemeinsamen Boot, als das sich die Verlagsbranche gern sieht, wird derzeit heftig unter der Wasserlinie gebohrt.
Text: F.A.Z., 11.01.2006, Nr. 9 / Seite 31
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb
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