Der Unheilpraktiker

Heute keine Sprechstunde bei „Dr. Dabic“

Von Michael Martens

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23. Juli 2008 Wenn Radovan Karadzic eine Zelle mit Blick zur Straße hat, dann kann er von dort aus bestimmt die kleinen weißen Zelte sehen, die von den Fernsehsendern aufgebaut wurden auf der anderen Seite, damit ihre Kameras im Trockenen stehen. Es ist kein Fernsehwetter an diesem Tag. Düster und grau liegt Belgrad unter einem tiefen Wolkenhimmel, der sich entweder am Platz oder in der Jahreszeit geirrt hat.

So ein Himmel mag für Murmansk angehen oder für Oktober, aber im Juli in Belgrad macht er das darunter liegende Gewerbegebiet mit der viel befahrenen Straße des Aufstands, in dem das ockerfarbene Gerichtsgebäude mit dem Gefängnis liegt, noch trostloser. Die Kameraleute haben sowieso nichts zu filmen im Moment, denn drüben tut sich nichts. Ein kleiner dicker Fotograf und ein langer dünner überlegen, aus welcher Perspektive das Gebäude am besten einzufangen sei, sind sich dann aber doch darin einig, dass jeder Blickwinkel langweilig ist.

Nicht enden wollendes Staunen

Drüben vor dem Gebäude stehen im Abstand von jeweils zehn Metern die Männer der Sonderpolizei. Sie halten Wache mit aufgepflanztem Schutzschild und schauen grimmig drein. Das gehört zu ihrem Job, so machen sie es immer. Am Kiosk skandieren die regenfeuchten Belgrader Zeitungen im Chor, dass Karadzic verhaftet worden sei, und auch wenn das schon seit gestern Nacht jeder weiß in der Stadt, blicken sich die Leute am folgenden Tag noch ungläubig an. Dabei kommt es gar nicht so darauf an, ob einer die Nachricht gut findet oder schlecht. Alle staunen darüber, dass es nun also doch geschehen ist, und können nicht aufhören, sich zu wundern.

Radovan Karadzic verhaftet: Nach all den Jahren, da man sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass er sich irgendwo in den Schluchten des Balkans versteckt halte und wahrscheinlich nie gefunden wird, klingt das wie ein Märchen. Seit Montag, 23.14 Uhr, ist bekannt, dass es keines ist. Um diese Uhrzeit meldete die serbische Agentur Beta als erste, das „der frühere Führer der bosnischen Serben“ aufgespürt worden sei. Dann verkündete der Nationale Sicherheitsrat der Republik Serbien hochoffiziell, dass eine „Aktion serbischer Geheimdienste“ Karadzic ausfindig gemacht und festgenommen habe. Er sei, dem Gesetz über die Zusammenarbeit mit dem Tribunal für das ehemalige Jugoslawien entsprechend, an die Untersuchungsrichter des Belgrader Gerichts für Kriegsverbrechen überstellt worden. So prosaisch endete ein Versteckspiel, das mehr als ein Jahrzehnt hindurch den Balkan in Atem hielt.

Ein sympathischer Mann?

Aber eigentlich, das wissen wir jetzt schon, war es ja gar nicht Karadzic, der verhaftet wurde, sondern Dr. Dabic. Der Gesuchte habe einen auf den Namen Dragan Dabic ausgestellten Personalausweis besessen und sich in einer privaten Arztpraxis mit alternativer Medizin beschäftigt, hieß es am Dienstag. Ein merkwürdiger Gedanke kommt auf: Im vergangenen Jahr, als der Magen immer wieder Beschwerden machte, hatte man da nicht überlegt, es doch einmal mit alternativer Medizin zu versuchen? Um ein Haar wäre man dann vielleicht in seine Praxis geraten: Gestatten, Dr. Dabic, was kann ich für Sie tun? Niemand hätte Verdacht geschöpft, denn dieser schlohweiße Zottelkopf, so, wie ihn die am Dienstag verbreiteten Fotos zeigten, hat die Rolle des leicht weltfremden Heilpraktikers bestimmt glänzend gespielt. Vielleicht hätte er noch etwas Kluges über Kultur gesagt und einem dann eine Tüte sündhaft teurer Heilkräuter aus den bosnischen Bergen verkauft, und die Leute hätten gesagt: Dieser Dr. Dabic, das ist ein sympathischer Mann.

Es stellt sich nun die Frage, wer aus seinem Umkreis von der friedvollen Existenz des Dr. Dabic-Karadzic mitten in Belgrad wusste. Vor einigen Jahren, als sein Verleger Miroslav Tocholj den neuen Roman von Karadzic herausbrachte und damit der Star der Belgrader Buchmesse war, hieß es, das Manuskript sei mit der Post von irgendwo her gekommen. Schon damals vermuteten viele, dass Toholj, ein bosnischer Serbe, auf die eine oder andere Weise in Verbindung mit Karadzic stehe. Weltanschaulich sind sich der Verleger und sein Autor gewiss nah, das wusste man. Oder bedurfte Karadzic seiner alten Kameraden aus Bosnien gar nicht? Half ihm gar der Geheimdienst selbst dabei, sein in aller Öffentlichkeit geführtes Untergrundleben durchzuhalten?

Das serbische Urmisstrauen

Dafür spräche immerhin, dass in den Kreisen von Serbiens Sicherheitsdiensten jenes serbische Urmisstrauen gegen den Westen, das freilich immer nur für einen Teil der Bevölkerung gegolten hat, noch sehr lebendig zu sein scheint. Serbien gehört in den Westen, es vergisst das nur mitunter - weil ihm einige Oberpanslawisten immer wieder erfolgreich einreden, dass es sich nach Osten wenden müsse, nach Moskau, wenn es seine Seele nicht verlieren wolle. Es sind dieselben Menschen, die immer schon über die „verwestlichen“ Serben aus dem habsburgischen Ungarn geschimpft haben, obwohl gerade die Serben von dort unendlich viel geleistet haben für die Förderung eines serbischen Nationalbewusstseins. Auch wenn einige serbische Nationalisten immer schon meinten, das wahre Serbentum stamme nicht aus Szegediner Studierstuben, sondern sei nur in einer verrauchten Bauernkate in der Sumadija zu Hause und beschreite den Weg der Geschichte auf Opanken, allenfalls.

Es ist ein Streit, der heute, wenn gewisse Kreise sich gegen einen Beitritt Serbiens zur Europäischen Union wenden, seine aktuelle Entsprechung findet. Einer der Sonderwegsadvokaten war Milosevic, der sich anfangs als Nachfolger Titos sah und dann, weil daraus nichts wurde, eine Kleptokratie zum eigenen Machterhalt errichtete, deren Ideologie des „pluralistischen Nationalismus“ mit wechselnden Zielen verbrämt wurde, je nach Windrichtung.

Nationalistische Tiraden

Die Opfer dieses Systems sind zahlreich, aber die meisten wissen nicht einmal, dass sie überhaupt Opfer sind. Unweit des Gerichtsgebäudes, bei den Würstchenbuden am Partisan-Stadion, die auch an spielfreien Tagen geöffnet haben, kann man sie finden. Die Neuigkeit ist noch keinen Tag alt, da wissen einige hier schon alles. Zufall? Unsinn, sagt ein Mann und macht eine wegwerfende Handbewegung. Es gebe keinen Menschen auf der Welt, den man nicht innerhalb von wenigen Stunden ausfindig machen könne. Alles sei seit langem vorbereitet gewesen. Dann sagt er diesen gefährlichen Satz: „Ich bin kein Nationalist, aber . . .“

Wenn jemand ein Gespräch so beginnt, heißt es, auf der Hut zu sein, denn dann kommt mit ziemlicher Sicherheit eine nationalistische Tirade, von der die einführende Negation nur ablenken sollte. Und so kommt es dann auch. Alexander der Große habe ja schließlich ebenfalls gemordet; aber kein Mensch rede darüber, dass er ein Kriegsverbrecher sei, sagt er. Aber ist das nicht etwas anderes, ob jemand vor 2300 Jahren oder heute Wehrlose umbringen lässt? Dazu könne er nichts sagen, er interessiere sich nicht für Politik, sagt der Mann.

Einer der schlechtesten Männer der Welt

Freilich nehmen es auch andere nicht so genau mit dem Details. Im Fernsehen hat Bill Clintons ehemaliger Balkan-Unterhändler Holbrooke gerade gesagt, Karadzic, „einer der schlechtesten Männer der Welt, der Osama bin Laden Europas“, habe 300.000 Menschen auf dem Gewissen. Es bedeutet nicht, Karadzic in Schutz zu nehmen, wenn man darauf hinweist, dass eine solche Behauptung Unsinn ist.

Die Kameraleute unter den Zelten in der Straße des Aufstands haben noch immer nichts zu tun, denn drüben tut sich weiterhin nichts. Wenn Radovan Karadzic da oben irgendwo in seiner Zelle ist, dann sieht er außer den gelangweilten Kameraleuten vielleicht auch das Haus Nummer 12, eine Mietskaserne schräg gegenüber, ein schlichtes und kreuztrauriges Nachkriegsgebäude aus Beton.

Das Haus ist ohne Schmuck und Farbe, als hätte es sich selbst aufgegeben, nur eine Palme auf einem Balkon wagt einen hoffnungslosen Aufstand gegen das viele Grau. Wenn Karadzic jetzt gerade ans Fenster tritt, dann sieht er vielleicht auch die Frau mit den beiden blauen Tüten, die ins Taxi steigt und davonfährt. Dies hier ist das letzte, was er für sehr lange Zeit sehen wird von Belgrad, vielleicht für immer.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, reuters

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