11. Januar 2007 Auf dem Schulhof ist alles ganz einfach. Dort reicht ein flüchtiger Blick in der großen Pause, um sich ein klares Bild über die gesellschaftliche Rangordnung zu verschaffen. Es finden sich, umschwärmt von den anderen, die Sonnyboys, die Coolen und die schönen Mädchen, deren Nähe man sucht, in der Hoffnung, ein wenig des Glanzes möge auf einen selbst abstrahlen. Es gibt die Klassenclowns, die schwer für Gelächter und Aufmerksamkeit schuften, und die Musterschüler, die nicht geliebt, doch respektiert werden - wer weiß, wann man einmal ihre Hilfe braucht.
Und es gibt, unübersehbar in ihren Ecken, die hoffnungslosen Fälle. Die mit den dicken Brillen, dicken Bäuchen und Zahnspangen, diejenigen, die Morgen für Morgen widerspruchslos in die Kleider schlüpfen, welche Mutti ihnen zurechtgelegt hat, und denen man das auch ansieht. Zu ihnen geht, wer auf sich hält, auf Distanz, und weil Kinder ehrlich und grausam sind, verschweigt man ihnen nicht den Grund dafür: Du siehst scheiße aus. Später, im Berufsleben, ist es viel komplizierter. Wer hier tagtäglich allein in der Kantine sitzt und sich wundert, warum es einfach nicht klappt mit der Beförderung, der darf auf Ehrlichkeit nicht hoffen. Nach wie vor hängen Wohl und Wehe von den richtigen Freunden und den richtigen Schuhen ab, nur wird das niemand mehr offen zugeben - schon gar nicht der Chef.
Man kann noch tiefer fallen
Bei der RTL-Show Deutschland sucht den Superstar, deren vierte Staffel gestern abend begonnen hat, ist es anders. Hier regiert der Pausenhof - mit einem entscheidenden Unterschied: Die schlimmsten Rowdys sind zugleich die Aufsichtspersonen. Wer als Möchtegernsänger vor die Jury mit ihrem heimlichen Vorsitzenden Dieter Bohlen tritt, hat nicht nur schlechte Noten zu befürchten, sondern soziale Ächtung. Auch dies gehört zum Konzept der Sendung: daß, wer ganz unten ist, es nicht nur ganz nach oben schaffen, sondern immer auch noch tiefer fallen kann.
Andreas, fünfundzwanzig und aus Trier, ist mit seiner Mutter gekommen, die ihn - so jedenfalls sieht es aus - morgens auch eingekleidet hat. Als seine Hobbys gibt er Comics, Computer und Playstation an, am liebsten aber sieht er fern. Gern würde er als Moderator arbeiten und nennt als Vorbilder Markus Lanz (RTL-explosiv) und die einstige Big Brother-Kandidatin Alida Kurras (9 Live). Jetzt versucht er es mal mit Singen, aber das kann er gar nicht. Mit aufgerissenen Augen starren die Juroren ihn ungläubig an, lachen sich schlapp, schicken ihn fort. Einen wie Andreas kann man sich gar nicht ausdenken, doch das ist auch gar nicht nötig gewesen: 28.597 Bewerber haben sich laut RTL beim Sender gemeldet, da wird einiges zur Auswahl zusammengekommen sein.
Bloß nicht rausschneiden
Unter musikalischen Kriterien hätte es dieser Kandidat niemals durch die Vorauswahlrunden bis hin zur Jury schaffen dürfen. Doch wer so denkt, hat DSDS nicht verstanden. Gesucht wird hier längst nicht nur ein Superstar, dessen Krönung in manch früherer Staffel so langweilig ausfiel wie sein im Anschluss veröffentlichtes Album, sondern ein umfangreiches Ensemble aus Haupt-, Neben- und Chargenrollen. So wichtig wie die junge, blonde, hübsche Friseurin, die von Bohlen für ihre Stimme und für ihre strahlenden Augen gelobt wird, sind Charaktere wie Andreas, deren verunglückte Auftritte rasch die Reise zu Raabs TV Total und Youtube antreten dürften und so die Kunde von DSDS in die Welt außerhalb von RTL tragen. Inszeniert werden solche Leute vom Sender als Comic-Figuren. Eine korpulente Kandidatin lässt RTL, als sie auf einem Hocker Platz nimmt, aus dem Bild rutschen. Dann lässt Bohlen den Pausenhof sprechen: Ihr Gesang sei scheiße, urteilt er, nachdem er durch einen Verhaspler heraushören ließ, dass er dasselbe vom Aussehen der Bewerberin denkt. Schneidet das bloß raus, spricht er anschließend in die Kameras.
Natürlich ist dies, kaum zur Überraschung Bohlens, nicht geschehen. Schon die inoffizielle Medienpartnerschaft mit der Bild-Zeitung lässt für Feingefühl keinen Raum. Schlagzeilen pünktlich zum Sendestart wie 'Deutschland sucht den Superstar' hart wie nie: Jetzt dreht Bohlen durch! sind zugkräftiger als etwa Bohlens Urteile deutlich differenzierter. Und die Bilder der verzweifelten, gedemütigten Kandidaten, die nach ihrer Demission unter Tränen schluchzen: Mutti, ich kann doch singen!, sind ein dramaturgisch gewollter Kontrast zu den Glücksmomenten, die andere erleben, nachdem man ihnen ein Papier mit der Aufschrift Recall in die Hand gedrückt hat. DSDS setzt auf Ausgrenzung und auf Identifikation. Etwa mit Ashley aus Südafrika, der beim Singen stets an seine verstorbene Mutter denkt und von Bohlen, dem Mann mit Gespür für gute Geschichten, gegen den Widerstand seiner Kollegen durchgeboxt wird: Ich kämpf für dich.
Der Glaube, den Casting-Shows gingen allmählich die Kandidaten aus, war ein Trugschluss. Das Potential an Verkäuferinnen, Schülern und Arbeitssuchenden (RTL), die sich durch DSDS ein aufregendes Dasein erhoffen, ist nicht erschöpft. Ich will unvergessen sein, benennt der sechzehn Jahre alte Christian sein Lebensziel. Andere begnügen sich mit dem zwiespältigen Ruhm für fünfzehn Minuten. In diese Kategorie gehört Johanna, eine (laut Bild) dreiundvierzig Jahre alte, vollschlanke Bäckereiverkäuferin aus Wuppertal, deren Grammatik Bastian Sick Stoff für ein ganzes Buch liefern würde. Ihre eigenwillige Darbietung kommentiert Dieter Bohlen mit den Worten, sie habe eine Klatsche. Gleichwohl taucht Johanna am Ende der Sendung noch einmal auf: RTL verweist auf eine Internet-Adresse, wo man auf eine Johanna-Seite mit Gewinnspiel-Einladung und Klingelton-Werbung stößt. In der unendlichen Verwertungskette von Deutschland sucht den Superstar finden auch die Witzfiguren ihren Platz.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp
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