Rumpelkammer: Welche Zukunft für das Berliner Kulturforum?

Von Niklas Maak

Hier wartet kein Bausparprogramm, sondern Rubens

Hier wartet kein Bausparprogramm, sondern Rubens

19. August 2004 In Berlin versteckt sich die Kultur traditionell gern an Orten, an denen man sie nicht erwartet hätte. In der Auguststraße tritt man durch einen schrottigen Hauseingang und entdeckt die überraschende Oase der "Kunst-Werke". Eine Seitenstraße weiter verbirgt sich, ebenfalls in einem Hinterhof, "c/o Berlin", einer der wichtigsten Orte für Gegenwartsfotografie in Berlin. All diese Verstecke haben den Reiz des Provisorischen, des Improvisierten und trugen zum Ruf der Hauptstadt als Hort von Gegenwart und Untergrundkultur bei. Überhaupt nicht charmant ist aber die Art und Weise, wie man in Berlin eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt versteckt hat. Man fragt sich schon heute, nur wenige Jahre nach der Eröffnung der Gemäldegalerie am Kulturforum, wie es zu dem kommen konnte, was man neben dem neuen Potsdamer Platz-Areal sieht.

Was hier veranstaltet wurde, ist ein städtebauliches Desaster, unter dem Berlins einmalige Sammlung Alter Meister zu leiden hat. Sie befindet sich nicht, wie es ihr zustünde, in der Mitte einer Berliner Museumslandschaft, sondern in den Tiefen einer urbanistischen und architektonischen Rumpelkammer, die man sich chaotischer nicht vorstellen kann. Dabei fehlt es, zumal in diesen Tagen des großen MoMA-Rauschs, nicht an Publikum auf dem Kulturforum. Stundenlang stehen die MoMA-Pilger vor Mies van der Rohes 1968 vollendeter Neuer Nationalgalerie, die wie ein majestätisches Ufo am Landwehrkanal schwebt; gegenüber blinkt die Nase des Kammermusiksaals in seinem bundesrepublikanischen Goldmäntelchen, und die Studenten strömen in Hans Scharouns Bibliotheksbau. Scharouns und Mies van der Rohes Gebäude bilden ein beeindruckendes Ensemble der Moderne - nur das, was zwischen ihnen, hinter der alten, auf etwas verlorenem Posten stehenden Matthäi-Kirche vor sich geht, paßt gar nicht ins Bild.

Wie die Stadtsparkasse einer deutschen Kleinstadt

Hier beult sich die Stadt plötzlich zu einer schrägen Rampe aus, als sei das Monster aus Rubens' "Perseus und Andromeda" aus dem Bilderrahmen geschlüpft und unter die Stadt gekrochen. Auf diesem seltsamen Wal-Rücken wandert man, in beunruhigender Schräglage, auf einen Eingang zu, der an den Einlaß der Stadtsparkasse einer deutschen Kleinstadt denken läßt. Hinter solchen Türen warten Bausparprogramme, aber keinesfalls Cranachs Jungbrunnen oder Rubens' heiliger Sebastian.

Das ästhetische Phlegma setzt sich fort. Man betritt eine kühl-konfuse Verteilerhalle, hinter deren Treppen man Etagen mit Kleidung, Konserven und Orientteppichen erwarten würde, aber keineswegs eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen europäischer Malerei vom dreizehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert, keinen Dürer, Raffael, Tizian, Caravaggio, Rubens, Rembrandt und Vermeer, keine tausend Gemälde in 53 - architektonisch dezenten, der Kunst angemessenen - Sälen. In keinem anderen Museum der Welt ist die Diskrepanz von innerer Qualität und äußerer Banalität so eklatant wie hier, wo die Fußgängerzonenästhetik von Platz und Fassaden eher an Aldi statt an Anton van Dyck denken läßt.

Ästhetische Wurzeln in der Fußgängerzone

Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, ist um dieses schwierige Erbe nicht zu beneiden, und man versteht nicht, was sein Vorgänger Wolf-Dieter Dube und die damals Verantwortlichen mit der Umgestaltung des Kulturforums und der konfus ins Eck geklemmten Gemäldegalerie im Sinn gehabt haben. Es ist skandalös, wie stiefmütterlich eine derart bedeutende Sammlung hinter dem, vorsichtig gesagt, banalen Bau von Kunstbibliothek und Kupferstichkabinett und dem seltsamen Buckel verschwindet, der seine ästhetischen Wurzeln tief in den Fußgängerzonen westdeutscher Kleinstädte hat.

Die Berlin-Euphoriker, die gehofft hatten, die Gemäldegalerie einmal an der Spree in einem rekonstruierten Schloß oder einem Neubau begrüßen zu dürfen, haben ihre kühnen Träume längst begraben. Bauen auf dem Schloßplatz ist angesichts der finanziellen Lage von Stadt und Land so unwahrscheinlich wie der Bau einer Transrapid-Strecke von Berlin nach Peking, und man muß sich freuen, daß ein paar unermüdliche Organisatoren im sanierten Gerippe des Palasts der Republik mit Veranstaltungen wie "Le Bal Moderne" am kommenden Samstag ein zirzensisches Feuerwerk an Stadtkultur entfalten und den Platz beleben werden.

Einst ein historisch wichtiger Ort des bürgerlichen Berlins

Noch trauriger ist die Leere hinter dem Potsdamer Platz. Zur Zeit ist das Kulturforum ein unglücklicher stadtideologischer Zwitter aus radikal modernem Städtebau und Stadtverdichtung. Scharouns Bauten schwebten als Solitäre wie exquisite goldene Blüten in einer "Stadtlandschaft", deren Ausprägung er schon 1946 in seinem Kollektivplan formuliert hatte. Seine Stadtvision stand dem traditionellen Städtebau mit seinen bürgerlichen Eigentums- und Bebauungsformen, Haustypen und Straßenfluchten diametral entgegen. Der Architekt sah das Areal als einen Teich, durch den die Autos wie Fische hindurchströmten und in dem die Bauten wie exquisite Seerosen herumtrieben. Diese Ästhetik, die dem Ort vielleicht keine traditionell städtische, aber eine eigene skulpturale Kraft gab, wurde mit den zahlreichen An- und Umbauten verwässert, ohne daß an ihrer Stelle die dichte Stadt wiederauferstand, die hier einmal die Matthäi-Kirche umgeben hatte.

Tatsächlich war das Viertel, bevor Albert Speer es mit seinem Plan einer 160 Meter breiten Nord-Süd-Achse überrollte, ein historisch wichtiger Ort des bürgerlichen Berlins: Im siebzehnten Jahrhundert siedelten sich hier Hugenotten an, in diesem Villenquartier wandelte sich das Land zur Stadt, Langhans und Gilly bauten hier, Stüler schuf die kleine, filigrane Matthäus-Kirche. Auch sie, einmal ein wichtiger Fixpunkt im dichten Stadtgrundriß, wurde 1964 von Scharoun zu einer modernen Solitärblüte umdefiniert und treibt seitdem zusammenhangslos in der "Stadtlandschaft". Doch mit den Museumsneubauten ist das Konzept einer Stadtlandschaft ad absurdum geführt. Die Objekte im Stadtraum haben sich verklumpt, und mit Gudbrods massigen Ergänzungsbauten ist die Scharounsche Idee einer leichten, offenen Baulandschaft gestorben.

Auf dem musealen Verschiebebahnhof von Berlin

Nun ist es um so wichtiger, daß dem Senatsbeschluß zur Weiterentwicklung des Kulturforums eine Debatte folgt, die zur Umgestaltung der Kulturwüste führt. Zur Zeit präsentieren die Staatlichen Museen zu Berlin in der Eingangshalle des Kulturforums Entwürfe von Studenten der Universität der Künste zur städtebaulichen Weiterentwicklung und für ein neues "Museum Europäischer Kulturen", die im Detail interessant sind, aber am Städtebau im großen und ganzen nicht rütteln wollen. Von dieser Museumsbezeichnung wollte Peter-Klaus Schuster auf der Pressekonferenz nichts wissen. Er sprach statt dessen von einer "Museuminsel der Moderne", und das könnte sich nicht nur auf die Ikonen der architektonischen Moderne, sondern auch auf den Inhalt der Gemäldegalerie beziehen. Schon seit längerem gibt es Ideen, hier statt der Alten Meister Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts zu zeigen, was aber beim derzeitigen Stand der Dinge zu einem heillosen Chaos auf dem musealen Verschiebebahnhof von Berlin führen könnte.

Vorerst geht es auch um etwas anderes: Zur Bekämpfung der städtebaulichen Misere liegen im wesentlichen zwei Pläne vor, und die haben nichts mit der gezeigten Kunst zu tun. Stephan Braunfels, Manfred Ortner sowie Hilmer & Sattler und Albrecht, die beratenden Architekturbüros der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, stellen zur Zeit in der Behrensstraße 42 verschiedene Pläne vor, die alle eine Grundidee verfolgen: Zwei Bauten formen eine Torsituation, durch die man vom Potsdamer Platz in Richtung Kulturforum und Gemäldegalerie geleitet wird. Dort führt eine freie Achse zu einem dreiseitig geschlossenen Platz, der den unseligen Buckelwal ersetzt, und vor die erkennbare, prägnante Fassade des Gemäldegalerie-Komplexes.

Der unsägliche Wal-Buckel muß abgerissen werden

Braunfels baut Scharouns bananenförmig gebogener Straße ein urbanistisches Gelenk mit Springbrunnen ein und verwandelt sie so in einen französischen Boulevard mit elegantem Rond Point; außerdem markiert er den neuen Platz mit einem Hochhaus, einem Turm, der die neuen Piazzette der Kultur in der Skyline gegen die Kommerztürme des Potsdamer Platzes positioniert. Darauf setzt auch Florian Mausbach, Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. In seiner Studie, die von den Architekten Gruber + Kleine-Kraneberg ausgeführt wurde, gibt es vor der Staatsbibliothek einen großen See und gleich zwei Hochhäuser, die den Ort markieren. Statt einer Piazza Chiusa vor der Gemäldegalerie, wie sie Hans Stimmann gerne sähe, schwebt ihm ein Alignement von Kulturbauten an der Matthäikirchstraße vor.

Wie auch immer: Man sollte jetzt den Mut haben, die Fehler der jüngeren Vergangenheit zu korrigieren. Der unsägliche Wal-Buckel vor der Gemäldegalerie muß abgerissen werden und mit ihm am besten auch die deprimierende Eingangshalle; Rubens, Baldung und Cranach haben etwas anderes verdient. Das gestrüppartige Gewucher zwischen Kammermusiksaal und Matthäi-Kirche darf ohne Bedenken abgeholzt werden. Die Gemäldegalerie braucht ein weithin sichtbares Entree, eine Fassade, die ihre Bedeutung auch im Stadtbild sichtbar macht (und kein neues, zweifelhaftes Museum wie das "Museum des Modernen Stils", das in Mausbachs Plan den Zugang zu den Alten Meistern verstellt). Auch die Rückkehr jener bürgerlichen Wohnkultur, die hier einst gedieh und der Speer ein brüskes Ende bereitete, wäre wünschenswert.

Das ist Berlin seinen Alten Meistern schuldig

Würde am Kulturforum, dort, wo die Matthäuskirche einst von Villen umringt war, neuer und für bürgerliche Portemonnaies noch bezahlbarer Wohnraum geschaffen, könnte sich das Areal auch abends beleben und ein urbanes Leben entfalten, in dem sich Kultur, Konsum und Kommerz mischen.

Ob die verfahrene Situation am Kulturforum mit einem neuen Platz, neuen Fassaden, dichter Mischbebauung oder mit Türmen gerettet wird, muß jetzt ein internationaler Architekturwettbewerb zeigen; einen solchen Wettbewerb ist Berlin seinen Alten Meistern und seiner alten Friedrichvorstadt dringend schuldig.

Museumsbauten der achtziger Jahre haben Hans Scharouns Kulturforum vom Geniestreich der Moderne zum buckligen Krähwinkel verstümmelt. Jetzt endlich wollen Architekten und Berliner Stadtplaner mit markanten Umbauten retten, was zu retten ist.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2004, Nr. 193 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

 
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