FAZ.NET-Fernsehkritik

Die Heulsusen-Runde

Von Julia Voss

“Weltregierung der Frauen“

"Weltregierung der Frauen"

06. Juni 2007 In der 61. Minute kam endlich der Satz von Hildegard Hamm-Brücher: „Wir reden hier die ganze Zeit nur über unsere Probleme. Es gibt Abermillionen von Frauen in dieser Welt, die weit entfernt von jeder Form der Gleichberechtigung sind.“ Eine Stunde lang war da bereits gestern im Ersten die Talkrunde von Sandra Maischberger wie Brei auseinandergeflossen, eine unförmige Gesprächsmasse, in der die immergleichen Diskussionsbrocken herumschwappten.

Beispiel Mascha Kritchevskaia, Moderatorin beim russischsprachigen Berliner Radiosender „Radio Russkij Berlin“. Frage Maischberger: „Sie sagen von sich, Sie seien nicht emanzipiert. Warum nicht?“ Antwort Kritcheskaia: „Ich mag, wenn man mir in den Mantel hilft. Ich bin sehr selbständig. Aber ich bleibe eine Frau.“ Um an dieser Stelle vielleicht einmal klar zu stellen, wie die Realität aussieht: In den Mantel wird auch jetzt den meisten Frauen nicht geholfen. Mehr Gleichstellung bekommen sie dafür aber nicht. Und in vielen Ländern, um die es sinnvoller Weise hätte gehen können, ist es ohnehin zu heiß für einen Mantel.

Für den gestrigen Abend war es allerdings bezeichnend, wenig über den Tellerrand zu schauen. „Weltregierung der Frauen“ hieß die Talkrunde und Thema war die Frage, was wäre, wenn mehr Frauen regieren würden. Eigentlich fing es auch ganz lustig an. Zu Beginn der Sendung hielt Sandra Maischberger die Staatschefs, die sich ab heute beim G8-Gipfel in Heiligendamm treffen, als Pappbilder hoch. Das Ergebnis war eindeutig: 7:1. Unter acht Staatschefs gibt es nur eine einzige Frau: Kanzlerin Angela Merkel. Das Erste hatte deshalb aus den acht Teilnehmerstaaten jeweils eine Frau eingeladen, darunter die italienische Verlegerin Inge Feltrinelli, die Journalistin der englischen Tageszeitung „Guardian“ Hella Pick oder die amerikanische Publizistin Melinda Crane.

Kluge Frauen

Zu dem Männerclub in Heiligendamm sollten die acht Frauen einen weiblichen Gegengipfel bilden. Statt aber über Klimaschutz, Afrikapolitik und Globalisierung zu diskutieren, ging es um Frauen und Karriere - um Krippenplätze in Frankreich, das Mutterbild in Deutschland oder die Vereinbarkeit von Beruf und Karriere im internationalen Vergleich. Statt um internationale Außenpolitik war also nationale Innenpolitik Thema. Langweilig muss das nicht sein und bei Maischberger saßen unbestritten kluge Frauen. Nur: Nach wenigen Minuten rastete damit das Gespräch bei den üblichen deutschen Talkshowthemen des letzten Jahres ein. Mit Heiligendamm hatte das nichts zu tun.

Wie Politik Frauen in Afrika erreichen kann, die Globalisierung oft am härtesten trifft, wurde zum Beispiel nicht angesprochen. Auch nicht, dass bei Naturkatastrophen, wie sie der Klimawandel bringen könnte, mehr Frauen sterben als Männer: Bei Erdbeben werden die im Haus arbeitenden Frauen verschüttet, bei Überschwemmungen helfen die Rettungskräfte häufig zuerst den Männern. Was also vielleicht tatsächlich Themen wären, würden sich in Heiligendamm weibliche Regierungsschefs treffen, kam auch bei Maischberger nicht zur Sprache.

Irgendwann gegen Ende der Sendung erwähnte Maischberger kurz, dass die Weltbank, um Armut und Krankheit zu verringern, vor allem die Bildung von Mädchen verbessern wolle. Eingegangen wurde darauf nicht. Hildegard Hamm-Brücher murmelte „Wehwehchen“. Statt Kinder und Karriere zu debattieren, hätte sie sich wohl mehr Außenpolitik gewünscht. Wir auch. Aber bei der Weltregierung der Frauen blieb an diesem Abend die Welt erstaunlich klein.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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