27. Juni 2007 Als das Wettlesen von Klagenfurt vor dreißig Jahren begründet wurde, war es als eine Nachfolgeinstitution der alten Gruppe 47 gedacht. Der Unterschied: das feste Ensemble sind hier die Kritiker. Die Autoren wechseln jedes Jahr. Landschaftlich ist es hier immer herrlich, inhaltlich oft schaurig. Der Literaturkritiker Ijoma Mangold, der in diesem Jahr zum ersten Mal in der Jury sitzt, sagte im Vorfeld: Ich möchte nicht Juror eines Bachmannwettbewerbs im Ruhrpott sein.
Die Langeweile von Klagenfurt ist legendär. Texte, die mit niemandem außer mit sich selber sprechen, Menschen, die in Buchstaben wohnen, statt wie der Rest der Menschheit in der Welt. Wenn das die Gruppe 47 von heute sein soll, dann kann man wirklich jeden verstehen, der sagt: ach, lasst mich in Ruhe mit Gruppe. Ich treffe mich schön mit Freunden, und ansonsten schreibe ich in Ruhe vor mich hin. Aber so ist sie eben, diese Wirklichkeit, und man kann sich natürlich Jahr für Jahr beschweren, dagegen andenken, anschreiben, anschreien. Letztlich sitzt sie aber doch am längeren Hebel.
Etwas erschreckende Bilder
Vielleicht wird es ja aber in diesem Jahr ganz anders. Und damit man nicht so ins Blaue hinein hoffen muss, hat die Literaturzeitschrift Volltext alle Teilnehmer dieses Jahres gebeten, sich im neuen Heft poetologisch oder biographisch einmal vorzustellen. Die Bilder, die zu den Texten abgedruckt sind, sind etwas erschreckend: die Hälfte sieht, wie jedes Jahr, so aus, als käme sie direkt aus Prenzlauer Berg, mit Prenzlauer-Berg-Brillen und Prenzlauer-Berg-Haaren, und neben den Bildern steht dann, dass sie wirklich aus dem Prenzlauer Berg kommen oder zumindest aus Berlin. Und natürlich kommen auch wieder diese Klagenfurt-Klassiker vor wie etwa: Leben ist nichts als Zusehen. Oder: Mein Aufbruch endet jedes Mal damit, dass ich einen halben Liter Milch trinken muss und eine Banane ins Tiefkühlfach lege. Oder: Meistens schlafe ich lang und gehe einkaufen. Dann sitze ich an meinem Schreibtisch und schaue aus dem Fenster. Oder auch: Ich lauschte in den schwankenden Baum, ich kaute und lauschte und kaute - und so schlief ich ein.
Hallo - sind Sie noch da? Das wäre gut, denn das ist nicht alles. Wenn man sich so ganz hindurchgelesen hat durch die Selbstvorstellungstexte der Kandidaten, dann findet sich doch eine ganze Menge Leben darin, manchmal sogar eine Bereitschaft, zu unterhalten, eine Geschichte zu erzählen. Wenn etwa der einunddreißigjährige Fridolin Schley von seiner Liebe zum Werk W. G. Sebalds schreibt, der einst, als längst schon Ausgewanderter, in Klagenfurt vergebens, das heißt preislos, las, und Schley fragt, wie es kommt, dass uns ein Text berührt. Der Sänger und Autor Peter Licht, der einst unsichtbar bei Harald Schmidt auftrat, gutgelaunt vom Sonnendeck sang und ein Buch Vom Ende des Kapitalismus veröffentlichte, ist auch dabei. Klagenfurtironisch und poetisch schreibt er: Wir waren so müde und also träumten wir vom Schlaf.
Das Privileg, Leser zu haben
Das ewige Großtalent Jochen Schmidt, auch schon 37, der jetzt endlich alle in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen und in Klagenfurt gewinnen soll, schreibt in seinem Text verheißungsvoll: Es gehört schon eine gewisse Hingabe dazu, Massenmörder zu sein. Die Leser seines Blogs begrüßt er im Internet mit den schönen Worten: Liebe Blogleser, ich danke jedem einzelnen für sein Interesse an diesem Projekt. In einer Zeit, in der jeder Mensch interessant und erzählenswert ist, ist es ist ein großes Privileg, noch Leser zu haben.
Am preiswürdigsten ist in dieser ersten Vorstellungsrunde allerdings der Sportjournalist und Autor Ronald Reng. Wie dieser die Geburt des Schriftstellers aus dem Geist, oder besser: aus der Tätigkeit als München-60-Beauftragter einer Tageszeitungsredaktion beschreibt, das allein hätte schon fast einen Publikumspreis sicher. Am Ende des Trainings hat der Reporter eine besonders langweilige Frage gestellt: Der Trainer überlegt einen Moment, um ein Wort zu finden, das seine ganze Verachtung ausdrückt. Der Trainer ist der erste Mensch, der ihn so nennt. Der es ausspricht: ,Romanschreiber', knurrt er.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.06.2007, Nr. 25 / Seite 27
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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