Elfriede Jelinek deutet Amstetten

Hier gilt das Wort des Vaters

Von Rose-Maria Gropp

Elfriede Jelinek kommentiert im Internet den Inzest von Amstetten

Elfriede Jelinek kommentiert im Internet den Inzest von Amstetten

13. Mai 2008 Elfriede Jelinek hat einen Text mit dem Titel „Im Verlassenen“ auf ihre Homepage (www.elfriedejelinek.com) gestellt. Es geht darin um die Geschehnisse in der niederösterreichischen Kleinstadt Amstetten. Es ist eine ungewöhnlich knappe Einlassung der Literaturnobelpreisträgerin, die sich seit Ende 2005 beinah ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und deren jüngster umfangreicher Prosatext „Neid“, den sie inzwischen abgeschlossen hat, als „Privatroman“ in Fortsetzungen ausschließlich im Internet zu lesen ist. Jelinek hat darin Amstetten nachträglich gestreift (Kapitel 4a, Seite 64b); die Offenheit der von ihr gewählten literarischen Form gestattet ihr das.

Doch Amstetten ging weiter mit ihr um. Durch die unerhörte Begebenheit sieht sie ihr Land gezeichnet. Österreich bleibt ihr naturgemäß die Bühne; denn sie ist eine österreichische Schriftstellerin, und sie verlässt die Heimat so wenig wie ihre Vorgänger, ein Nestroy, H. C. Artmann, Werner Schwab, sie je verlassen haben. Aber wie die Großen von dort, ein Rilke, Hofmannsthal (vielleicht Ingeborg Bachmann), Thomas Bernhard, hat sie einen Atem, der über die lokale Misere weit hinausreicht, in die Parabel auf das monströse Humanum. Österreich ist da lediglich die kleine Welt, die der großen Welt eine Probebühne für die Aufführung bereitstellt.

Sprachmacht und Sprachwut

Selbstverständlich setzt Elfriede Jelinek ihre Sprachmacht und Sprachwut ein; aber sie gibt ihr einen spezifischen Klang, einen harten Rhythmus. Sie enthält sich diesmal jeder Imitation des Boulevardjargons, den sie in ihren endlosen Tiraden immer wieder geäfft und gegeißelt hat. Ihre boshaften Sprachspiele hält sie fern vom realen Bösen. Mit „Im Verlassenen“ begibt sie sich in eine so radikale Nähe zur aktuellen Wirklichkeit wie schon lange nicht mehr. Das macht sie stark und hellsichtig.

Der Ort der Handlung, Österreich und Amstetten, tritt zurück hinter die Rolle des Josef F., hinter das Gesetz, das der Täter im Verlies erlassen hat: „Hier gilt das Wort des Vaters, der sogar schon Großvater ist, nichts Besonderes, es gibt Väter und Großväter sogar in einer Person, es gibt ja auch die hl. Dreifaltigkeit, einen in drei Personen, hier haben wir einen Gottvater, der alle Personen ist und alles Sprechen (mit Ausnahme des Fernsehapparats und des Radios, welche unten gestattet waren) erledigt. Keine Stäbe, keine Gitterstäbe hier vorhanden. Es ist also nicht einmal möglich, zwischen etwas, durch das man hindurchschauen kann, auch keine Welt zu sehen.“ Elfriede Jelinek rechnet in ungewohnt kurzen Sätzen mit einem Täter ab, wie er nicht einmal einer ihrer Dystopien entstiegen sein könnte.

Es verschlägt ihr die Zoten, nicht die Worte

Sie macht die Rechnung des pervertierten Gesetzes auf, das der Vater-Großvater erließ, der alles Handeln und alles Sprechen beherrschte. Das Inzestverbot ist eine wesentliche Übereinkunft, in der unsere gesellschaftliche Ordnung gründet, seine Symbolkraft steht für ihr schärfstes Tabu. Jelinek hat für seine Übertretung keinen Kalauer bereit und für die vierundzwanzig Jahre im Verlies keine Es-fehlen-die-Worte-Rhetorik. Sie schreibt kalt über eine ausgelebte Allmachtsphantasie, die gemeinhin zivilisatorisch gebändigt ist - als über die „Aufführung dieses Großvater-Gottvaters, der ein Idyll errichtet hatte, das er kunstlos dem weiblichen Körper nachgebaut hat, mit vielen Nischen und Gängen, man kann nicht von überall überall hineinsehen“.

Man durfte erwarten, dass Jelinek sich zu Amstetten äußert. Es war bis vor kurzem ihre selbstgewählte Arbeitsplatzbestimmung, die gewöhnlichen Katastrophen zu eskortieren mit ihren Suaden. Jedoch was in Amstetten geschah, so wird erkennbar, ist größer als Elfriede Jelinek, monströser als ihre schlimmsten Visionen. Selbst sie nimmt sich für „Im Verlassenen“ eine Stütze, die ihr die Annäherung an das Verlies erst erlaubt, in dem ja nicht einmal die Stäbe eines Käfigs eine Welt durchscheinen ließen. Sie holt sich dieses Bild bei einem Dichter: Mit ihrer Sentenz, dass dort im Keller hinter dem „Betonpfropf“ nicht einmal galt „zwischen tausend Stäben keine Welt“, zitiert sie Rilke, fast wörtlich, die geschundene Kreatur seines „Panther“-Gedichts.

Das Geschehen in Amstetten verschlägt ihr die Zoten, die Abstürze, die Kaskaden - nicht aber ihre Worte, ihren moralischen Furor. Und damit ist ihr Text der obszönen Anmutung eines österreichischen Boulevardblatts zuvorgekommen, in dem sich inzwischen Josef F. und sein Anwalt ausführlich zu Wort gemeldet haben und wo bereits eine fahrlässig heruntergebrochene Psychologie zum Deutungsinstrument geschmiedet wurde. Auch dagegen steht Elfriede Jelineks ruhige Hand, mit der sie gezielt und getroffen hat und die ihr kurzes Stück Prosa so schneidend macht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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