Weltstars

Die kopflose Republik

Von Klaus Biesenbach

Mexico hat Salma Hayek

Mexico hat Salma Hayek

12. Oktober 2004 Natürlich gibt es Michael Schumacher. Und natürlich gibt es Claudia Schiffer. Und Heidi Klum. Und vielleicht wird man sich auch im nächsten Jahr noch an einen Mann namens Boris Becker und eine Frau namens Steffi Graf erinnern. Aber ein jüngerer Schauspieler? Eine Künstlerin? Ein Musiker?

Hierzulande fallen einem ein paar Namen ein. Aber wenn man diese Namen in New York oder Tokio, in Amsterdam oder London erwähnt, dann wird man angeschaut, als habe man "Gpfrgsgsjkbsmgo!" gerufen. Was? Nie gehört. Wer ist das? Aha?
Das war nicht immer so. Es gab Fassbinder. Es gab Joseph Beuys. Es gab irgendwann einmal sogar Marlene Dietrich. Lange her. Kein Deutscher unter fünfzig Jahren ist in den letzten fünfzehn Jahren weltberühmt geworden, es sei denn als Model oder als Sportler, also durch Körpertalente. Nadja Auermann, Claudia Schiffer und Michael Schumacher sind solche Körpertalente.

Fragt man jedoch im Ausland jemanden, ob er einen deutschen Star kennt, bekommt man keine Antwort - und vielleicht ist diese Leere auch der Grund dafür, daß in Deutschland so verzweifelt "der Superstar" gesucht wurde, mit den bekannten Ergebnissen.

Weltberühmt heißt...

Ein Star ist jemand, der so weit nach oben gekommen ist, daß man ihn von überall auf der Welt sieht und wahrnimmt. Weltberühmt zu sein bedeutet, in jedem beliebigen Land der Welt sofort auf der Straße erkannt zu werden oder zumindest bei Nennung seines Namens in eine Notlage zu geraten. Es bedeutet, daß man sofort umsonst in einem sehr guten Hotel untergebracht wird und daß sich jeder um die Betreuung des kurzfristig "Bedürftigen" reißt. Der Star, der einem als Close-up in den Medien, im Film oder auf Plattencovers, Postern, Litfaßsäulen oder anderen Darstellungen immer wieder begegnet, ist ein intimer Unbekannter. Biographie, Talente, Schicksalsschläge - all das ist Gegenstand des gesteigerten bis übertriebenen Interesses der Öffentlichkeit an einem Star.

Das Gesicht, der Körper, der Name des Stars entwickeln eine fast metaphysische Anziehung, die Fans zum Wahnsinn treibt und einem Heer an Bodyguards ein gutes Auskommen sichert. Der Fan fühlt eine Teilhabe am Wahren und Ewigen und hat sich selbst im Kontakt mit dem Star verwirklicht - und spätestens dort liegt schon eine erste Erklärung für den kompletten Mangel an Stars in und aus Deutschland. Denn wer in Deutschland würde schon einen anderen Deutschen akzeptieren, den er wirklich bewundert und nicht für einen peinlichen Proleten hält?

Stars müssen gefährlich sein

Überdurchschnittliche Durchschnittlichkeit ist in Deutschland das Kriterium, überdurchschnittlich bekannt zu werden, siehe Bohlen, Effenberg, Feldbusch. Sie werden dem Publikum nicht gefährlich - doch genau das macht den Star erst aus. Sie sind gefährlich, weil sie uneinholbar sind. Sie sind für ihr Alter weiter als alle anderen, weiter, als es der Fan je sein wird. Das jugendliche Alter, in dem jemand berühmt wird, sichert dem Publikum eine möglichst lange Teilnahme am Leben des Stars.

In den meisten Kulturen sind die Menschen, die eine Gesellschaft wirklich verändern, jünger als dreißig Jahre. Revolutionäre, Diktatoren, Musiker, Schriftsteller gründen ihren Ruhm auf Werke, die zwischen juvenilem Leichtsinn, Mut und früher Reife entstanden sind. Fidel Castro war dreiunddreißig, als er an die Macht gelangte, und Che Guevara zweiunddreißig, als das weltberühmte Foto von Korda aufgenommen wurde. Selbst nach jahrelanger erfolgreicher Karriere ist Britney Spears heute erst zweiundzwanzig Jahre alt, Justin Timberlake dreiundzwanzig. Michael Jackson war dreiundzwanzig, als er "Thriller" herausbrachte, er war schwarz und hatte eine Nase.

Alle haben Stars

Es gibt Länder, die Stars am laufenden Band produzieren. Aus den Vereinigten Staaten kommen unter anderem Madonna, Julia Roberts, Michael Moore, Brad Pitt, Tom Cruise, Bill Gates, Sofia Coppola, Paul Auster. Die Briten haben außer den Mitgliedern der Royal Family noch ausreichend Stoff, um in ihrer Klatschpresse über Hugh Grant, Robbie Williams, die Spice Girls oder Joanne K. Rowling zu schreiben, und selbst das kleine Australien hat für seine dreizehn Millionen Einwohner immerhin Nicole Kidman, Mel Gibson, Kylie Minogue, Hugh Hackman, Peter Weir - mehr Popstars, als achtzig Millionen Deutsche zusammenbringen.

An der Einwohnerzahl liegt es nicht: Kanada hat Celine Dion und Avril Lavigne, Spanien Pedro Almodovar, Antonio Banderas, Enrique Iglesias und Penelope Cruz, Puerto Rico hat Ricky Martin, die 250000 Isländer haben Björk. Monica Bellucci, Eros Ramazotti, Miuccia Prada, Roberto Benigni, Umberto Eco und Antonio Negri sind nur einige weltbekannte Italiener. Frankreich hat Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Vanessa Paradis, Isabel Adjani, Jean-Paul Gaultier, Michel Houellebecq und Hedi Slimane, Dänemark wenigstens Lars von Trier, Mexiko Salma Hayek und Gael Garcia Bernal, Kolumbien hat Shakira. Menschen mit weltweit gültiger Aura. Stars.

Autos und Models

Dagegen hat Deutschland: Gar nichts. Deutschland produziert schöne oder schnelle Körper aus Blech oder Fleisch: Weltberühmt sind Auermann und Mercedes-Benz, Schumacher und BMW, Schiffer und Porsche. Ist Deutschland eine zu dezentrale, zu basisdemokratische, zu egalitäre Gesellschaft, die weder Dienstboten noch Popstars erlaubt? Weder Monarchie noch sonstige Oberhäupter? Ist die Nachwendegesellschaft so selbstreflexiv und selbstkritisch, daß sie sich durch niemanden, der eine ernstzunehmende Aussage formulieren, eine Haltung vertreten, der mehr als reine technische Leistung bieten könnte, nach außen vertreten lassen möchte? Können Künstler wie Nina Hoss, Mavie Hörbiger, Oskar Roehler oder Maximilian Hecker je Superstars werden? Sind Christoph Schlingensief oder Sasha Waltz berühmt?

Und: Ist Berühmtsein überhaupt meßbar? Die internationale Suchmaschine Google liefert zumindest den Anschein von zeitweiliger Meßbarkeit in der medialen Wahrnehmung des Gesuchten. Madonna erhält am 20. September 2004 um 14.30 Uhr genau 5930000Treffer, Tom Cruise 1880000, Britney Spears 3670000, Kylie Minogue 740000, Ricky Martin 828000, Michael Moore 2840000. Jil Sander erzielt immerhin 282000 Treffer. Zum Vergleich: Marlene Dietrich, die schon gestorben war, bevor das Google Internet Imperium seinen Siegeszug antrat,hat 194000 Treffer. Wolfgang Joop erzielt dagegen nur 36700 und Anke Engelke 53000. Immerhin. Wer hat das schon - und wer aus Deutschland hat mehr?

Nicht massentauglich

Immerhin hat Daniel Küblböck mit achtzehn Jahren schon 50800 Treffer und der Gewinner von Deutschland sucht den Superstar Alexander Klaws 15400. Weltberühmt macht sie das alles nicht. Nur entwaffnende Dummheit macht einen Aufstieg, der natürlich keiner ist, für die Masse akzeptabel. Angesichts von Dieter Bohlen stellen sogar Stefan Raab und Thomas Gottschalk, vor allem aber Harald Schmidt so etwas wie die noch akzeptable, schlagfertige intellektuelle öffentliche Elite dar.

Doch im Ausland kennt fast niemand diese deutschen Größen. Und wenn es eine Band wie zum Beispiel Rammstein schafft, einen gewissen Star-Status zu erlangen, so ist die relative Anonymität der einzelnen Bandmitglieder innerhalb der Gruppe fast schon die Voraussetzung für eben diesen Erfolg - genauso, wie der einzelne Mercedes-Ingenieur nie bekannt werden wird. Noch in den sechziger und siebziger Jahren gab es einige junge weltberühmte Deutsche: Jil Sander und Karl Lagerfeld, Werner Herzog, Wim Wenders und Fassbinder.

Die Letzte

Den letzten internationalen, wenn auch unebenen Karriereweg hat Nastassja Kinski Anfang der achtziger Jahre betreten. In den Vereinigten Staaten wird "The Day After Tomorrow" auf den meisten Anzeigen und Plakaten damit angekündigt, daß es ein Film des Regisseurs von "Independance Day" ist, ohne daß dabei Roland Emmerich beim Namen genannt wird. Selbst das Sequel zu "The Bourne Identity" wird auf dem Plakat nur mit Matt Damon und eben nicht mit Franka Potente beworben.

Doch am Marktprotektionismus im Starsystem allein liegt Deutschlands Glanzlosigkeit nicht. "Hitler hat als einzelne Person soviel Schrecken und tragische Schicksalsverantwortung auf einen Namen vereint, daß die Deutschen erst mal ausgesorgt haben an Prominenz", sagte mir in New York ein jüdischer Freund, der Mitte Dreißig ist. Vielleicht ist Deutschland wirklich gekennzeichnet durch einen Hang zu zivilem Ungehorsam und kritischer Reflexion, durch ein Mißtrauen gegenüber allem, was groß und mächtig wird und eine faszinierende Strahlkraft besitzt, ein Mißtrauen, in das sich Neid angesichts der Größe anderer mischt. Doch während man sich anderswo für diesen Neid schämt, kann man ihn hierzulande noch als kritisches Bewußtsein verkaufen.

Arm und deprimiert

Spätestens nach Mutlangen und Gorleben, Startbahn West in der alten Bundesrepublik und nach der friedlichen Revolution im Osten läßt sich die Bevölkerung nichts mehr vormachen; aber sie ist auch nicht bereit, den geringsten Besitzstand aufzugeben. Deutschland fühlt sich arm und deprimiert, aber läßt auch nichts nach oben kommen - das ist das Paradox dieses Landes. Das soziale Netz verhindert den sozialen Abstieg, das soziale Mißtrauen dagegen den populären Aufstieg.

Klaus Biesenbach ist Ausstellungsmacher in New York und Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, Nr. 41 / Seite 26
Bildmaterial: AFP

 
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