Literatur

Sie kam, sah und schrieb

Von Henning Ritter

29. Dezember 2004 Nur einmal hat sie in einem ihrer Essays sich selbst auftreten lassen. Sie schildert ihr Zimmer in Paris, in das sie sich, ohne Bücher, zurückgezogen hat, allein mit ihrer Schreibmaschine - auf der Suche nach ihrer eigenen Stimme, wie sie sagt.

Aber dann findet sie doch ein paar Taschenbücher, die sich unter einer Decke verkrümelt haben, "New Reformation" von Paul Goodman ist dabei. Am Morgen hatte die Nachricht von seinem Tod sie erreicht, sie hatte sich gleich hingesetzt, den Nachruf auf ihn zu schreiben. Ohne daß er es wußte, war er der Mentor ihrer Jugend gewesen.

Keine Mädchen

Das Porträt des anarchischen New Yorker Intellektuellen Paul Goodman, Autor des berühmten, 1962 erschienen Buches "Growing up absurd", das die Jugendbewegung der sechziger Jahre ankündigte, war zugleich das Selbstporträt einer neuen Intellektuellengeneration. 1972, als Susan Sontag den Nachruf auf Paul Goodman schrieb, konnte sie sich schon als deren Repräsentantin fühlen.

Am Morgen hatte Susan Sontag sich an ihre Schreibmaschine gesetzt und aufgeschrieben, was dieser merkwürdige Mann bedeutete, seit sie als Siebzehnjährige alles von ihm las, wahllos. Und wie sie sich später in New York, auf Parties, bei Vorträgen und Lesungen vergeblich bemühte, mit dem Autor der Bücher, die ihr nahe waren, ins Gespräch zu kommen, ihm zu sagen, daß seine Schilderung der amerikanischen Jugend unvollständig sei, weil keine Mädchen in ihr vorkamen.

Große Namen

Die Vierzigjährige erinnerte sich an eine über Jahre hin erduldete Zurückweisung durch den Autor, den sie bewunderte. Ähnlich konnte es einem mit Susan Sontag gehen, die sich in unanfechtbare politische Ansichten zu verkapseln liebte. Aber sie ließ, wenn sie sprach, sogar bei offiziellen Anlässen, ihre verborgene Stimme vernehmen, eine Stimme, die aus einem weiten literarischen Kosmos kam. Bevor sie Romane zu schreiben begann, übte sie sich in einer merkwürdigen Askese, indem sie über viele Jahre nahezu ausschließlich Porträts europäischer, vorzugsweise französischer Philosophen, Schriftsteller und Künstler veröffentlichte.

Sie sammelte ein, was ein Kanon werden sollte: Artaud, Sartre, Pavese, Barthes, Lévi-Strauss, Cioran, Simone Weil, Nathalie Sarraute, Resnais, Godard, Canetti und viele andere heute große Namen gehörten dazu. Dieses essayistische Werk, mit dem Susan Sontag schnell zu einer Instanz wurde, verdankte sich einem Zufall, ihrer Begegnung mit den Herausgebern der "New York Review", Robert Silvers und Barbara Epstein. Susan Sontag wurde in ihrer Zeitschrift zu der unangefochtenen Autorität für das europäische Denken des zwanzigsten Jahrhunderts.

Panoramen

Und sie war wählerisch: Nur die Denker der Extreme und deren lebende Nachfolger kamen in Frage. Wenn man diese Porträtessays, die sich ganz in das jeweilige Werk vertiefen und mit Persönlichem zurückhalten, heute wiederliest, fällt auf, wie gleichmäßig der Ton ist, der sich durch die miteinander unverträglichen Denkwelten hindurchzieht. Es kann so scheinen, als entwerfe die Autorin ein Panorama mit vielen Figuren, das Theater des Schreibens der Epoche.

Auffallend ist auch die Rücksichtnahme der Autorin gegenüber ihren Helden, denen sie alle Extravaganzen einräumt, ohne je eigene Bedenken anzumelden und ohne sich ihr Denken erkennbar anzueignen. Ihr ging es wohl darum, einen Kanon literarischer Extreme zu schaffen und eine übergeordnete Sprache der Aneignung einer Vielzahl auseinanderstrebender Entwürfe zu finden. Es sollte ein Raum für die eigene Stimme geschaffen werden. Heute gelesen, erscheinen Susan Sontags literarisch-philosophische Porträts als ein Zeitbild, wie die Filme der "Nouvelle Vague".

Entdeckungsreise in die Vergangenheit

Als Bilanz waren diese Ausflüge in das Denken Europas wohl schon damals gemeint. Nicht nur sollten die amerikanischen Leser über die vitalen Gedanken des alten Kontinents unterrichtet werden - ähnlich wie bei der modernen Kunst, ging es auch hier darum, das europäische Erbe zu durchdringen und in eine eigene unangreifbare Sprache und Kunst zu übersetzen. Das intellektuelle New York wollte es nicht bei einem geistigen Sightseeing bewenden lassen. Die junge Susan Sontag mag sich, mit ihrem osteuropäischen Familienhintergrund, wie auf einer Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit gefühlt haben, wenn sie all die Varianten des Schreibens nachzeichnete, die das zwanzigste Jahrhundert wie Strandgut hinterlassen hatte.

In der amerikanischen Künstlerszene war Susan Sontag schon in jungen Jahren berühmt geworden durch ihr Manifest "Against Interpretation", das jede interpretierende Reglementierung künstlerischer Äußerungen zurückwies. Das Ideal hieß "Transparenz", ein Vorgriff auf das, was später "Authentizität" genannt wurde. War darin nicht eine antieuropäische Geste spürbar, ein amerikanischer Minimalismus, ein Sprachvertrauen, das jede Vermittlung zurückwies? Auch Susan Sontags "Anmerkungen zu Camp", in denen sie den eklektizistischen Geschmack der New Yorker Elite rechtfertigte, bezogen ihre Verve aus einem freien Verfügen über die literarischen und künstlerischen Traditionen Europas.

Eine Amerikanerin in Paris

In ihren späteren Essays hat Susan Sontag eine subtilere Strategie gewählt, eine Aneignung, die das Risiko der Verwandlung ins Angeeignete mit sich brachte. Wenige amerikanische Intellektuelle sind durch ihre Beschäftigung mit Europa so europäisch geworden wie Susan Sontag. Die Haltung des distanzierten Beobachters hat sie jedoch nie aufgegeben. Sie traf sich nicht mit Cioran, der sich in ihrem Essay über ihn ganz verstanden fühlte. Und ihre Wege kreuzten sich auch nicht mit denen von Sartre, von Barthes, von Lévi-Strauss und vielen anderen, über die sie geschrieben hatte. Sie blieb ein wenig die Amerikanerin in Paris.

Gerade wegen des Stils der Diskretion dürfte Paris für Susan Sontag zum geistigen Mittelpunkt geworden sein. Es war die ideale Stadt, um sich auf die Suche nach der eigenen Stimme zu begeben und über die verstreuten Elfenbeinturmbewohner einfühlsame Essays zu schreiben. Einfühlung war für Susan Sontag nicht nur ein literarisches Exerzitium. Der breiten Öffentlichkeit ist sie vor allem bekannt geworden als kritische Mahnerin, als moralische Instanz, als welche sie im vergangenen Jahr in Frankfurt mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Der Stil ihres Engagements stand in auffallendem Gegensatz zu jener distanzierten Haltung, die sie als Schriftstellerin praktizierte.

Moralisches Potential

1968, auf dem Höhepunkt der Verstörung der amerikanischen Gesellschaft durch den Vietnamkrieg, und noch einmal 1972 nahm sie Einladungen ins feindliche Nordvietnam an. In der "Reise nach Hanoi", der Selbsterforschung einer Amerikanerin, gab sie darüber Rechenschaft. Während des Jom-Kippur-Kriegs 1973 ging sie nach Palästina, und von 1993 bis 1995 hielt sie sich wiederholt in Bosnien auf, wo sie in Sarajewo Becketts "Warten auf Godot" einstudierte. Ihr letzter großer Aufsatz im Magazin der "New York Times" war eine unerbittliche Anklage der amerikanischen Folterungen im Irak.

Wahrscheinlich hatten für sie selbst ihre Essays über Schriftsteller und Künstler einen ähnlich eingreifenden Charakter, indem sie einer moralischen Selbstvergewisserung dienten. Susan Sontag war der Überzeugung, daß jeder künstlerische Wahrnehmungsakt ein moralisches Potential besitzt, das an den Betrachter appelliert und von ihm freigesetzt werden sollte. Jedenfalls folgen diesem Credo ihre bedeutenden Bücher über Fotografie - das erste erschien 1977, das letzte, "Die Leiden anderer betrachten", im vergangenen Jahr.

„Die Leiden der anderen betrachten“

Die Fotografie mußte Susan Sontag fesseln, weil sie ihren frühen Idealen von Transparenz und Authentizität von allen Künsten am nächsten zu kommen scheint. Und auch wenn die Fotografie sie in dieser Hinsicht am Ende moralisch eher enttäuschte, folgte sie selbst diesen Idealen, indem sie den Veruntreuungen und Entstellungen des Auftrags fotografischer Zeugenschaft nachging. Teilte Susan Sontags Liebe zur Fotografie anfangs den Optimismus, der dieser Kunst mitgegeben scheint, so wurde ihr letztes Buch über die Kriegsfotografie zum Dokument einer Desillusionierung.

Sie verabschiedete die in den frühen Jahren der Fotografie von pazifistischen Journalisten und Schriftstellern formulierten hochgetriebenen Erwartungen, daß das ungeschminkt fotografierte Gesicht des Krieges von Grausamkeiten und Kriegsgreueln abschrecken werde. Das ungewollte oder gewollte Komplizentum der fotografischen Wahrnehmung, so mußte Susan Sontag erkennen, webt um die Bilder ein Netz von Interpretationen und Interessen, gegen das die Moral, die der Fotografie mitgegeben schien, machtlos ist.

"Die Leiden der anderen betrachten" ist ihr Vermächtnis, das Zeugnis einer anthropologischen Skepsis, deren Gedanken über den Menschen der Welt Pascals näher stehen als dem Zivilisationsglauben der Gegenwart. Aller ethischen Reflexion geht die Pflicht voraus, sich die unerschöpfliche Grausamkeit der Menschen vor Augen zu führen. Dazu kann die Fotografie ihre Dienste leisten. Aber erst jenseits der Bilder beginnt die moralische Selbstvergewisserung, die in ihnen keine Stütze mehr findet. Der skeptische Moralismus dieses Buches ist das letzte Wort von Susan Sontag. Sie starb am Dienstag im Alter von einundsiebzig Jahren in New York.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 39
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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