Von Martin Kämpchen
11. April 2008 Eines ist klargeworden: Der Protest der Tibeter und seiner Fürsprecher wird nicht schweigen, solange China mit den Olympischen Spielen prunken will. Was in diesen Tagen rund um den olympischen Fackellauf geschieht, ereignet sich täglich, wenn auch weniger spektakulär, in vielen Gegenden Indiens. Die Proteste gegen China haben sich in Bombay und Delhi sowie kleineren Städten am Fuß des Himalaja ausgebreitet. Man erfährt täglich von Tibet-Fahnen, die etwa in Sikkim und sogar in Kaschmir geschwungen werden. Überall sind Märsche von Tibetern und ihren Anhängern unterwegs. Am 17. April wird diese Protestbewegung voraussichtlich ihren Höhepunkt erreichen, wenn die olympische Fackel in Delhi durch die Straßen getragen wird.
Die elf Kilometer lange Strecke hat man auf drei Kilometer zusammengestrichen. Die Sicherheitsvorkehrungen werden so massiv sein wie beim alljährlichen Tag der Republik, an dem Staat und Militär ihre Macht und Stärke demonstrieren und gerade darum vor Terroranschlägen die größte Furcht haben. Das Riesenaufgebot von Polizei und Spezialeinheiten wird angesichts der Wunschvorstellung eines Friedensmarsches, der Völkerverständigung und Harmonie durch Sport verkünden will, wie blanker Hohn anmuten.
Rechtfertigungspflicht der Fackelträger
Wie in anderen Ländern sind indische Spitzensportler und sogar einige Bollywood-Stars gebeten worden, die Fackel zu tragen. Der Kapitän der indischen Fußball-Nationalmannschaft, Bhaichung Bhutia, hat dies abgelehnt. Er stammt aus Sikkim, dem indischen Himalaja-Bundesstaat, der viele tibetische Flüchtlinge aufgenommen hat. Bhutia ist Buddhist. Ihm geht das Schicksal der Tibeter besonders nahe. Die Meinungen zu Bhutias Entscheidung sind geteilt. Eines hat der Fußballer mit Sicherheit erreicht: Wer die Fackel trägt, fühlt sich genötigt, sich zu rechtfertigen. Dies tat etwa der Bollywood-Schauspieler Aamir Khan, der behauptete, die Olympischen Spiele hätten nichts mit Politik zu tun. Seither braucht der Star für Spott nicht zu sorgen. Der indische Staat hat immer wieder mit Sport Politik gemacht, sei es gegen Apartheid in Südafrika oder gegen Terrorismus und Krieg in Pakistan.
Noch entschiedenere Kritik musste der indische Außenminister einstecken, der verkündete, der Dalai Lama habe als Gast Indiens dafür zu sorgen, dass seine Handlungen nicht Indiens Beziehungen zu China beeinträchtigten. Anstatt den Tibetern ihr Recht auf friedlichen Protest zuzugestehen, versucht sich der Staat - koste, was es wolle - China als kooperativ zu empfehlen. Die politischen Kommentatoren haben diese Haltung als schwach, blamabel, geradezu erniedrigend kritisiert. Wenn Indien eine politische Supermacht sein wolle, müsse sie sich auch als solche verhalten und China die Stirn bieten. Man wundert sich über ein Indien, das das gegenwärtige Dilemma Chinas nicht ausnutzt, um politisch zu punkten. Man wundert sich über ein Land, das bis heute unter den Auswirkungen der eigenen Kolonialzeit leidet, aber dem mächtigsten Kolonisator der Gegenwart entgegenkommen will.
Schwierige Identifikation
Allerdings ist der Kampf der Tibeter überall auf der Welt um Autonomie oder Unabhängigkeit sowie um die Erhaltung ihrer Kultur von romantischen Gefühlen und Idealen überstrahlt. Getragen von der kraftvollen Persönlichkeit des Dalai Lama, ist die Tibet-Bewegung ein Protest, mit dem man sich leicht identifizieren kann, weil dessen Anklage gegen Unrecht über den Argwohn von Eigensucht und Gier erhaben ist. Nur in Indien ist diese Identifizierung schwierig. Denn das Land steht mitten in der Spannung, einem mächtigen Nachbarn mit Respekt zu begegnen und gleichzeitig den tibetischen Flüchtlingen zu einem erfüllten Leben zu verhelfen. In der gegenwärtigen Situation heißt das: Indien darf weder als Helfershelfer des tibetischen Freiheitskampfes erscheinen, noch kann es die Tibeter innerhalb seiner Grenzen allzu streng zurückhalten, weil der indische Staat Werte wie Demokratie, politische Freiheit und Menschenrechte vertritt.
Insgesamt hat Indien diese Balance in den letzten fünf Jahrzehnten hervorragend halten können. Von Anfang hat der Staat für die Tibeter Schulen gebaut, die Tibeter als Gruppe florieren, ihre monastische Kultur hat sich ungehindert ausbreiten können. Zu diesem Bild gehört aber auch, dass die Tibeter massiv aus dem Ausland unterstützt werden. Im südindischen Karnataka haben die Mönche sogar palastartige Klöster aufbauen können, die unangenehm an die feudale Mentalität erinnern, die die Mönche einst im freien Tibet walten ließen.
Der mittlere Weg des Dalai Lama
Aber die unmittelbar zukunftsträchtige Auseinandersetzung wird heute nicht zwischen Indien, China und Tibet ausgetragen, sondern unter den Tibetern selbst. Wird sich der Dalai Lama mit seinem Insistieren auf Gewaltlosigkeit und dem mittleren Weg durchsetzen können? Oder wird sich das Spektrum des Protests zersplittern? Die junge Generation der Tibeter gibt dabei wahrscheinlich den Ausschlag. Bleibt sie hinter dem Dalai Lama geeint, wird die Tibet-Bewegung weiterhin die ideale Freiheitssehnsucht der Menschheit verkörpern, an der China niemals stur und hart vorbeiregieren kann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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