10. Juni 2008 Daoud Hari arbeitete als Übersetzer in Darfur, bis er 2006 mit einem amerikanischen Journalisten verhaftet und der Spionage angeklagt wurde. Heute lebt er als Flüchtling in Amerika. Wir haben ihn in Berlin getroffen.
Herr Hari, nur selten erreichen Augenzeugenberichte aus Darfur die Öffentlichkeit. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Darfur denken?
Es gibt viele Bilder, die mich nicht mehr loslassen. Nachdem mein Dorf zerstört worden ist, flüchtete ich mit einem Freund nach Tschad. In der Wüste begegneten wir einer Frau, die seit Tagen ihr totes Neugeborenes in den Armen trug. Es war verhungert. Die Mutter wollte das Kind nicht hergeben. Sie fürchtete, dass sich wilde Hunde über den Leichnam hermachen könnten. Begraben konnte sie es auch nicht, denn in Darfur ist das traditionell eine Aufgabe der Männer. Doch die waren vertrieben worden oder tot. Ich gab ihr zu trinken und habe sie davon überzeugt, mir ihr totes Kind anzuvertrauen. Wir haben es in der Wüste begraben.
Ist dieses Erlebnis ein Grund dafür, dass Sie Ihr Buch, in dem sie über Ihre Arbeit als Übersetzer in Darfur berichten, den Frauen dort gewidmet haben?
Ja, auch. Ich habe großen Respekt vor den Frauen in Darfur. Sie leiden sehr, aber sie sorgen auch dafür, dass das Leben weitergeht. Viele von ihnen haben ihre Ehemänner, Väter und Brüder verloren, viele von ihnen wurden vergewaltigt. Doch sie können es nicht zulassen, zusammenzubrechen, denn sie müssen sich um ihre Kinder kümmern. Von ihrem Leid nimmt kaum jemand Notiz. Ich möchte ihnen deshalb noch von einer anderen Frau erzählen, wir fanden sie nahe der Grenze. Sie hatte sich mit ihrem Kopftuch an einem Baum erhängt. Auf der Erde lagen ihre drei toten Kinder, die offenbar vor ihr gestorben waren. Später hörten wir von Flüchtlingen, dass arabische Djandjawid das Dorf der Frau überfallen hatten. Ihr Mann, ihr Vater und ihre Brüder wurden dabei getötet. Eine Woche lang hielten die Angreifer sie gefangen und vergewaltigten sie immer wieder. Dann setzten sie die Frau und ihre Kinder in der Wüste aus - ohne Wasser, Nahrung oder einen Esel, der sie in Sicherheit hätte bringen können. Als ihre Kinder tot waren, sah sie keinen Grund mehr, weiterzuleben.
Wie gehen Sie mit diesen Erinnerungen um?
Mein Freund und ich konnten damals stundenlang nicht sprechen. Inzwischen muss ich darüber reden, sonst werde ich verrückt. Die internationale Gemeinschaft soll erfahren, was bei uns geschieht. Ich frage mich, ob sie überhaupt noch ein Gewissen hat.
Weil der Rest der Welt sich für Darfur nicht interessiert?
In Europa und Amerika haben die Menschen immer für Demokratie und Menschenrechte gekämpft. Warum setzen sie sich nicht auch für Darfur ein? Aber auch Afrika und Asien haben versagt. Es hätte niemals so weit kommen dürfen, dass diese Frau keinen anderen Ausweg sieht, als sich umzubringen. Ihr Schicksal steht für das von Tausenden anderen Frauen.
Sie klingen sehr enttäuscht.
Alle sind enttäuscht darüber, wie die internationale Gemeinschaft mit Darfur umgeht. Seit dem Beginn des Konflikts im Jahr 2003 sind nach Angaben der UN zwischen zweihundert- und vierhunderttausend Menschen getötet worden. Man unterstützt uns mit Lebensmitteln, Wasser und baut Flüchtlingslager. Aber das reicht nicht. Jeden Tag verlassen die Frauen die Lager, um Feuerholz zum Kochen zu sammeln. Sie müssen dafür sehr weit gehen. Unterwegs kommt es immer wieder zu Vergewaltigungen - Soldaten, Djandjawid, aber auch Männer aus der lokalen Bevölkerung lauern ihnen auf.Selbst wenn eine Frauen mehrmals vergewaltigt worden ist, muss sie am nächsten Tag wieder los, um Holz zu sammeln. Ansonsten hungern ihre Kinder. Den Hilfsorganisationen ist das bekannt, aber es passiert nichts. Auch die neue Friedenstruppe Unamid zeigt sich hilflos.
Was könnte Sie denn dagegen tun?
Man könnte den Familien einen Solarherd geben, wie man sie in anderen afrikanischen Ländern verteilt hat. Die Frauen müssten dann das Flüchtlingslager nicht mehr verlassen und könnten sich endlich wieder sicher fühlen.
Glauben die Menschen überhaupt noch daran, dass es irgendwann wieder Sicherheit für sie gibt? Die Verhandlungen zwischen den Rebellengruppen und der sudanesischen Regierung waren bisher erfolglos.
Jedem ist klar, dass sich die Friedensverhandlungen noch über Monate, ja sogar über Jahrzehnte hinziehen können. Die Regierung in Khartum hält die UN immer wieder mit Friedensversprechen hin, während das Morden weitergeht. Zunächst müsste deshalb der Gewalt mit militärischen Mitteln ein Ende bereitet werden. Vielleicht könnten die Darfurer dann mit ihren Stammesführern - Afrikanern wie Arabern - leichter Frieden finden, als es durch die Verhandlungen der internationale Gemeinschaft möglich ist.
Seit Jahresbeginn baut die UN und die Afrikanische Union eine Friedensmission auf, die mit sechsundzwanzigtausend Mann die größte auf der Welt sein wird. Ändert das denn gar nichts?
Das ist doch viel zu wenig. Darfur ist anderthalbmal so groß wie Deutschland, um die sieben bis acht Millionen Darfurer zu schützen, müssten dort bis zu fünfzigtausend Soldaten sein. Der sudanesische Präsident al Baschir ist ein Krimineller, doch Europa und Amerika lassen ihn seit Jahren gewähren. Die Regierung bombardiert immer wieder Dörfer. In den vergangenen Wochen hat die Luftwaffe zum Beispiel die Gegend von Shegeg Karo bombardiert, viele Menschen wurde getötet. Ich kenne den Ort, es gibt dort gar keine Rebellen. Die Leute waren erst vor kurzem dorthin zurückgekehrt. Eine Hilfsorganisation hatte dort eine Schule gebaut, doch jetzt ist alles wieder zerstört. Die UN sollte eine Flugverbotszone einrichten, damit endlich keine Zivilisten mehr angegriffen werden. Doch der Sicherheitsrat diskutiert nur.
Sie sprechen von ersten Rückkehrern, fast drei Millionen Darfurer sind aber noch auf der Flucht. Selbst wenn eines Tages Frieden herrschen sollte - werden alle diese Menschen jemals wieder in ihre Heimat gehen?
In Darfur wurden bisher fast viertausend Dörfer zerstört. Ich glaube kaum, dass die internationale Gemeinschaft sie wieder aufbauen wird. Auch mit einer Entschädigung können die Menschen nicht rechnen. Wie sollte ihnen unter diesen Umständen ein Neuanfang gelingen? In Tschad gibt es inzwischen dreizehn Flüchtlingslager, die zu regelrechten Städten angewachsen sind. Diese Lager sollten nach Darfur verlegt werden. In den Städten, zu denen sie sich entwickeln könnten, würden sich die Menschen wahrscheinlich dauerhaft niederlassen.
Ist ein Zusammenleben von Afrikanern und Arabern überhaupt noch denkbar?
Natürlich. Es ist der Krieg, der die Menschen kriminell und rachsüchtig macht. Ich gehöre den Zaghawa an, mein Volk und die Araber haben immer wieder miteinander gekämpft. In den sechziger Jahren kamen bei einem Streit um eine Wasserquelle Hunderte von Menschen um. Der Konflikt wurde beigelegt, und alle lebten wieder friedlich beisammen. Als Kind war es selbstverständlich für mich, mit den Kindern der Araber zu spielen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das eines Tages auch für meine Kinder wieder so sein wird. Noch immer vertraue ich mehr den Arabern als der Regierung in Khartum.
Wissen Sie, wie es Ihrer Familie in Darfur geht? Haben Sie Kontakt?
Nach allem, was passiert ist, möchte ich darüber nicht sprechen. Ich würde meine Familie dadurch nur in Gefahr bringen.
China unterhält enge Beziehungen zur sudanesischen Regierung. Viele der in Darfur eingesetzten Waffen stammen aus der Volksrepublik. Könnten Boykottdrohungen gegen China weiterhelfen?
Das glaube ich schon. Denn was China in Darfur tut, hat nichts mehr mit Politik zu tun, das ist ein Verbrechen. Es gibt kaum Fernsehbilder von dem Morden in Darfur. Für Journalisten ist es inzwischen viel zu gefährlich, dorthin zu reisen. Was dort passiert, bleibt deshalb gänzlich im Dunkeln. Ich kann nicht verstehen, wie man sich die Olympischen Spiele ansehen kann, wenn gleichzeitig in Darfur Blut vergossen wird. Kein Deutscher sollte nach Peking reisen und jeden davon abhalten, dorthin zu fahren.
Das Gespräch führten Karen Krüger und Hans-Christian Rößler.
Daoud Haris Buch Der Übersetzer. Leben und Sterben in Darfur ist im Verlag Blessing erschienen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Matthias Lüdecke
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