08. August 2005 Im August geht die Mehrheit der Italiener in Urlaub. Nur Ministerpräsident Berlusconi arbeitet weiter - an sich. Nutzte der mächtige Mann schon vor anderthalb Jahren die stille Weihnachtszeit für eine Magerkur samt Straffungsoperation der Gesichtshaut, war im letzten Sommer die Kopfhaut dran.
Die Implantation neuer Haare hat Berlusconi so gut gefallen, daß er nun in die einschlägige Privatklinik des Dottore Rosati nach Ferrara zurückgekehrt ist. Herbeigeeilte Reporter beobachteten den Regierungschef, der nach neunstündiger Näharbeit mit Kopfverband und Hut in einen Geländewagen und postwendend in die Rekonvaleszenz verfrachtet wurde.
Vergangenen Sommer überraschte Berlusconi seine Landsleute noch, als er, um die Narben zu verbergen und die zarten Implantate zu schonen, im Stil eines Provinzdiskothekenbesitzers mit Bandana an den Stränden seiner Lieblingsinsel Sardinien auftauchte. Der weiße Scheich war damals für Traditionalisten ein Dorn im Auge, weil sich viele in Ehren ergraute Italiener einen knapp siebzigjährigen Staatsmann partout nicht als Animateur mit Goldkettchen vorstellen mögen.
Meine innere Jugend
Berlusconi indes hat seine diesbezüglichen Ambitionen mit entwaffnender Offenheit dargelegt: Er fühle sich wie höchstens zweiundvierzig, arbeite zudem mit Leuten zusammen, die mindestens fünfzehn Jahre jünger seien als er selbst: Mein physisches Erscheinungsbild muß darum mit meiner inneren Jugend übereinstimmen. Vielleicht aber möchte der selbstbewußte Unternehmer auch nur verhindern, daß er im Ausland mit dem einzigen Italiener verwechselt wird, der ihm an Berühmtheit gleichkommt: Pierluigi Collina, als enthaarter Schiedsrichter eine dynamische Lichtgestalt.
Um sich von dessen glänzender Platte abzusetzen, nimmt der eitle Latin Lover Berlusconi geduldig große Mühen und Leiden auf sich. Nur sahen die implantierten Haare in den vergangenen zwölf Monaten nicht besonders eindrucksvoll aus. Im Unterschied zur schlohweißen Sturmfrisur des neuen Papstes, der immerhin auf die Achtzig zugeht, oder zu Gerhard Schröder und dessen jugendlich dichter Schwarzmähne wirkte Berlusconi immer noch wie ein werdender Glatzkopf. Offenbar sind also weitere Eingriffe nötig, um irgendwann vielleicht sogar Rastalöckchen oder einen buschigen Pferdeschwanz hinzubekommen - Trendfrisuren, wie sie manche von Berlusconi beschäftigte Fußballspieler bevorzugen.
Sicher hat der Stratege der Forza Italia längst von Studien gehört, nach denen behaarte Politiker gegen Kahlköpfe regelmäßig die Wahlen gewinnen. Nun kann Berlusconi in aller Ruhe seine ganz persönliche Leib-Seele-Differenz bereinigen und das wirkliche Alter der gefühlten Jugend anpassen. Sich im Urlaub über die eigene politische Zukunft ein paar graue Haare wachsen zu lassen ist schließlich immer noch besser als faulenzen.
Text: dsch / F.A.Z., 09.08.2005, Nr. 183 / Seite 29
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
Interview mit der Fotografin Barbara ![]()
100 Jahre Nouvelle Revue Française
Beste Lage (8): Madrid - Billiger wohnen im Schönen
Die Tücken der Hochkultur: Alain Gsponer verfilmt Martin Suters Roman Lila Lila
Denken macht gute Laune: auf drei DVDs erklärt der Philosoph Gilles Deleuze die Welt