09. November 2004 Als wir noch das Volk waren, damals im November 89, kam keiner auf die Idee, die Berliner Mauer stehenzulassen. Sie war ein Monstrum, dessen sich die Stadt schleunigst zu entledigen gedachte. Ein Befreiungsakt und keinesfalls Sehnsucht, den Schrecken zu verdrängen, wie seitdem immer wieder unterstellt wird.
Inzwischen wird sogar der Eindruck erweckt, mit dem Schleifen der Mauer habe sich Berlin, ja die ganze Republik der Möglichkeit beraubt, sich der Teilung und ihrer entsetzlichen Folgen für Millionen Menschen zu erinnern. Aber wer glaubt im Ernst, mit einem halben Kilometer Mauer oder auch nur hundert Metern am Stück würde sie nachvollziehbarer für die Nachgeborenen, die Touristen, die Vergeßlichen?
Die Herren in den Mörderuniformen
Die jüngste Aktion der Museumsdirektorin Hildebrandt, die am Checkpoint Charlie 1065 Holzkreuze aufstellen ließ, versehen mit Namen, Alter und dem Mordtag der Opfer, hat für Empörung gesorgt. Der Checkpoint sei kein authentischer Ort für derlei Gedenken, ist nur einer von vielen Einwänden. Es wird ernsthaft darüber debattiert, ob so nahe am Holocaust-Mahnmal eine Gedenkstätte für andere Opfer noch schicklich sei. Niemand stört sich an den Herren in den echten Mörderuniformen, die vor den Kreuzen agieren.
Um die Sache aus der Welt zu schaffen, wird nach einem weiteren Museum oder Denkmal gerufen. Die Gegenseite beklagt Vergeßlichkeit, weil gerade das im Namen der SED begangene Unrecht nirgendwo erschöpfend behandelt würde. Kulturstaatsministerin Weiss hat beiden Seiten die Fakten entgegengehalten: Mit über dreiunddreißig Millionen Euro unterstützte allein der Bund in den vergangenen vier Jahren Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Museen zur Geschichte der deutschen Teilung und der DDR. Mangel an Aufklärung herrscht also nicht.
Keine Mauerimitation
Eine andere Sache ist, ob es in Berlin einen Ort geben sollte, der die Namen der Erschossenen bewahrt und sie damit aus der Anonymität erlöst. Das könnte am Reichstag genauso geschehen wie am Checkpoint Charlie oder in der Bernauer Straße, eine Mauerimitation braucht es dafür nicht. Die Narben, die die Teilung in der Stadt hinterließ, sind gut, wenn auch nicht immer schön verheilt, der Osten hat sich nach Westen ausgedehnt und der Westen nach Osten, genau kann das keiner mehr auseinanderhalten - zum Glück.
Doch wer sehen will, wird genügend Spuren finden, am Humboldthafen und zwischen Reichstag und Holocaust-Mahnmal, in der Kommandantenstraße oder hinter dem Springer-Verlagshaus zwischen Kreuzberg und Mitte. An der Kiefholzstraße in Treptow, wo 1961 die Schienenstränge der Schlesischen Bahn durchtrennt wurden, hat das Gras gnädig die schreckliche Geschichte überwuchert. Nicht weit davon entfernt wurde ein halbes Jahr vor dem Mauerfall der neunzehnjährige Chris Gueffroy erschossen. Über die Mauer hatte er noch klettern können, doch am Grenzzaun dahinter (aus echtem Kruppstahl) erwischten ihn die Posten.
Der Junge, wie die meisten Ermordeten in einem Alter, in dem man sich unverletzbar dünkt, war mit einem Wurfanker bewaffnet. Als er, mit dem Rücken zum Zaun, im gleißenden Scheinwerferlicht die Arme hob, eröffneten die Schützen das Feuer. Eine der Kugeln traf ihn ins Herz. Kann man das überhaupt begreifen, und wenn ja, braucht es dafür tatsächlich irgendwo in Berlin noch eine Mauergedenkstätte, von der die Tourismusindustrie träumt?
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2004, Nr. 263 / Seite 44
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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