Von Thomas Jansen
19. August 2008 Frau Herder möchte Menschen helfen, denen es weitaus schlechter geht als ihr. Der neunzig Jahre alten Dame geht es nach eigenem Bekunden und äußerem Anschein ziemlich gut. Sie bezieht die Pension ihres verstorbenen Mannes - er war Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart - und wohnt in einer ansehnlichen Seniorenresidenz in der Nähe von Frankfurt. Da sie naturgemäß nicht alle bedürftigen Menschen dieser Welt unterstützen kann, trifft sie eine Auswahl: Sie spendet für die Kriegsgräberfürsorge, weil ihr Bruder im Krieg verschollen ist, für die Krebsforschung, weil ihr Mann an dieser Krankheit starb, und für das Diakonische Werk, weil es in ihrer baden-württembergischen Heimat viel Gutes wirkt.
Kurzum: Sie gibt ihr Geld meist dorthin, wo sie die Hilfsbedürftigkeit aus eigener Anschauung kennt. Mehr als dreißig Wohltätigkeitsorganisationen glaubten aber offenbar, Frau Herders Spenden allein durch die Frequenz ihrer Bittbriefe dorthin lenken zu können, wo sie das Geld gerne hätten: auf ihr eigenes Konto. Das Resultat dieses Glaubens, der sich schon bald für die meisten als Irrglauben entpuppte, ist ein Karton, gefüllt mit 400 Überweisungsformularen, die Frau Herder in den vergangenen dreieinhalb Jahren gesammelt hat. Eine vollständige handschriftliche Aufstellung sandte sie dieser Zeitung zu.
Immer noch mehr Post
Bekannte und weniger bekannte Wohltätigkeitsorganisationen vom Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland über den Bundesverband Rettungshunde bis hin zu Nächstenliebe weltweit befinden sich unter den Absendern. Von vielen dieser Organisationen hatte Frau Herder noch nie zuvor gehört, geschweige denn, dass sie ihnen je auch nur einen Cent gespendet hätte. Durchschnittlich zweimal in der Woche hat sie derartige Appelle an ihre Mitmenschlichkeit im Briefkasten. Das ärgert sie und hat ihr die Lust am Spenden gründlich verdorben. Wie gelangten Hilfsorganisationen, mit denen Frau Herder bisher in keinerlei Beziehung stand, an ihre Adresse? Und warum schicken ihr andere, denen sie schon regelmäßig spendet, immer noch mehr Post?
Frau Herder weiß auf diese Fragen keine Antwort, dafür aber der Deutsche Dialogmarketingverband, ein Zusammenschluss von Werbeunternehmen, der früher Direktmarketingverband hieß. Dass Frau Herder mit Unmengen ungebetener Post behelligt wird, liege schlichtweg daran, dass der Datenschutz in Deutschland so gut funktioniere. So lautet die sophistische Quintessenz aus folgendem Beispiel, das sich auf einer Internetseite des Verbandes findet: Um ein Mailing, wir sagen der Verständlichkeit halber eine adressierte Werbesendung zu verschicken, muss ein Unternehmen oder in Frau Herders Fall eine Wohltätigkeitsorganisation an Adressen von Personen aus der jeweiligen Zielgruppe kommen. Zum Beispiel sind die Leser eines Wirtschaftsmagazins in der Regel Männer mittleren Alters, die gerne Golf spielen und BMW oder Mercedes fahren.
Ein verräterisches Wort
Besagte Autofirmen oder Golfausstatter können nun von dem Magazin allenfalls Namen und Adressen der Abonnenten, nicht aber weitere Angaben zu den Personen kaufen. Das verbietet das Datenschutzgesetz. So kann es geschehen, dass ein Mailing bei einzelnen Empfängern auf wenig Interesse stößt, weil nicht jeder, der gerne Golf spielt, auch an Wirtschaftsnachrichten interessiert ist. Auf diese Weise wolle man so viele interessierte Personen wie möglich erreichen. Dies gelinge nicht immer, heißt es weiter, bevor schließlich die Pointe mit dem Datenschutz folgt. Aufhorchen lässt auch das Verbum geschehen, ein äußerst unbestimmtes, fast archaisch anmutendes Wort. Und ein verräterisches noch dazu. Es klingt nach Unabänderlichkeit und zählt nicht zum gängigen Vokabular der Marketingbranche. Die Grenzen zwischen Sender und Empfänger, Wohltätigkeitsorganisationen und Spendern werden durch diese Wortwahl verwischt, als ob sich der Urheber der Briefschwemme nicht benennen ließe.
Sind die vierhundert Überweisungsformulare wirklich nichts anderes als ein Beweis für den funktionierenden Datenschutz hierzulande oder Ergebnis eines nebulösen Geschehens? Frau Herder sträubt sich gegen eine solche Sicht. Ihre Hoffnungen richten sich auf den Staat. Er soll wenigstens seine älteren Bürger vor unerwünschten Hilfeersuchen schützen. Werbesendungen an Altenheimbewohner müssten verboten werden. Der Staat in Gestalt des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz findet die Thematik auch durchaus interessant - so interessant, dass auch nach zweimaliger telefonischer Anfrage keine Rückmeldung erfolgt.
Eintrag bei Robinson
Ein Anruf beim Bundesverband der deutschen Verbraucherzentralen hilft ebenfalls zunächst nicht weiter. Man beschäftige sich nur mit ungebetener Post von Unternehmen, nicht aber von Wohltätigkeitsorganisationen, teilen die Verbraucherschützer mit. Abhilfe verspricht schließlich die Robinsonliste, eine freiwillige Selbstverpflichtung von Werbeunternehmen, die oftmals auch die Versendung für die Wohltätigkeitsorganisationen übernehmen. Die Sprecherin des DDV wie auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen weisen auf diese Möglichkeit hin. In die Robinsonliste kann sich eintragen lassen, wer keine oder nur noch ausgewählte Werbung erhalten möchte. Sie gilt allerdings nur für Unternehmen oder Wohltätigkeitsorganisationen, mit denen vorher noch kein Kontakt - als solcher zählt auch eine Spende - bestand. Der Eintrag muss alle fünf Jahre erneuert werden.
Rund 300.000 Haushalte machen von dieser Möglichkeit, die schon seit Anfang der siebziger Jahre besteht, derzeit Gebrauch. Laut DDV führt der Eintrag in der Regel zu einer Reduzierung der Werbung um 90 Prozent. Doch dafür wird man kurzerhand zumindest verbal zum Leidensgenossen des Defoeschen Romanhelden, man könnte auch sagen zum Hinterwäldler erklärt, und das nur, weil man sich gegen unerwünschte Werbung wehrt. Der DDV kann sich allerdings nicht vorstellen, dass der Name solche wenig schmeichelhaften Assoziationen hervorruft. Warum sonst einst der schiffbrüchige Robinson als Namensgeber auserkoren wurde, weiß man indes auch nicht zu sagen. Vielleicht sollte es ja einfach nur witzig sein. Passend wäre die Bezeichnung allenfalls, wenn damit auf die schwere Auffindbarkeit der Liste im Internet angespielt sein sollte. Man findet sie - aber man muss vorher ihren Namen kennen, und dafür muss man vorher bei der Verbraucherzentrale anrufen. Woher sollte Frau Herder das wissen?
Die optimale Frequenz: zehn Briefe im Jahr
Falls indes schon ein Kontakt mit der Wohltätigkeitsorganisation bestand, hilft ohnehin nur die direkte Ansprache der betreffenden Wohltätigkeitsorganisation. Frau Herder spendet zum Beispiel regelmäßig an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, weil sie dessen Arbeit schätzt, findet aber, dass der Volksbund ihr viel zu viel Post schicke, weit mehr als zwanzig Überweisungsformulare dieser Organisation finden sich in ihrem Karton. Das sieht Martin Dodenhoeft, Leiter der Abteilung Kommunikation und Marketing des Volksbundes, hingegen als durchaus normal an, so viel Verständnis er auch für die Verärgerung Frau Herders zeigt. Untersuchungen lehrten, dass etwa zehn Briefe im Jahr die optimale Frequenz für ein möglichst großes Spendenaufkommen seien. Überdies wünschten viele Spender regelmäßige Informationen oder würden andernfalls das Spenden einfach vergessen. Früher, in den siebziger Jahren, habe man sich noch mit einem Brief begnügt, doch der Erfolg spreche für die Fortsetzung der derzeitigen Strategie. Beschwerden wie die von Frau Herder seien Einzelfälle. Hier bestehe die Möglichkeit, dem Volksbund mitzuteilen, dass die Zahl der Zusendungen reduziert werden solle.
Ein Beispiel für die Größenordnung, die Postwurfsendungen an bisher nicht als Spender in Erscheinung getretene Personen annehmen können, gibt Martin Georgi, Direktor der Christoffel-Blindenmission, die in Frau Herders Karton ebenfalls zu den größeren Papierlieferanten gehört, ohne dass Frau Herder sich als regelmäßige Spenderin bezeichnen würde. Die Blindenmission verschicke im Jahr deutlich mehr als fünf Millionen Briefe, von denen zwischen zwei und drei Millionen an Personen gerichtet seien, die bisher nicht als Spender in Erscheinung getreten seien. Mit Erfolg. Zum Teil werden die Adressen gekauft. Die Blindenmission selbst gibt hingegen wie der Volksbund nach eigenen Angaben grundsätzlich keine Adressen weiter. Auch Georgi sagt, dass Fälle wie der von Frau Herder die Ausnahme seien und dass die Post dem Dialog zwischen Blindenmission und Spendern diene. Mit anderen Worten: In der Spendenbilanz der Wohltätigkeitsorganisationen fällt die Verärgerung Frau Herders nicht ins Gewicht - ein Kollateralschaden.
Was kann Frau Herder also tun? Zunächst die Hoffnung auf den Staat begraben. Sie muss sich selbst helfen, bei der Verbraucherzentrale anrufen, sich in die Robinsonliste eintragen lassen, bei den Wohltätigkeitsorganisationen, denen sie spendet, wegen einer Reduzierung der Post vorsprechen und hoffen, dass dies alles etwas nutzt. Sieht so das Idealbild eines selbständig gestalteten Alters aus? Möchte man das einer neunzig Jahre alten Dame zumuten? Ansonsten jedenfalls wird Frau Herder weiterhin jeden dritten Tag einen Dialog mit irgendeiner Wohltätigkeitsorganisation führen müssen. Man liest es ja doch, sagt sie. Auch beim Deutschen Dialogmarketingverband sagt man: Die alten Menschen lesen ja gerne etwas. So kann es geschehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes
Qualitätsdebatte Fernsehen: Der Statist muss vom Schrank ![]()
Turner-Preisträger Mark Leckey: Der Veredler von Homer Simpson
Sachbücher lehren die Belletristik das Fürchten
Wagners Tannhäuser missrät der Deutschen Oper Berlin
Der Terror hat Indien aufgeschreckt, doch das Risikobewusstsein der Inder ist nicht sehr ausgeprägt