Von Dietmar Dath
07. Dezember 2006 Die Fadheit, die Thomas Pynchon aus dem Gesicht der Gegenwart entgegenschlägt, muß fürchterlich sein; ein zahnlos gähnendes Gegenüber, zusammengesetzt aus lauter toten, teigigen Gesichtern - die mehr als eintausend Seiten seines neuen Romans Against the Day legen von diesem Anblick Zeugnis ab als donnernde Widerrede: Es gab einmal eine bessere Zeit; alles hätte anders werden müssen.
Der Tag, gegen den es schon im Titel geht, ist ein Kompromiß, den die moderne Menschenseele mit den Umständen schließt, in die sie hineingeboren wird. Wenn du nicht jeden Atemzug eines jeden Tages der Aufgabe weihst, jene zu zerstören, welche die Unschuldigen so beiläufig abschlachten, wie sie einen Scheck unterschreiben, wie unschuldig darfst du dich dann nennen? Das mußt du mit dem Tag ausmachen, ausgehend von den Maßstäben des Absoluten, lehrt ein Anarchist auf Seite 87. Wenig später zitiert ein Gewerkschaftskämpfer die Bibel: Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine Plage habe, und kurz darauf erklärt der Elektrizitätspionier Nikola Tesla, daß die lästigen Pflichten gegenüber der Gesellschaft auch beim Streben nach den Idealen der Wissenschaft nicht umgangen werden können, man muß dem Tag das Seinige zurückgeben, da ist nichts zu machen.
Drangvolles Durcheinander?
Thomas Pynchons Widersetzlichkeit gegen diese pragmatische Wahrheit verschafft sich Bewegung, so gut sie kann, indem sie spektakuläre Werkzeuge zum Einsatz bringt: sprechende Kugelblitze und denkende Teigwaren; die Arkana der entlegenen Mathematik und der revolutionären Physik; riesige Fahrzeuge, die unterm Wüstensand nach Schätzen suchen wie U-Boote am Meeresgrund; Bücherwurmlöcher und Rutschbahnen quer durch die Raumzeit; Bühnenzauber und echte Magie; Sprengstoff; sexuelle Peitschenspielchen in den Stallungen der Superreichen und schmuddelige Orgien in den stickigen Quartieren des Lumpenproletariats. Alle diese Drehs, Requisiten und set pieces entnimmt Pynchon den Scharnierjahren der Hochmoderne, der Zeit, als das neunzehnte Jahrhundert ins zwanzigste kippte. In spitzwinkligen Nischen des Erzählgangs bringt er wohlgesetzte Anachronismen unter, ohne je den Referenzrahmen seiner Vorzeit zu verlassen: Ein schwarzer Kleinkrimineller der vorletzten Jahrhundertwende redet wie ein Gangsta-Rapper der letzten; eine Katastrophe im zaristischen Rußland wirft neben Trümmern und Leichenteilen auch das Wörtchen Tschernobyl aus; Menschen verlieren sich in Sendungen und Sinnbildern, wie man heute im DVD-gespeisten Heimkino vor sich hin dämmert.
Drangvolles Durcheinander? Dafür ist der Roman gelobt und getadelt worden; beide Wertungen sind verfehlt, die Schnellschuß-Verrisse wie die wattigen Komplimente von Fans, die zugeben, das Werk nicht zu Ende gelesen zu haben. Denn die Überfülle des Materials ist wohlorganisiert, in einer stimmigen Fabel und als Katalog äußerst funktional aufeinander abgestimmter, aber hochvariabler Stilmittel. Das stabile, wenn auch mehrstrebig in die gotische Architektur des Romans eingepaßte Schwerezentrum der Handlung ist das Schicksal der Familie Traverse - der Name ist sprechend, wie die meisten hier; in diesem Fall redet er von Überschreitung: Vater Webb Traverse verletzt die Spielregeln der Klassengesellschaft, indem er sich mit den Besitzenden anlegt, er wird deshalb ermordet; seine Tochter Lake, Kind des Sturms, verletzt die guten Sitten, indem sie einen der Mörder ihres Vaters heiratet; seine Söhne Reef und Frank, auf Blutrache aus, geraten auf mehrerlei Arten mit der herrschenden Ordnung in Konflikt; ihr Bruder Kit schließlich begibt sich als Forscher an den Rand des erlaubten Wissens und darüber hinaus.
Als das Abendland noch offen schien
Sie alle sind im einen oder andern, engen oder weiten Sinn des Wortes Anarchisten wie zahllose weitere Figuren in Against the Day - Pynchons Aufmerksamkeit und Sympathie gehört über viele hundert Seiten Aufrührern, denen die Despotie der Kapitalisten nicht weniger barbarisch vorkommt als die russische Autokratie. Die Welt der Streikenden, Streikbrecher, Büttel und Polizeispitzel wird in einem Tonfall geschildert, in dem sich die rasantesten erzähltechnischen Errungenschaften von Sinclair Lewis und Jack London überschneiden. Die amerikanische Arbeiterbewegung jener Jahre bleibt ein geeigneter Stoff für reizvolle Literatur - nicht bieder sozialdemokratisch war sie wie in Europa, sondern verwegen anarcho-syndikalistisch; ein romantischer Zug, der Pynchons Temperament, seinem Eigensinn und der Gestalt seiner Epik entgegenkommt. Über der blutroten Erde, auf der die Klassenkämpfe toben, erheben sich bei ihm einerseits die Paläste der Superreichen - der Magnat und Schurke Scarsdale Vibe und dessen paranormaler Berater Foley Walker sind die Verhängnisfürsten des Werks; Pynchon malt sie in pastos aufgetragenen, expressionistischen Farben, als handelte es sich um Tolkiens Sauron und dessen schwarzmagische Knechte - und andererseits ein Gewölbe voller sublimer, bis ins Ungreifbare verwischter Spiegelungen der irdischen Konflikte. In dessen Brennpunkt ereignen sich die Abenteuer der Chums of Chance, einer verwegenen Heldentruppe, die an Bord des Luftschiffs Inconvenience die Welt bereist, um im Auftrag einer obskuren Hierarchie Störungen der Weltharmonie zu glätten, die wie groteske Zerrbilder sozialer Unruhen wirken.
Auch Kit Traverse und seine Brüder werden ins globale Geschehen gesogen, müssen sich mit der Mathematik der Quaternionen und versunkenen Städten herumärgern und schrammen mehrfach picometerdicht an der Erkenntnis vorbei, daß all die Aufregung das Werk von Trespassers ist. Diese numinosen, durch die Zeit reisenden Feindmächte haben das Ende der Geschichte gesehen; ihr Treiben sucht einen Ausweg, deshalb tummeln sie sich im kurzen Zeitfenster zwischen der Weltausstellung 1893 in Chicago und dem Ersten Weltkrieg, als der Ausgang des Experiments Abendland noch offen schien.
Vorweltliches Grauen im fremden Sprachkleid
Was Pynchon hier erfunden hat, ist nichts Geringeres als das Paradoxon einer fortschrittlichen Nostalgie: Die Rückwärtsgewandtheit wird aufgefangen und konterkariert von der Tatsache, daß die Vergangenheit, die er wiederentdeckt, eben nicht eine des Archaischen, Unschuldigen oder sonstwie Antimodernen ist, sondern von Zukunftserwartungen getragen, aussichtsreich und hoffnungsstark. Seine Sprache ist diesem Unternehmen bis in die winzigsten Partikel und Poren angepaßt - er liefert ein atemberaubend detailtreues Pastiche fremder Textmodi. Der Mantelbegriff dieser Bauchrednerkunststücke heißt einfach Genreliteratur: Vorweltliches Grauen wird mit den Worten H. P. Lovecrafts heraufbeschworen; der Wilde Westen tritt im Sprachkleid Zane Greys auf; die hohle Erde weckt Erinnerungen an die Stoffe und den Stil des John Cleves Symmes; wo es utopisch wird, sucht Pynchons Duktus den Dialog mit den Utopikern Edward Bellamy und William Morris; Jules Verne und H. G. Wells werden ins Leben zurückgerufen, überhaupt die viktorianische und edwardianische Literatur, aus der zunächst die scientific romance, dann, in Amerika, die scientifiction (Hugo Gernsback) und schließlich unsere heutige Science-fiction wurde.
Die Hinweise aufs Textkontinuum spekulativer Phantastik sind wie die Kiesel von Hänsel und Gretel noch auf den dunkelsten Pfaden der Fabel zu finden; seien es Stoffe wie das Tunguska-Ereignis oder das Verschwinden der Anasazi-Indianer, die jedem heutigen Zuschauer von Akte X geläufig sind, sei es der Name Asimov - einer der bekanntesten Science-fiction-Autoren ist hier Namensgeber einer absurden Apparatur. Natürlich hat die Kritik, zumal in Deutschland, von alledem kaum etwas mitbekommen. Denn es ist zwar verboten, jemanden, der das Notenlesen nicht beherrscht, die Bayreuther Festspiele kommentieren zu lassen; aber über Stephen King darf schreiben, wer noch nie einen Horror-Roman in Händen gehalten hat, und zu William Gibson darf sich äußern, wer nichts von Bruce Sterling oder Harlan Ellison weiß. Nicht daß Kritiker alles kennen müßten; wenn sie aber weniger kennen als die gegenwärtige gebildete deutsche Leserschaft, die der bornierten Scheu vor Phantastik längst entwachsen ist, wird's bedenklich.
Die Gegenwart ist dumm und grausam
Acht- und Ahnungslosigkeit richten sich auch in diesem Fall selbst: Man hat Pynchons ausuferndes Vokabular gelobt, ohne zu bemerken, daß da nicht einfach irgendwelche Schatzkammern der Sprache geplündert und die Funde als beliebige Würzmittel in die Romansuppe geschüttet wurden, sondern Kennzeichen der genannten Vorbilder gesetzt wurden - das geht so weit, daß Pynchon auch die Schwächen der Geehrten geflissentlich übernimmt, etwa ihre albernen said-bookisms wie Randolph expostulated oder cried Miles - würden diese Kritiker auch bei deutschsprachigen Schriftstellern entzückt Sprachgewalt loben, wenn da stünde: knurrte Herbert oder wisperte Luise?
Wozu nun diese enorme Anstrengung, vom Vergangenen mit Worten zu erzählen, die diesem selbst entnommen sind? Auf Seite 1077 steht die Antwort: Die Welt endete 1914. Wie die geistlosen Toten, die nicht wissen, daß sie tot sind, ahnen wir nicht, daß wir seit jenem schrecklichen August in der Hölle leben.
Ein Romancier von hohem Rang weigert sich, die Epoche abzubilden, in die es ihn und uns verschlagen hat. Er mag die Gegenwart nicht; sie ist ihm zu dumm und zu grausam. Er nimmt sich heraus, eben das mitzuteilen, mit einem heiteren und düsteren Kunstwerk, einer Totenklage. Wo die politische Gegenwart vor Alternativen stellt wie Sicherheit oder Freiheit, verweigert sich Pynchon der Entscheidung und spricht aus, daß Menschen, die vor solchen Alternativen stehen, längst beides verloren haben. Indem er sich auf nichts verpflichten läßt, was zeitgemäße Autoren glauben und verkünden sollen, erfüllt Thomas Pynchon seine Pflicht als Künstler.
Text: F.A.Z., 07.12.2006, Nr. 285 / Seite 33
Bildmaterial: CINETEXT, Verlag
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