Von Wolfgang Pehnt
21. Juli 2008 Das Falkenberger Volksfest fiel im Jahre 1924 besonders attraktiv aus. Mehr als sechstausend Berliner waren der Einladung des Siedlungsausschusses gefolgt. Auf dem Festplatz der Gartenstadt hinter dem Akazienhof hatten sie den Einzug der Falkenberger Pfahlbauern verfolgt, eine Deputation von Marsbewohnern begrüßt, Mister Albinis Bauchreden gelauscht und der Enthüllung eines Denkmals der Wurstigkeit beigewohnt. Doch es gab auch Szenen aus Büchners Dantons Tod zu betrachten. Bildung war immer ein wichtiger Programmpunkt der Arbeiterbewegung und ihrer befreundeten Organisationen. Zum Abschluss sang man natürlich das Lied Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, das der Dirigent Hermann Scherchen vier Jahre zuvor aus dem Russischen ins Deutsche übertragen hatte.
Vor ein paar Tagen hatten die Falkenberger wieder Anlass zum Feiern. Die Gartenstadt Falkenberg bei Berlin-Grünau, in ihren frühesten Teilen 1913 bis 1915 errichtet, wurde von der Unesco zum dreiunddreißigsten Welterbe auf deutschem Boden ernannt, unter weltweit jetzt 878 Kultur- und Naturdenkmalen. Falkenberg teilt sich die Ehre mit fünf weiteren Berliner Wohnsiedlungen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre: der Schillerpark-Siedlung im Wedding, der Hufeisensiedlung in Britz, der Wohnstadt Carl Legien am Prenzlauer Berg, der Weißen Stadt in Reinickendorf und der Großsiedlung Siemensstadt in Charlottenburg und Spandau. Den Antrag auf Würdigung dieser Baudenkmäler hatte das Land Berlin zum richtigen Zeitpunkt gestellt. Denn es war bekannt, dass die Unesco entdeckt hatte, dass im Katalog ihrer Weltsehenswürdigkeiten Stätten des zwanzigsten Jahrhunderts unterrepräsentiert waren.
Alles wird neu
Auch Frankfurt am Main hätte sich Erfolgschancen ausrechnen können. Das Wohnungsbauprogramm der Stadt genoss unter Stadtbaurat Ernst May ähnliches Prestige. Von seinem Berliner Amtskollegen Martin Wagner war May als Vorbild bewundert worden. Berlin, Frankfurt und - dank des Bauhauses, das die Öffentlichkeit stets zu aktivieren wusste - Dessau boten die meistpublizierten Wohnsiedlungen der Weimarer Republik. Doch auch Altona, Celle, Duisburg, Hamburg, Karlsruhe, Kassel, Köln, Leipzig, Magdeburg, Nürnberg unternahmen bedeutende Anstrengungen, die Wohnungsnot mit den Mitteln der Moderne zu beheben. Ihr Nachruhm, den die Unesco nun noch einmal steigert, darf allerdings nicht vergessen lassen, dass diese Zeugnisse eines funktionalen, kostenbewussten und konsequent zeitgenössischen Bauens nur einen Bruchteil der damaligen Produktion ausmachten. Auf 14.000 Einheiten schätzt man die Wohnungen, die in der Reichshauptstadt von sogenannten radikalen Architekten errichtet wurden.
Neu hieß das Stichwort der Epoche. Als Attribut schmückte es viele Unternehmungen. Die Rede war von der Neuen Raumkunst, dem Neuen Bauen, der Neuen Stadt. Man sprach von der Neuen Musik, der Neuen Küche, dem Neuen Haushalt, der Neuen Frau, dem Neuen Fotografen. Fachzeitschriften, die zugleich Stadtwerbung betrieben, nannten sich Das Neue Frankfurt oder Das Neue Berlin. Das Eigenschaftswörtchen war dem neuen Menschen so wichtig, dass es stets mit Großbuchstaben geschrieben wurde - es sei denn, die Autoren befleißigten sich generell der Kleinschreibung. Es hat das wort neu in bezug auf das bauen die bedeutung eines neuen anfangs, klärte ein Vertreter des Neuen Bauens, Hugo Häring, seine Zeitgenossen auf.
Jedem seine Ration Wohnung
Die Neue Wohnung war durch die Normierung der Einzelteile gekennzeichnet, durch Rationalisierung des Bauprozesses, durch Zeitablaufpläne in der Herstellung wie im Gebrauch. Das Produkt sollte den Ablauf des täglichen Lebens erleichtern. Bewegungsflächen sollten konzentriert, Ganglinien ökonomisch geführt, vom Bewohner nur ein Minimum an Kraft- und Zeitaufwand geleistet werden. Licht, Sonne, Luft und Grün lauteten die Zauberworte. Sigfried Giedions Büchlein Befreites Wohnen aus dem Jahre 1929 zeigt auf dem Titel dreimal das Wort Licht, viermal das Wort Luft und viermal das Wort Öffnung. Die Wohnungen waren klein, aber die Fenster groß. Jedem Menschen seine Ration Wohnung: So konnte man sich den Begriff Rationalismus auch zurechtlegen. Schließlich hatte die Weimarer Verfassung es zum Ziel erklärt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung zu sichern.
Davon war die Realität weit entfernt. Während des Ersten Weltkrieges war der Wohnungsbau fast ganz zum Erliegen gekommen. In Berlin wurden in der Vorkriegszeit jährlich zwischen viertausend und 22.000 Wohnungen hergestellt, aber im Jahre 1917 ganze sechzehn. Gegen Ende der Weimarer Republik berechnete das Statistische Reichsamt den Fehlbestand an Wohnungen im gesamten Reich immer noch auf eine Million. Berlin, dessen Einwohnerschaft sich innerhalb von fünfzehn Jahren verdoppelt hatte, war von der Wohnungsnot besonders betroffen. Das städtische Wohnungsbauprogramm, das sich überwiegend gemeinnütziger Baugesellschaften bediente, suchte dem Notstand mit siebzehn Großsiedlungen zu begegnen. Teils bestanden sie aus Einfamilienreihen-, teils aus Mehrfamilienhäusern. Durchweg lagen sie in Randbezirken, wo Grund und Boden noch billig waren. Dank der günstigen Berliner Verkehrsverhältnisse waren sie aber - wie die sechs Unesco-Gekürten - mit öffentlichen Verkehrsmitteln relativ leicht zu erreichen.
Feier des Kargen
Wer von Maßstäben der alten Handwerkskultur ausging, für den bedeuteten die rationalisierten neuen Wohnungen herbe Abstriche am Niveau. Geopfert wurden Ornament und Dekor. Geopfert wurde das jahrhundertealte Sachwissen, das vor den neuen Konstruktionsverfahren und -materialien versagte. Geopfert wurde alles Überflüssige: Das so erschaffene Haus wird sein: klar, sachlich, bequem, wesentlich, sparsam, beglückend, strahlend hell, entlastend. Handlungsanweisungen, wie sie die Wortführer des Neuen formulierten, liefen auf Ritualmorde an den vertrauten Gegenständen des bisherigen Alltags hinaus, an Kissen, Decken, Nippes, Teppichen, Möbelaufsätzen, Verzierungen. Stattdessen wurde den Bewohnern eine herrliche Raumbefreiung versprochen, Befreiung vom mitgeschleppten Ballast, Gesundung der gereizten Nerven, Konzentration auf das Wesentliche. Je karger die Umgebung, desto größer der innere Reichtum.
Es fragt sich, ob die Bewohner das ästhetische Programm der avantgardistischen Städtebauer zu schätzen wussten und deren anspruchsvolle Rechtfertigungsideologie nachvollziehen konnten. Aber wer in feuchten, überbelegten Kellerwohnungen oder in den Hinterhöfen der Mietskasernen gehaust hatte, für den bedeuteten die neuen Siedlungen mit durchsonnten und durchlüfteten Räumen, mit Gärten und Alleen einen Gewinn, der die Verzichte mehr als kompensierte. Ein Problem waren die Mieten. Trotz aller Rationalisierungsmaßnahmen lagen sie zu hoch, um von jedem Maurer oder Metallarbeiter bezahlt werden zu können. Auch Volksschullehrer, Obersekretäre oder Ingenieure, die hier wohnten, hatten Mühe, ein Drittel ihres Einkommens allein für die Wohnung aufzubringen.
Flachdach und Steildach
Großenteils wurden diese Denkmäler der deutschen Moderne in Kommunen geplant und gebaut, die von Parteien der Weimarer Koalition regiert wurden, von Sozialdemokraten, katholischem Zentrum und liberaler DDP. Politische Spannungen blieben nicht aus. Schon dass viele dieser Siedlungen auch aus Mitteln der sogenannten Hauszinssteuer finanziert wurden, mit der die Hauseigentümer nach überstandener Inflation zum Ausgleich für den Werterhalt ihres Sachbesitzes belegt worden waren, machte sie dem bürgerlichen Mittelstand verdächtig. Dass sie - wie die Siedlung Onkel Toms Hütte - manchmal die gleiche schöne Lage unter den Kiefern und Birken des Grunewalds einnahmen wie die Villen der Begüterten, war ein weiteres Ärgernis.
Politische und soziale Konflikte spiegeln sich sogar in der baulichen Gestalt. So zieht sich durch die Großsiedlung Britz eine regelrechte Demarkationslinie. Auf der einen Straßenseite stehen Häuserblocks des Beamten-Wohnungs-Vereins mit behaglichen Steinmetz-Details, dreieckigen Loggien und Walmdächern. Gegenüber auf dem Terrain der gewerkschaftsnahen Gehag, der Gemeinnützigen Heimstätten Spar- und Bau-AG, bauten Bruno Taut und Wagner die Rote Front auf, eine rot gestrichene, flach gedeckte Zeile mit wehrhaft vortretenden Treppentürmen, abweisend wie eine Stadtmauer. Flachdach und Steildach wurden jenseits aller Sachargumente zu Streitparolen.
Ein langer Jammer
Unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse, vor allem nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929, suchten die Planer durch uniformen Zeilenbau den Anstieg der Baupreise zu kompensieren, wohlwissend, dass jede minimale Zinserhöhung für Baukredite alle Rationalisierungseinsparungen zunichtemachte. Die sechs ausgezeichneten Berliner Wohnquartiere sind noch frei von solchem notbedingten Rigorismus. Subtilitäten im Kleinen und eindrucksvolle Planfiguren im Großen zeichnen sie aus. Bildhafte Situationen sorgen für Identität. Nichts ist hier verwechselbar. Für die Siemensstadt wählte Hans Scharoun einen trichterförmigen Eingang. Otto Bartning schirmte den Gleiskörper der S-Bahn mit einer langgeschwungenen Zeile ab, im Volksmund der Lange Jammer genannt. In der Großsiedlung Onkel Toms Hütte, die unverdientermaßen nicht auf der Unesco-Liste steht, ließ Bruno Taut in ähnlicher Lage eine Wohnzeile, den Peitschenknall, noch ein paar Meter länger sausen. Bei der Weißen Stadt in Reinickendorf überbrückt ein Laubenganghaus eine breite Straßenpromenade wie ein großes, einladendes Tor. Otto Rudolf Salvisberg war sein Architekt.
Nicht zuletzt huldigt die Unesco-Entscheidung dem Baumeister Bruno Taut. Von den sechs gekürten Berliner Großsiedlungen war er bei vieren entscheidend beteiligt, als Architekt der Deutschen Gartenstadtgesellschaft und von 1924 bis 1932 als Chefarchitekt der Gehag, gemeinsam mit oder tatkräftig unterstützt von Stadtbaurat Martin Wagner. Stets legte Taut Wert auf lebendiges Spiel, auf Abweichungen, Rücksprünge, platzartige Erweiterungen, auf Zonen zwischen Innen und Außen, die er Außenwohnräume nannte. Den berühmtesten Außenwohnraum schuf er, als er der Großsiedlung in Britz neben der rhombenförmigen Hüsung eine hufeisenförmige Wohnanlage einpflanzte. Unter Ordnung verstehen wir einen gesellschaftlichen Zustand, in dem die für alle gleichartigen Beziehungen gemeinschaftlich erfüllt werden.
Privat und öffentlich
Der dreistöckige Wohnring der Hufeisensiedlung umschließt einen inzwischen von Büschen und Bäumen umgrünten Pfuhl in einer eiszeitlichen Bodensenke, der die imaginäre Mitte der Siedlung bildet. Es ist, als schlüge an diesem unbetretbaren Ort die Erde ein Auge auf. Um den Teich ist eine für alle zugängliche Wiese gelegt, um diese wiederum ein halböffentlicher Weg, dann ein Ring aus privaten Gärten, in allmählichem Übergang vom Allgemeinen zum Individuellen. Diesem geschützten Innenbereich wenden sich die Loggien des Wohnrings zu wie die Logen eines Theatersaals. Auch hier wurden in den ersten Jahren Feste gefeiert, Freudenfeuer angezündet, Kinderfackelzüge veranstaltet. Dem Architekten war diese Studie in der Abschattierung von Privat und Öffentlich so wichtig, dass die sonst favorisierte Orientierung aller Wohnungen nach Sonnenstand und Tageszeit hier hintanstehen musste.
So sind sie alle unterscheidbar. Falkenberg, die Kolonie Tuschkasten, atmet den Geist der frühen Gartenstadt-Bewegung, kleinteilig und anheimelnd, mit Pergolen, Rankspalieren und Schlagläden. Die Hufeisensiedlung auf dem Gelände eines ehemaligen Rittergutes ist durchsetzt von eigenwilligen, assoziationsreichen Figuren. In den Siedlungen Schillerpark und Carl Legien ging Taut zu großstädtischen Siedlungsformen über, zu mehrgeschossig bebauten Wohnhöfen in kompakten Reihungen. Die Weiße Stadt wirkt dank des weiß gestrichenen Putzes einheitlicher als alle anderen. Siemensstadt im Westen, unweit von Jungfernheide und Tegeler Forst, diente als naher Wohnort für Mitarbeiter der Weltfirma und bot renommierten Architekten wie Bartning, Gropius, Häring oder Scharoun Freiräume zu unterschiedlichen Hauskonzepten.
Weckruf der Sinne
Immer spielte die Farbe eine wichtige Rolle. Farbe bedeutete Vitalität, Lebensfreude, Abglanz der Sonne. Wo Licht ist, muss Farbe sein, und umgekehrt fängt Farbe Licht. Farbe wurde als kompositorisches Mittel und zur psychologischen Unterstützung eingesetzt. Sie verkürzte oder vergrößerte räumliche Distanzen, unterstrich die Morgenseite durch kühle und die Nachmittagsseite durch warme Farben (und manchmal auch umgekehrt), betonte Zusammengehöriges und unterschied Verschiedenartiges. Starkfarbige Putzflächen kennzeichnen die früheren Bauten. Die natürliche Farbigkeit des Baumaterials spricht vor allem aus den durch helle Putzstreifen gegliederten Backsteinfassaden der Häuserblocks am Schillerpark. In den späteren Siedlungen wird das Weiß zur Dominante (Die Weiße Stadt). Aber auch in ihnen spielen Farbakzente, spricht die Materialität von Ziegelbändern oder Keramikverkleidungen an Sockeln oder Balkonbrüstungen mit.
Dass Berliner Denkmalpflege und beteiligte Wohnungsbaugesellschaften sich schon sehr früh, seit den späten siebziger Jahren, kontinuierlich um die Sanierung der Siedlungen und ihr farbiges Erscheinungsbild gekümmert haben, hat sich jetzt ausgezahlt. Vor allem die Architekten Helge Pitz und Winfried Brenne haben Pionierarbeit in der Ermittlung der originalen Farbigkeit und ihrer Wiederherstellung geleistet. Der Weckruf für die Sinne, wie Bruno Taut die Farbe und nicht nur sie verstand, hat nun auch die Damen und Herren der Unesco erreicht. Ein lebensvolles Neben- und Miteinander, das Abstände ausgleicht: Das war nicht nur räumlich-ästhetisch gemeint, sondern als ein soziales Programm.
Wolfgang Pehnt, Jahrgang 1931, ist der Nestor der deutschen Architekturgeschichtsschreibung der Moderne. 2005 erschien sein Standardwerk Deutsche Architektur seit 1900 in der Deutschen Verlags-Anstalt.
Text: F.A.Z.
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