Von Markus Bickel, Beirut
07. Mai 2008 Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Niemals, erwidert Nayla Tueni, ohne zu zögern auf die Frage, ob sie Angst um ihr Leben habe. Sie haben den wichtigsten Menschen in meinem Leben getötet, meinen Vater, aber um mich selbst habe ich keine Angst. Selbstverständlich sei sie nicht so leichtsinnig, den Kriminellen mein Blut und mein Leben als Geschenk zu überlassen. Übermäßige Gedanken über ihre Sicherheit mache sie sich aber nicht. Wenn sie sterbe, fügt die 25 Jahre alte griechisch-orthodoxe Christin hinzu, sehe sie ihn ja ohnehin wieder.
An Tuenis schwarzer Strickjacke heftet ein kleiner runder Button mit dem Gesicht ihres Vaters Gibran, der am 12. Dezember 2005 bei einem Autobombenanschlag getötet wurde. Fünf Stockwerke hoch schleuderte die Wucht von mehr als hundert Kilogramm Sprengstoff seinen Wagen, die Explosion riss einen zwei Meter tiefen Krater in die kurvige Straße nördlich von Beirut. Keine zwölf Stunden zuvor war der charismatische Parlamentarier und Chefredakteur von al Nahar (Der Tag) auf dem Flughafen der libanesischen Hauptstadt gelandet, nach mehreren Monaten in Paris, wohin er sich aus Sicherheitsgründen zurückgezogen hatte. Ein Kuss auf die Wange im Halbschlaf war das Letzte, was Nayla von ihm mitbekam.
Eine nicht abreißen wollende Serie von Anschlägen
Der Mord an ihrem Vater katapultierte die junge Journalistin in Windeseile in die Führungsetage des liberalsten Zeitungsverlages der arabischen Welt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Tueni den Chefredakteursposten bei al Nahar übernimmt, den vor ihrem Vater ihr Groß- und ihr Urgroßvater innehatten. Der hatte die heute mit einer Auflage von 40.000 größte libanesische Zeitung 1933, während der französischen Mandatszeit, gegründet.
1947 übernahm ihr Großvater Ghassan Tueni die Zeitungsdynastie; seit dem Tod seines Sohnes vor knapp zweieinhalb Jahre hat er das Haus als Herausgeber wieder unter seinen Fittichen. In den Dekaden vor Beginn des Bürgerkrieges 1975 brachte der heute 82 Jahre alte frühere Diplomat, Abgeordnete und Minister al Nahar groß heraus; der heutige Telekommunikationsminister und Onkel Gibrans, Marwan Hamadeh, dem im Oktober 2004 die erste Autobombe in einer nicht abreißen wollenden Serie von Anschlägen galt, war einer seiner wichtigsten Mitstreiter.
Alle paar Wochen trrifft man sich auf einer anderen Trauerfeier
Auch Naylas Onkel, Verteidigungsminister Elias Murr, überlebte im Sommer 2005 einen Anschlag. Den Märtyrerplatz, an dessen Nordende die Redaktion von al Nahar ihren Sitz hat, kennt diese Generation noch aus den goldenen sechziger Jahren, als Beiruts Nachtleben der Stadt den Titel Paris des Nahen Ostens einbrachte. Während des Bürgerkrieges verlief hier die Front zwischen christlichen und muslimischen Milizen, im Frühling 2005 dann, nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Rafiq Hariri, errichteten antisyrische Demonstranten rund um die Statue für die libanesischen Gefallenen im Aufstand gegen die Osmanen ein Zeltlager - der Nukleus der Zedernrevolution, oder, wie die Libanesen sagen, des Unabhängigkeitsaufstandes.
Der Großvater ein Kind der Mandatszeit, sie eine Tochter der Zedernrevolution: Es ist wie ein schlechter Traum, sagt Nayla Tueni in ihrem Büro, von wo man einen herrlichen Blick über Beiruts Hafen hat: Alle paar Wochen wieder eine Trauerfeier, auf der die Angehörigen der Opfer zusammenkommen - Söhne wie Saad Hariri, die ihren Vater verloren haben, Väter wie Amin Gemayel, der im Dezember 2006 seinen Sohn Pierre bei einem Anschlag verlor, Witwen, Mütter oder eben Töchter wie Nayla Tueni.
Eine Frau in so gehobener Stellung zu akzeptieren, sei schwer
In einem patriarchal geprägten Land wie dem Libanon stünde mit ihr zum ersten Mal eine Frau an der Spitze des Blattes, das mit seinen scharfen Kommentaren gegen die langjährige Protektoratsmacht Syrien den Grundstein legte für den friedlichen Beiruter Frühling der Demokratie 2005. Eine Frau in so gehobener Stellung zu akzeptieren, sei schwer, sagt sie - selbst für eine derart von westlichen Einflüssen geprägte arabische Gesellschaft wie die libanesische. Das aber wird sich Schritt für Schritt ändern.
Nicht zuletzt ihr eigener Aufstieg könnte als Beleg für die These herhalten: Nach der Ermordung ihres Vaters wurde Tueni stellvertretende Generaldirektorin von al Nahar, inhaltlich verantwortlich ist sie für die Jugendbeilage des Blattes, Nahar al-Shabab.
Der Unterschied zwischen Dunkelheit und Licht
Ihren ermordeten Vater ordnet sie unumwunden der eigenen Generation zu: Er stand mir, meinen Freundinnen und Freunden immer sehr nahe - und ermunterte uns, etwas zu tun, eine aktive Rolle einzunehmen, uns nicht einschüchtern zu lassen. Genug zu tun gibt es für die Journalistin aus Leidenschaft: Noch immer hätten dieselben Politiker wie während des Bürgerkrieges das Sagen, sagt sie, die Gesellschaft verstehe nicht, dass es Zeit für die neue, die junge Generation sei, mehr Verantwortung zu übernehmen.
Dass ihre Generation dazu in der Lage sei, die Verhältnisse aufzubrechen, habe der studentisch geprägte Beiruter Frühling bewiesen: Wir haben es einmal geschafft, das heißt, wir können es wieder schaffen, sagt Tueni, die gerade ihr Masterstudium in Internationalen Beziehungen abschließt. Zuvor hatte sie Journalistik studiert - ihre ersten Berichte für al Nahar schrieb sie, als ihr Vater noch das Sagen im Haus hatte. Auch nach seinem Tod führt bei al Nahar kein Weg an Gibran Tueni vorbei, meterhoch hängt sein Gesicht von einem Transparent von der Frontfassade, verziert mit einem seiner vielen Sätze. Der Unterschied zwischen Dunkelheit und Licht: das Wort.
Die Macht des Wortes, nicht die der Waffen und der Clans
Auch Tuenis Schwur vom 14. März 2005, als mehr als eine Million Demonstranten auf dem Märtyrerplatz zusammenkamen, wird auf Jahrestagen für die Ermordeten des Beiruter Frühlings aufs Neue gesprochen: Wir schwören bei Gott dem Allmächtigen, dass Muslime und Christen in alle Ewigkeit vereint bleiben, um unseren großen Libanon zu verteidigen. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das über die freieste Presse der arabischen Welt verfügen mag, in dem jede Postenverteilung jedoch nach konfessionellem Proporz geregelt wird.
Auch die Zedernrevolutionäre mussten rasch einen bitteren Preis für ihren Kampf um Souveränität und Unabhängigkeit von Syrien zahlen. So war ihr Vater im Winter 2005 bereits der vierte Syrien-Kritiker, den die Gegner der libanesischen Demokratiebewegung töteten, und der zweite Journalist: Im Juni 2005 traf es Tuenis Gesinnungsgenossen bei al Nahar, den Starkolumnisten Samir Kassir. Beim Anschlag auf May Chidiac drei Monate später verlor die beliebte Fernsehmoderation einen Arm und ein Bein.
Kassir und Tueni standen an der Spitze der Bewegung, die auf die Macht des Wortes, nicht auf die der Waffen und der Clans setzte. Ihr Kampf gehe weiter, sagt Tueni, das habe ihr ihr Vater klargemacht, als sie ihm nach der Ermordung Kassirs verzweifelt in den Armen lag: Wir müssen für ihn weitermachen, für das Land, für den Journalismus und die Pressefreiheit im Libanon. Wie um ihren Schmerz zu vertreiben, fügt sie hinzu: Diese Kriminellen haben Angst vor uns, deshalb töten sie uns.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Markus Bickel
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