Von Rainer Hank und Georg Meck
24. August 2008 Wenn am kommenden Donnerstagabend kurz vor 23 Uhr die letzten Takte des Parsifal verklungen sind, wartet das Festspielpublikum in Bayreuth auf einen alten Mann mit weißem Haar. Die große Frage heißt: Tritt Wolfgang Wagner zum Abschied ein allerletztes Mal vor den Vorhang des Festspielhauses?
Es ist der Abschied von einer Ära, die vor 57 Jahren begann. Und es ist das definitive Ende eines mittelständischen Familienunternehmens, dessen Gründung auf das Jahr 1867 datiert. Am 30. August 2008 feiert Wolfgang Wagner seinen 89. Geburtstag. Tags darauf tritt er als Festspielunternehmer“ – so heißt der Mann ganz offiziell – zurück. Einen Tag später beginnt eine neue Epoche: Einen Festspielunternehmer aus der Familie Wagner wird es fortan nicht mehr geben. An seine Stelle tritt der deutsche Staat.
Eine historische Einmaligkeit
Zwar wird Wolfgang Wagners Tochter Katharina aller Voraussicht nach in Bayreuth künstlerisch das Sagen haben. Aber die wirtschaftliche Macht hat sie nicht. Die 30-jährige Urenkelin des Gründers wird angestellte Managerin, ausgestattet mit einem Zeitvertrag, vergleichbar einer Intendantin an einem ganz normalen Opernhaus. Bayreuth verliert einen Teil seiner Besonderheit. Und das ist gut. Denn zum Unternehmertum hat die Familie noch nie sonderlich getaugt.
Tatsächlich ist es eine historische Einmaligkeit, die Darbietung der Werke eines einzelnen Komponisten zur Grundlage eines unternehmerischen Geschäftsmodells zu machen, von dem eine Großfamilie über mehrere Generationen – mehr schlecht als recht – ihr Leben fristet. Die Firma Bayreuth hat satzungsmäßig nur einen einzigen Zweck, die festliche Aufführung der Werke Richard Wagners“. So etwas ist weltgeschichtlich ohne Vergleich. Es gibt keinen Ort, an dem ausschließlich Verdi- oder Mozart-Opern gespielt würden. Geschweige denn, dass die Umtriebe der Nachfahren Verdis und Mozarts das Leben späterer Jahrhunderte derart in Atem gehalten hätten wie die Kapriolen des Wagner-Clans.
Die Marke Bayreuth war geschaffen
Dass die Erfindung des Geschäftsmodells von Richard selbst stammt, ist zweifelhaft. Zu Geld und allem Wirtschaftlichen hatte der Meister ein gestörtes Verhältnis (was sich auf eine ganze Reihe seiner Nachkommen vererbte). Der Gründer brauchte einfach ein Opernhaus im Grünen, wo die Zuschauer von den Versuchungen der Großstadt ferngehalten und ganz auf die Musik konzentriert würden. Dorthin sollten postrevolutionäre und nichtzahlende Pilger“ gelockt werden, die in Scharen ins Theater strömen, um sich den tieferen Realitäten von Leben und Tod zu stellen, wie der britische Publizist Jonathan Carr in seiner Geschichte des Wagner-Clans schreibt.
Das konnte nicht gutgehen. Die Pilger kamen nicht in Scharen. Und die, die kamen, mussten zahlen. Gleichwohl startete der Festspielbetrieb mit einem Verlust von 150.000 Mark.
Erst Wagners Witwe Cosima, die bis 1930 lebte und die Festspiele 20 Jahre lang unternehmerisch und künstlerisch leitete, feilte die monopolistische Idee zur Produktreife: Wer außerhalb Bayreuths Wagner inszenierte, musste Lizenzgebühren zahlen; Parsifal sollte unter Berufung auf seinen geheiligten Charakter“ und angeblich des Meisters Wunsch“ exklusiv Bayreuth vorbehalten bleiben, was sich nie wirklich durchsetzen ließ. Aber die Marke Bayreuth war geschaffen.
Die sozialistische Idee des Meisters
Diese Marke bewahrte sich bis heute viele Merkwürdigkeiten. Zum Beispiel die sozialistische Idee des Meisters, der Konsum einer Aufführung dürfe nicht teuer sein. Zwar finden die Feuilletons Kartenpreise zwischen 6 Euro 50 und 208 Euro meist ziemlich unverschämt. Aber schon der Vergleich mit den Festspielen in Salzburg, wo man für einen Don Giovanni“ in der Spitze 370 Euro zahlen muss, sollte zu denken geben. Dass die Fans auf eine Karte für den Ring“ ungefähr so lange warten müssen wie früher die DDR-Bürger auf die Zuteilung eines Autos, spricht ökonomisch dafür, dass Angebot und Nachfrage aus dem Lot geraten sind. Wie immer, wenn Marktpreise nicht gelten, gibt es einen florierenden Schwarzmarkt: Der Internethändler Viagogo verlangt momentan 760 Euro für eine Meistersinger“- Aufführung. Wer dagegen regulär in Bayreuth bestellt, dem teilt ein Computer Karten zu – in einem Verfahren, das so undurchsichtig ist, dass es schon an schwarze Magie erinnert.
Nur Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihr Ehemann und eine größere Prominentenrunde müssen sich nicht auf die Warteliste setzen lassen. Sie profitieren von einem Kontingent von 160 Tickets, die der Oberbürgermeister von Bayreuth wichtigen Freunden des Hauses gratis zuteilen darf. Und wer bereit ist, der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ als zahlendes Mitglied beizutreten, beschleunigt über diese verkappte Preiserhöhung den Erwerb einer Karte: Die mehr als 5000 Mitglieder des Vereins zahlen 205 Euro Beitrag im Jahr; die Freunde haben ein Kontingent über 3000 Karten.
Die Wagners werden endgültig entmachtet
Ausgerechnet dieser Freundesgesellschaft ist es zu danken, dass sich am Grünen Hügel jetzt eine Revolution abspielt. Denn die Gesellschaft musste immer einspringen, wenn das Geld knapp wurde. Und zuletzt war es oft arg knapp. Von deutlichen Liquiditätsproblemen“ war die Rede. Eine Million Euro Defizit fällt in dieser Spielzeit an. Die Kosten laufen aus dem Ruder, wenn der Kapitän nicht mehr mit voller Kraft auf der Brücke steht“, sagt Karl Gerhard Schmidt. Dessen Vater, ein Privatbankier, hat schon vor Jahrzehnten Wolfgang und Wieland Wagner Geld geliehen. Die Hofer Privatbank existiert längst nicht mehr. Um die Finanzierung der Festspiele kümmert sich Karl Gerhardt Schmidt nun in seiner Rolle als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde“. Voriges Jahr haben sie einen sechsstelligen Verlust der Festspiele ausgeglichen.
Den Preis dafür fordern die Mäzene jetzt: Die Wagners werden endgültig entmachtet. Immer nur zu zahlen, ohne wirklich bestimmen zu dürfen, so zeigt sich, das wird dem nobelsten Mäzen auf Dauer zu fad. Denn seit dem Jahr 1990 begleichen die Freunde die Handwerkerrechnungen, tragen sie sämtliche technischen und baulichen Investitionen auf dem Grünen Hügel – mehr als 25 Millionen Euro sind so an die Festspiele überwiesen worden. Neues Geld gibt es künftig nur noch, wenn neue Zeiten anbrechen, so drohte der Vorsitzende Schmidt.
Stück für Stück hat die Familie wirtschaftlich an Boden verloren
Im Chor mit Bund, Land und Stadt Bayreuth, die Jahr für Jahr einen fixen Betrag an Steuergeldern nach Bayreuth überweisen, haben die privaten Mäzenaten die Machtverhältnisse umgestülpt – haben sie das Unternehmen Bayreuther Festspiele mehr oder minder feindlich übernommen: Zum 1. September stellt die Firma Wagner ihre Tätigkeit ein. Die Bayreuther Festspiel GmbH, bisher der Einmannbetrieb von Wolfgang Wagner, wechselt den Eigentümer: Vier neue Gesellschafter treten ein, und keiner davon heißt Wagner. Der Patron, dem die Firma bisher zu 100 Prozent gehört, übergibt seine Anteile an die drei öffentlich-rechtlichen Geldgeber (Bund, Land, Stadt) sowie die Gesellschaft der Freunde. Geld erhält Wolfgang Wagner für sein Unternehmen nicht, was aber nicht bedeutet, dass er enteignet würde: Seine Ansprüche werden mit einer Altersversorgung abgegolten.
Die Festspiele sind längst kein Familienunternehmen mehr“, betont Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel. Stück für Stück hat die Familie wirtschaftlich an Boden verloren. Das Festspielhaus gehört seit Jahrzehnten der staatlich kontrollierten Stiftung, die vermietet es gegen etwa 120.000 Euro Pacht an den Festspielunternehmer. Insgesamt belief sich Wolfgang Wagners Etat zuletzt auf 14 Millionen Euro, daraus bezahlt er 60 feste Angestellte sowie etwa 800 Saisonkräfte. 40 Prozent der Kosten erhielt er bisher als Zuschuss. 60 Prozent hat er selbst eingespielt.
Es ginge auch billiger
Gern haben die Wagners den Mythos gepflegt, sie würden weniger subventioniert als andere Häuser. Dies relativiert sich schnell, wenn die Ausgaben im Verhältnis zur Zahl der Aufführungen gesetzt werden. Gemessen daran, dass nur fünf Wochen gespielt wird, gehört Bayreuth als Institution von Weltrang selbstverständlich zu den aufwendigen Betrieben“, sagt Minister Goppel – und deutet damit an: Es ginge auch billiger.
Um neue Einkommensquellen zu erschließen, haben Wolfgang und Katharina Wagner Anfang des Jahres eine Vermarktungsgesellschaft gegründet: die BF Medien GmbH. Die soll Sponsoren anzapfen (Goldman Sachs wurde gewonnen), Lizenzen verkaufen, Auslandsaktivitäten starten, das Merchandising vorantreiben, kurz: aus der etwas heruntergekommenen Marke Bayreuth mit modischem Tamtam ökonomischen Nutzen ziehen. Eigentlich eine prima Idee, loben die neuen Herren in Bayreuth – nur sehen sie nicht ein, dass Katharina Wagner privat zu 30 Prozent an dieser Firma beteiligt ist, somit an der Vermarktung der Festspiele Geld verdient, während die öffentliche Hand für deren Verluste aufkommt.
Für die Besucher bedeuten die neuen Zeiten höhere Preise
Das hat einen negativen Beigeschmack“, sagt Freunde-Chef Schmidt. Will die forsche Katharina die Nachfolge des Vaters als künstlerischer Leiter antreten, dann muss sie auf die privaten Nebengeschäfte verzichten, verlangen die neuen Gesellschafter. Die BF Medien in ihrer derzeitigen Form kann bei einer Neuordnung sicherlich nicht Bestand haben“, erklärt Wissenschaftsminister Thomas Goppel kategorisch.
Für die Besucher der Festspiele bedeuten die neuen Zeiten höhere Preise. Eine moderate Erhöhung“ schlägt Bayreuths Oberbürgermeister vor. Ähnlich redet auch Minister Goppel: Man wird immer wieder prüfen müssen, ob mit den Einnahmen und Zuschüssen künstlerische Leistungen auf dem erforderlichen Niveau möglich sind.“
Die Weiber lassen wir draußen“, hatte Wolfgang mit dem verhassten Bruder Wieland einst vereinbart. Das wird sich von nächster Woche an ändern. Aber diese Weiber“ werden unternehmerisch keine Macht mehr haben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa