Von Christian Schwägerl
11. Januar 2005 Der demographische Wandel ist in Deutschland so weit fortgeschritten, daß es einen großen Bevölkerungsteil gibt, deren Mitglieder weitgehend oder ganz kinderfrei leben. Das haben in den vergangenen Monaten Erhebungen gezeigt, bei denen Kinderlose gefragt wurden, wie oft sie in Kontakt mit Kindern sind.
Die Antworten waren bemerkenswert. Einer Studie des Allensbach-Instituts zufolge sind 47 Prozent der Kinderlosen, die selbst keine Kinder möchten, seltener als einmal im Monat mit Kindern zusammen, 53 Prozent der Kinderlosen mit Kinderwunsch seltener als dreimal im Monat. Daraus wird deutlich, wie tiefgreifend die Halbierung der Geburtenzahl von 1,4 Millionen (1964) auf 706.000 Kinder im Jahr 2003 bereits das Alltagsleben verändert hat.
Entwöhnung und Entfremdung
Die Demoskopen vom Allensbach-Institut diagnostizieren, daß ein wachsender Teil der Bevölkerung kaum Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hat. Von Entwöhnung und Entfremdung ist die Rede, was in einer negativen Rückkopplung die ohnehin sinkenden Kinderwünsche der Deutschen noch stärker drücken könnte. In der ferndiagnostischen Außenwahrnehmung von Kindern stehen offenbar deren Nachteile für die Eltern im Vordergrund: die sprichwörtlichen schlaflosen Nächte, der verringerte Freiraum, die finanzielle Belastung, nicht aber das Wesentliche, was Eltern in den Umfragen mit den Begriffen Sinn, Freude, Erfüllung, ja Glück beschreiben, aber mangels Kontakt zu Kinderlosen diesen vielleicht nicht direkt vermitteln können.
Die Stratifizierung der Gesellschaft in Familien und Kinderlose hat erheblich zugenommen. Das muß auch eine Zeitschrift wie Eltern sorgen, deren Kundenstamm mit weiter zunehmender Kinderarmut schrumpfen würde. Am Dienstag lud die Chefredaktion der Zeitschrift in das Haus der Bundespressekonferenz in Berlin, um die Frage zu erörtern, was sich verändern müßte, damit die Kinderfreudigkeit wieder zunimmt. Mehrere Erhebungen wurden ins Feld geführt, eine Familienanalyse 2005 von Allensbach, eine Umfrage unter Lesern der Zeitschrift und Erhebungen der Demoskopen von Forsa. Dabei traten Paradoxien zutage.
Der fehlende Partner
Zu den größten Wünschen der Kinderlosen mit Kinderwunsch zählt nämlich ein kinderfreundlicheres Klima in der Gesellschaft. Dieses Bedürfnis steht weit vor anderen, etwa besseren Betreuungsmöglichkeiten oder einem höheren Kindergeld. Kinderlose, die keine Kinder wollen, führen als Grund das Fehlen eines geeigneten Partners an und die glasklare Aussage, auch ohne Kinder mit dem Leben zufrieden zu sein.
Eltern wiederum, die kein weiteres Kind wollen, antworteten ganz anders. Für sie steht ihr fortgeschrittenes Alter im Vordergrund und die Angst, finanziell nicht für noch mehr Kinder aufkommen zu können. Kinderfeindlichkeit in der Gesellschaft, wie sie ausgerechnet Kinderlose diagnostizieren, wird von dieser Elterngruppe hingegen nur sehr nachrangig als Grund für den Verzicht auf weitere Kinder genannt, wenngleich mehr gesellschaftliche Anerkennung für Eltern und eine insgesamt kinderfreundlichere Gesellschaft natürlich große Unterstützung finden.
Die demoskopische Aufarbeitung des demographischen Wandels bringt erstaunliche Begründungsmuster hervor: In den kinderlosen Enklaven wird von mehr Kinderfreundlichkeit geträumt, als Voraussetzung dafür, den Schritt zum Kind zu wagen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2005, Nr. 9 / Seite 42
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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