Olympisches Lexikon: S

Vogelnest und Wasserwürfel

Von Mark Siemons, Peking

08. Juli 2008 Tiyuchang: Demonstration von Weltoffenheit und Zukunftszugewandtheit, wie sie China heute für sich in Anspruch nimmt. Die wichtigsten der 31 Wettkampfstätten (zwanzig davon komplett neu errichtet) wurden international ausgeschrieben und vor allem danach entschieden, wie renommiert die Architekten und wie kühn ihre Entwürfe waren. Auf den Ausdruck einer spezifisch chinesischen Formsprache dagegen scheint China bei der Darstellung seiner wiedererstandenen Zivilisation, als die es die Olympischen Spiele nicht zuletzt versteht, weniger Wert zu legen.

Die beiden auffälligsten Gebäude sind das Nationalstadion, genannt „Vogelnest“, und das Schwimmstadion, genannt „Wasserwürfel“. Sie stehen westlich und östlich der Hauptachse Pekings, die die Stadt von Norden nach Süden durchschneidet. Die leer gebliebene Fläche symbolisiert nach der Vorstellung der Raumplaner von Sasaki aus Boston: das Volk. Das Vogelnest, entworfen von den Schweizer Architekten Herzog und de Meuron in Zusammenarbeit mit dem Pekinger Künstler Ai Weiwei, strahlt mit seiner ovalen Stahlkonstruktion formale Eleganz, stabile Funktionalität und Geborgenheit gleichzeitig aus. Kritiker bemängeln freilich die Unbeweglichkeit des massiven Kolosses, der mit seinen 91.000 Sitzplätzen nach der Schlussfeier schwer weiterzuverwenden sei.

Gut funktionierendes Nirgendwo

Das ist bei dem Schwimmstadion anders, dessen siebzehntausend Sitze nach den Wettkämpfen auf sechstausend reduziert werden können und dann Platz machen für verschiedene öffentliche Nutzungen. Der von John Pauline und der australischen Architekturfirma PTW entworfene Wasserwürfel ist auch sonst ein Gegenstück zum Vogelnest: Während dort das Stahl- und Betonmaterial mit einer runden, weichen Form kontrastiert, ist hier ein kühler rechteckiger Block aus den Tropfen eines Teflon-ähnlichen Plastiks namens ETFE zusammengesetzt. Das Tropfenprinzip beherrscht nicht nur die grau-blaue Fassade; auch innen soll man sich laut Augenzeugenberichten wie unter Wasser fühlen. Im Übrigen sammelt das Gebäude zehntausend Kubikmeter Regenwasser im Jahr - eine von den 121 verschiedenen Wassersparmethoden, die die Stadien erproben.

Anders sieht es mit der urbanistischen Nachhaltigkeit aus. Peking hat zwar riesige Summen in langfristige Entwicklungen wie das U-Bahn-Netz und den neuen Flughafen investiert, aber dabei keinen Zusammenhang zwischen den olympischen Zonen und deren oft völlig undefinierter Schnellstraßenumgebung hergestellt. Offensichtlich will „Peking 2008“ nicht so sehr eine bestimmte Stadt mit deren historischen, sozialen und wirtschaftlichen Eigenheiten vorzeigen - sondern eher eine Weltbühne, auf der die Spitzenerzeugnisse der großen Kulturen in einem gut funktionierenden Nirgendwo aufgereiht sind.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Siemons

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Lernen Sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kennen und testen Sie unser Angebot kostenlos und unverbindlich.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche