Auftakt zum Karajan-Jahr 2008

Die Kirche, in der alles möglich war

Von Eleonore Büning, St. Moritz

02. Januar 2008 Hundert Jahre Karajan stehen vor der Tür. Höchste Zeit, die schartigen alten Messer neu zu wetzen. Bereits drei Tage vor Heiligabend führte die britische Klassik-Krawallschachtel Norman Lebrecht via „Bloomberg News“ Klage darüber, dass das Karajanjahr 2008 jetzt ebenso unausweichlich über uns hereinbrechen werde wie 2006 das Mozartjahr. Lebrecht, der mit seinen schneidig formulierten Hintergrund-Halbwahrheiten zur Krise der Schallplattenindustrie im vorigen Jahr einige Aufmerksamkeit erzielt hatte, prophezeit uns nun ein „Jahr der kreativen Null-Nummern und der sentimentalen Regression“. Begründung: Karajans Klangästhetik sei völlig veraltet, unmodern, er habe sich nie für den Fortschritt, weder für Neue Musik noch für Alte Musik interessiert. Weshalb der legendäre Karajansound, der nun mit der Wiederveröffentlichung einer Anzahl Aufnahmen durch Deutsche Grammophon und EMI abgefeiert wird, für die „Ohren des 21. Jahrhunderts“ vollkommen uninteressant geworden sei.

Hört sich logisch an, lässt sich aber nur aufrechterhalten, wenn man Karajans Interpretationen von Bartók, Schönberg, Messiaen, Debussy, Mahler, Sibelius, Schostakowitsch, Berg, Webern ignoriert und die Handvoll Uraufführungen, die er bewerkstelligte (Penderecki, Henze, von Einem), gar nicht erst erwähnt. Gewiss gibt es große Unterschiede beispielsweise zwischen Karajans schwelgerisch-romantischer Interpretation der Schönbergschen Orchestervariationen op.31 und der kühlen, klaren Lesart desselben Stücks durch Michael Gielen. Für Beethoven, Brahms und Bruckner gilt das entsprechend. Und dass Karajan von einer großen, nicht allezeit glücklichen, manchmal schier größenwahnsinnigen Leidenschaft für Johann Sebastian Bach beseelt war - sechs Gamben statt einer in der Matthäus-Passion - ist kein Geheimnis. Doch ganz vergessen sind offenbar jene neun fruchtbaren Jahre von 1964 bis 1973, als er sich, nach dem Bruch mit Wien, aus vollem Herzen wieder seinem Berliner Philharmonischen Orchester zuwandte.

Karajan außer Fassung

Karajan lud allsommers Musiker des Orchesters für eine Woche zum Urlaub nach St. Moritz ein, um dort - er selbst am Cembalo - nachmittags in kleiner Besetzung Barockmusik zu spielen. Zunächst zum Spaß. Dann begann die Deutsche Grammophon mitzuschneiden. Eine der ersten Aufnahmen ist eine luzide Interpretation der Vivaldischen „Vier Jahreszeiten“ mit dem ersten Konzertmeister Michel Schwalbé als Solisten. Es folgten Bachs Brandenburgische Konzerte sowie einige seiner Orchestersuiten, wobei die dritte Suite D-Dur BWV 1068, schlank und durchsichtig gelungen, von der strengen britischen Kritik mit Lob und Plattenpreisen bedacht wurde.

Nach und nach tauchten fast alle Mitglieder des Berliner Philharmonischen Orchesters in St. Moritz auf, nach einem „eifersüchtig eingehaltenen Rotationssystem“, wie sich Richard Osborne in seiner Karajanbiographie erinnert. Morgens ging es in die Berge. Am Nachmittag widmete man sich gemeinsam den alten Meistern. Und nach dem Abendessen traf man sich zum Kegeln, wobei Karajans spröder Sekretär Michel Glotz, bekanntlich unsportlich, einmal alle Neune mit einer Kugel traf, was Karajan so „außer Fassung“ gebracht haben soll, dass er vor Lachen umkippte. Später, schreibt Osborne, als die „Beziehungen zwischen Dirigent und Orchester belastet waren, blickten ältere Musiker mit Wehmut auf die heitere Kameraderie jener Sommertage in Sankt Moritz zurück“.

Jedes Detail ist zu hören

Zunächst fanden die Musiksessions in einem Hotelsaal in „St-Moritz-Dorf“ statt, aber schon bald zog Karajan um in die kleine weiße Kirche der französischen Reformierten, erbaut im Jahr 1877. Diese „Èglise du Bois“ mit ihrem hölzernen Innenleben hat eine überwältigende Akustik. Über dem Dielenfußboden schwebt die rustikale, tief heruntergezogene Deckenkonstruktion aus Holz, und dazu windet sich eine übermannshohe hölzerne Täfelung ringsherum, mit Worten aus dem Neuen Testament als einzigem Schmuck. Nichts kann hier ablenken vom Wesentlichen: „Tout est possible à la foi, Marc. IX,23“ steht da zu lesen - „Alles ist möglich dem Glauben“.

Warm und rund wie eine alte Gambe klingt diese Kirche, dabei ist die Akustik ungnädig direkt, trocken, ja, durchsichtig: jedes Detail ist zu hören. Für die Zuhörer ein Abenteuer, für die Musiker eine Herausforderung. An diesem Ort lässt sich nichts vertuschen. Jedes Zuviel an Pedal beim Pianisten, jedes Zuwenig an Klanggebung im Pianissimo beim Klarinettisten, jeder noch so winzige Makel teilt sich den Ohren sofort mit. Und zugleich schweben die Klänge, und sie mischen sich perfekt.

Fackeln im Schnee

Die „Èglise du Bois“ liegt am Rand des Tals, halbhoch am Hang in „St-Moritz-Bad“, jenem Stadtteil, der zwar bis heute in dem Ruf steht, nicht ganz so mondän zu sein wie das „Dorf“. Doch die Preise sind hier wie überall zur Wintersaison besonders gepfeffert, und tagsüber wimmelt es auch auf dieser Seite des Sees von neureichen Russen-Ladies, die ihre in kostbare Wollstoffe gewandete Rassehunde übers Eis spazierenführen. Nachts leuchten dann Fackeln auf dem Weg durch den Schnee und führen hinauf in Karajans Kirche, in der an den letzten Tagen des Jahres nun schon zum dritten Mal in Folge das „BIS-Winterfestival“ stattfand. Die Schweizer Privatbank BIS hat dieses Mini-Musikfest ins Leben gerufen, das nur aus drei Konzerten besteht und nur einen einzigen Künstler fördernd herausstellt: den französischen Geiger Renaud Capuçon.

Schon vor acht Jahren, als er dank der Plattenfirma Virgin zusammen mit seinem Bruder, dem Cellisten Gautier Capuçon, ins internationale Geschäft vorstieß, war Capuçon ein technisch bemerkenswerter Virtuose. Seine Gabe, kammermusikalische Ad-Hoc-Verbindungen in Perfektion zusammenzuschmieden, hat er schon verschiedentlich bewiesen, etwa beim Progetto Argerich oder auch beim Jerusalem Chamber Music Festival. Seit neuestem spielt Capuçon nun auf einer Geige, die die Firma BIS eigens für ihn erworben hat: die legendäre „Panetta“, eine Guarneri del Jesú aus dem Jahr 1737, die früher Isaac Stern gehört hatte.

Ein kammermusikalisches Klangideal

Vielleicht ist es diese unbezahlbar schöne Geige, vielleicht Karajans Kirche, vielleicht aber auch nur der Umstand, dass Capuçon wieder etwas älter geworden ist. Jedenfalls hat sich zur Virtuosität eine Reife des Tons gesellt, in der eine ganze Regenbogenpalette an Farben leuchtet. Und zur geigerischen Perfektion, zu der traumwandlerischen Sicherheit der Capuçon-Brüder im Zusammenspiel ist ein tiefes Verständnis der musikalischen Strukturverläufe hinzugewonnen worden. Für den Weltschmerz in der im ersten Weltkrieg entstandenen Violinsonate von Claude Debussy, in der die Sonatenform allenfalls noch als ein Schemen durchscheint, findet Renaud Capuçon einen leisen, herben Ton. Rauh, aber ausdrucksstark zelebriert sein Bruder Gautier die zugehörige Cellosonate.

Am Klavier begleitet die beiden der Pianist Michel Dalberto, der Klarinettist Paul Meyer ergänzt den Abend mit Debussys erster Rhapsodie. Zum unbestrittenen Höhepunkt aber wird die Darbietung des Klavierquartetts f-moll von César Franck, bei dem das neu gebildete Capuçon-Quartett symbiotisch seine Schwingen regt: mit Aki Saulière an der zweiten Violine und Béatrice Muthelet, Bratsche. Von diesem jungen Streichquartett ist noch viel zu erwarten.

Karajans Beispiel folgend, hat sich Renaud Capuçon befreundete Musiker eingeladen, mit denen er tagsüber in die Berge gehen kann. Sein Programm verfolgt auch nur eine einzige Strategie: dass das Miteinandermusizieren Spaß machen soll. Davon profitieren die privilegierten Zuhörenden. Die Akustik der Kirche tut das Ihre hinzu. Sie ist, heute wie damals, der richtige Ort, um an einem kammermusikalischen Klangideal zu bauen.



Text: F.A.Z., 02.01.2008, Nr. 1 / Seite 31
Bildmaterial: AP, BSI Winter Festival, dpa

 
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