Von Rainer Hermann, Istanbul
18. Dezember 2007 Fazil Say, der mit den Großen der Welt konzertiert hat und selbst einer der Großen geworden ist, will sein Heimatland Türkei verlassen. Das hatte er bereits 1987 getan, damals als Siebzehnjähriger. In Düsseldorf und Berlin wurde der extrovertierte Junge aus Ankara zum Konzertpianisten ausgebildet, von New York aus eroberte er die Konzertsäle der Welt. 2003 kehrte er als Star in die Türkei zurück: um seinen Wehrdienst zu leisten und um mit einer beispiellosen Tournee (Ein Virtuose auf türkischen Straßen) Klassik in anatolische Provinzstädte zu bringen. Die EU zeichnete ihn als Botschafter für den Dialog zwischen den Kulturen aus.
Und dann dieses Gespräch. Zusammen mit dem Violinisten Renaud Capu- çon und einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung saß er im Café des Louvre und sagte: Weißt du, unsere Träume wurden ein bisschen getötet in der Türkei. Die Frauen aller Minister tragen Kopftücher, die Islamisten haben ohnehin schon gewonnen, wir sind dreißig Prozent, die sind siebzig. Ich denke darüber nach, woanders hinzuziehen. Bereits das schlug zu Hause wie eine Bombe ein. Um alle Zweifel zu beseitigen, legte Say eine schriftliche Erklärung nach. Er sei dagegen, dass die Türkei in das Dunkel des Mittelalters abgleite. Sollten eines Tages die Kräfte der Dunkelheit das Existenzrecht für unsere Republik und unsere nationalen Werte nicht anerkennen, werden wir nicht jene sein, die sich ergeben. Das war kein Klavierton mehr. Das war ein Paukenschlag.
Die weißen und die schwarzen Türken
Künstler sind die Sensoren einer Gesellschaft. Fazil Say ist nicht der einzige türkische Künstler und Intellektuelle, der seinen bisherigen Lebensstil in Gefahr sieht. Was der Pianist und Komponist, der zwischen Bosporus und der Seine pendelt, ausspricht, sagt in Deutschland auch Necla Kelek. Fazil Say stammt aus einer bekannten Intellektuellenfamilie, sein Vater Ahmet Say lehrt in Ankara Musikwissenschaft. Die Says gehören damit zu jenen weißen Türken, die sich seit der Regierungsübernahme von Erdogans AKP, der politischen Repräsentantin der schwarzen Türken Anatoliens, im eigenen Land in der Minderheit sehen und besiegt.
Andere bekannte Gesichter der Türkei verließen ebenfalls ihr Land, wenn auch nur vorübergehend und aus anderem Grund. Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk suchte in New York Zuflucht vor den nationalistischen Eiferern, und Arat Dink will nicht, dass ihm dasselbe Schicksal widerfährt wie seinem Vater Hrant Dink, dem armenisch-türkischen Intellektuellen, der auf offener Straße ermordet wurde. Arat Dink hat sich deshalb in Brüssel niedergelassen. Er und Pamuk fürchten den nationalistischen Pöbel, Say hingegen misstraut der Regierung Erdogan. Aus Ankara rief Ahmet Say seinem Sohn daher am Wochenende zu: Gehe nicht fort, kämpfe stattdessen! Auch der stellvertretende Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (CHP), Kemal Kiliçdaroglu, posaunte prompt, nicht flüchten sei die Lösung, sondern kämpfen.
Scharia und Mini-Bikinis
In der Türkei hat sich das Machtgleichgewicht verschoben. Das Land ist ein anderes geworden. Mit der Parlamentswahl vom 22. Juli und der Wahl vom Abdullah Gül zum Staatspräsidenten ist die erste Republik der Türkei zu Ende gegangen, die Epoche des Kemalismus also. Was an ihre Stelle treten wird, zeichnet sich noch nicht klar ab. Eine Demokratie nach westlichem Maßstab mit einer toleranten pluralistischen Gesellschaft aber wird es so schnell nicht sein. Der liberale Kommunikationsprofessor Haluk Sahin, kulturpessimistischer Kolumnist der Zeitung Radikal, erwartet eher einen postmodernen Brei mit viel Konsumkultur und etwas Islam und etwas Demokratie, eine Ordnung, die allen einen Platz bietet: den Predigern der Scharia wie den Trägerinnen von Mini-Bikinis. Die aber keinen Platz haben soll für Fazil Say?
Staatspräsident Gül will das einfach nicht glauben. So etwas gehe doch nicht, dass einer wie Fazil Say seinem Land den Rücken kehre, sagte er während eines Staatsbesuchs im fernen Kasachstan. Sein Pressechef Ahmet Sever widersprach Says Behauptung, er sei von der Gästeliste des Staatspräsidenten gestrichen worden. Say sei am 7. September zur Einführung Güls geladen gewesen, aber leider nicht erschienen, bedauerte Sever. Und der Kulturminister Ertugrul Günay, ein bekennender Sozialdemokrat, sagte, traurig stimme ihn, dass sich Say von seiner Gesellschaft so weit entfremdet habe.
Der AKP-Chef ist nicht traurig
Aus dem Kanon der politischen Korrektheit scherte nur der stellvertretende AKP-Vorsitzende Dengir Mir Mehmet Firat aus. Kühl teilte er mit, es natürlich zu respektieren, wenn jemand in einem anderen Land leben wolle. Aber er könne nicht behaupten, dass er deswegen traurig sei. Fazil Say solle nur ja nicht glauben, er sei so viel wert wie fünf andere Türken. Diese Nonchalance brachte den Chefkolumnisten des Massenblatts Hürriyet, Oktay Eksi, in Rage. Da sehe man nun endlich, mit welcher Mentalität von Hornochsenhirten die Türkei verwaltet werde, wetterte Eksi. So werde man den Star gewiss nicht halten können.
Zwar stellte sich mit Eksi einer der wichtigsten türkischen Meinungsführer an Says Seite. Dennoch löste das virtuose Furioso des Pianisten weniger Beifallsstürme aus als erwartet. Die scharfzüngige Perihan Magden fragte sich in Radikal, von welchen gestorbenen Träumen Say denn gesprochen haben könne, und kam zum Ergebnis, die Ideologie der kemalistischen Elite sei doch mittlerweile in ein Koma gefallen. Anders als Say beunruhigten sie nicht die Kopftücher der Ministerfrauen, sondern die Meinungen einiger Minister. Konkret nannte sie Cemil Çiçek, der sich gegen die Reform des Meinungsknebelungsparagraphen 301 sperrt.
Kein Vertrauen in die Justiz
Selbst von seinen Pianistenkollegen erhielt Say wenig Flankenschutz. Die Zwillingsschwestern Güher und Süher Pekinel, entdeckt von keinem Geringeren als Herbert von Karajan, fordern von Say Respekt vor der Demokratie und ihren Wahlergebnissen. Natürlich müsse jeder das Recht haben zu leben, wie er wolle. Das größte Problem der Türkei sei indes, dass es bisher kein Vertrauen in die Justiz gegeben habe und dass die Gerichte die Rechte des Einzelnen und die Menschenrechte einfach übergehen könnten, belehrten sie den jungen Haudegen.
Burçin Büke, vier Jahre jünger als Say und ebenfalls Pianist, erinnert seinen Kollegen daran, dass jene, die er kritisiert, aus demokratischen Wahlen als Sieger hervorgegangen seien. Tuluyhan Ugurlu, fünf Jahre jünger als Say, sieht die Türkei weiter als einen Ort, in dem die Koexistenz unterschiedlicher Meinungen gewährleistet sei.
Harte Schelte
Am schärfsten aber liest der Modemacher Cemil Ipekçi dem Musiker Fazil Say die Leviten. Say verhalte sich wie jene 40.000 Türken, die glaubten, die Türkei bestehe nur aus Nisantasi, polemisierte Ipekçi. Diese Realität nähmen die anderen 65 Millionen Türken gar nicht zur Kenntnis. Die Schelte trifft hart. In dem feinen Stadtteil Nisantasi war auch Orhan Pamuk aufgewachsen. Zu den eindrucksvollsten Kapiteln seiner Jugenderinnerungen Istanbul gehören jene Passagen, in denen er ohne Sympathie die Arroganz und Abgehobenheit der wohlhabenden Herrschaften von Nisantasi schildert, die sich für die bessere Gesellschaft gehalten haben und sich noch immer dafür halten.
Die Türkei marschiere aber nicht länger nach dem Willen dieser kleinen auserlesenen Minderheit, belehrt Ipekçi seinen jüngeren Landsmann weiter. Das Aufbegehren Says wischt er als das letzte Gejammere der Dinosaurier beiseite. Früher hätten sie mit dem Ruf Der Kommunismus kommt Furcht verbreitet, heute solle der Kampfruf Wir werden Iran Angst einjagen. Weder akzeptiert der für seine bunten Farben bekannte Modeschöpfer Says Kritik am Kopftuch noch an der Regierung Erdogan. Wäre der nicht ein Mann, sondern eine Frau, würde er als Protest wohl auch ein Kopftuch tragen. Denn neben der kemalistischen Türkei habe sich ja nur das maoistische China eine Kleiderordnung verschrieben. Und dann habe die Regierung von Erdogan in nur fünf Jahren aus einem Katastrophenland einen Rosengarten gemacht, sagt Ipekçi verzückt. Für Say aber blüht dieser Rosengarten im dunklen Mittelalter.
Text: F.A.Z., 18.12.2007, Nr. 294 / Seite 33
Bildmaterial: Cinetext/Marco
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