18. Dezember 2005 Wenn das wahr ist, dann hat das unentwegt mißbrauchte Wort vom Sensationsfund endlich einmal seine Berechtigung: In Guatemala entdeckte der Archäologe William Saturno ein Fresko der Mayas, das etwa einhundert vor Christus entstanden sein soll und damit siebenhundert Jahre älter wäre als die bisher bekannten Wandgemälde dieser Kultur.
Sicher ist der Fundort: die Pyramide eines Gräberfelds nahe dem heutigen San Bartolo. Doch woher Saturno die Sicherheit seiner Datierung nimmt, werden ausführliche Dokumentationen und wissenschaftliche Analysen erweisen müssen.
Eine üppige, floral-arabeske Malweise
Vorerst schaut man verblüfft auf ein vorzüglich erhaltenes, starkfarbenes Wandbild, dessen Stil und Qualität an jene Maya-Fresken erinnern, die bisher als Höhepunkt dieser Kunst galten: die Gemälde von Bonampak im heutigen Mexiko. Zwischen 662 und 830 entstanden, zeigen sie in vergleichbar farbsprühenden, jedoch streng linearen Darstellungen Opferungen, Prozessionen und Kampfszenen. Das Wandgmälde in Guatemala dagegen zeigt eine üppige, floral-arabeske Malweise, die in einzelnen Partien Jugendstil assoziieren läßt.
Sein Inhalt konnte rasch entziffert werden: Gezeigt ist die Schöpfungsgeschichte der Mayas, laut derer der Sohn des Maisgottes (Mais war das Grundnahrungsmittel der Mayas) in vier Erscheinungsweisen Erde, Wasser, Luft und ein Paradies entstehen läßt. Flora und Fauna, menschliche Gestalt und die Räume sind von fesselnder Perfektion. Treffen Saturnos Mutmaßungen zu, ist der Welt tatsächlich ein unerhört kostbares Erbe wiedergeschenkt.
Text: bat., F.A.Z., 19.12.2005, Nr. 295 / Seite 34
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