Pferdeflüstern

Weg mit der Dienstheeresvorschrift Numero 12

Von Annette Zerpner

Andrea Kutsch mit einem ihrer Vertrauten

Andrea Kutsch mit einem ihrer Vertrauten

13. August 2007 Ein kräftiger Weißer mit schwarzem Flecken und ein Brauner mit einem hübschen schmalen Kopf sind das Begrüßungskomitee für die Gäste. Der Braune vertritt sich auf der weiß eingezäunten Koppel neben der Auffahrt zur „Andrea Kutsch Akademie“ ein wenig die Beine und rupft dabei gemächlich am Gras. Sein Kollege mit dem Dalmatinermuster schnaubt plötzlich laut und lässt sich auf die Seite fallen - der Auftakt zu einer kleinen Wälzorgie.

Ob das aber tatsächlich „O Wonne, ein Pferd zu sein“ heißt, sollte man besser Andrea Kutsch fragen, denn die gemeinsame Geschichte von Mensch und Pferd ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Die Deutsche, seit ihrer Kindheit begeisterte Reiterin und Pferdekennerin, hat sich mehrere Jahre in Amerika von Monty Roberts ausbilden lassen, dem weltberühmten Pferdeflüsterer und Vorbild für den gleichnamigen Film mit Robert Redford.

Kompetentes Leittier

Seit vergangenem Jahr leitet sie ihre eigene Akademie in Bad Saarow, siebzig Kilometer südöstlich von Berlin, mitten in der brandenburgischen Pampa. Dort kann man nun drei Jahre lang studieren, wie Pferde über ihre natürlichen Instinkte gewaltlos zum Reittier erzogen werden können. Herzstück des Prozesses ist das sogenannte Join-up, die Annäherung im Round Pen, einer holzumzäunten kleinen Manege. Darin wird dem Herdentier Pferd ausschließlich per Körpersprache beigebracht, dass keine Gefahr droht und man selbst ein kompetentes Leittier ist. Weil der Mensch aber eigentlich wie eine Mischung aus Raubtier und langsam reagierendem Alien wirkt, ist er von Natur aus alles andere als erste Wahl für diese Position. Neben Begeisterung werden von Studierenden deshalb Geduld, körperliche Fitness und die Bereitschaft gefordert, sich vollkommen auf diese Aufgabe einzulassen.

„Hier gibt's nichts außer Pferden“, lacht Andrea Kutsch, während sie ihren Mac auf die Power-Point-Präsentation vorbereitet. Also keine Kneipen, keine Geschäfte, kaum Jungs (wir sind in Pferdeland), keine Wohnheimpartys; aber dafür Aufstehen um halb sechs, mehrere Stunden die Ställe in Schuss halten, die Pferde versorgen und dann den Rest des Tages über studieren? Genau, und davor noch eine Bewährungszeit zwischen vier und zwölf Monaten absolvieren, in der man als „Intern“ zeigen muss, dass es einem ernst ist mit dem Pferdeflüstern. Dann erst hat man gute Aussichten auf einen Studienplatz, und den wollen ja viele. Auf jeden der vierzig Plätze im ersten Jahrgang kamen hundert Bewerbungen, fast ausschließlich von jungen Frauen. Inzwischen sind noch zwanzig übrig - ein unumgänglicher Lernprozess auf beiden Seiten, versichert Andrea Kutsch. Schließlich müsse man selbst erst herausfinden, welches Profil die Studenten brauchten, um zur Akademie zu passen.

Pferdemädchen mit ihren Müttern

Auch an diesem Besuchertag sind es vor allem Pferdemädchen mit ihren Müttern, die sich über den Studiengang „Pferdekommunikationswissenschaft“ informieren. Es herrscht Aufbruchsstimmung, alles ist nagelneu, an den Wänden hängen geschmackvoll bearbeitete Fototransparente, die Andrea Kutsch mit ihrem Lehrer Monty Roberts zeigen. An repräsentativen, funktionalen neuen Gebäuden wird ebenso gearbeitet wie an der staatlichen Anerkennung des Bachelor-Studiengangs.

Andrea Kutsch, die bei einer großen Hamburger Werbeagentur gearbeitet hat, hat nicht nur eine Mission, sie vermittelt sie auch bestens und sehr selbstbewusst: „Wir möchten die Welt als einen besseren Ort für Pferde und Menschen verlassen, als wir ihn vorgefunden haben“, heißt es auf ihrer Homepage. Im hellblauen aufgekrempelten Hemd, in Levis und Boots sitzt sie lässig auf dem Pult im Hörsaal. Blonder Pferdeschwanz, sonnenverbranntes Gesicht, lange Beine und sehnige schlanke Unterarme - alles an ihr strahlt Geradlinigkeit, Kraft und die Fähigkeit zum Zupacken aus. Die abgegriffene Formulierung „eine zum Pferdestehlen“ kommt einem in den Sinn, als sie amüsiert erzählt, dass das alte Gutshaus nebenan wegen einer Schaumparty der Studentinnen nun grundsaniert werden müsse und nicht mehr als Wohnheim dienen könne. Ob sie das damals wirklich lustig fand, ist fraglich. Wenn ihr etwas nicht passt, nimmt sie jedenfalls kein Blatt vor den Mund. Es gilt schließlich, Verantwortung für Lebewesen zu übernehmen und ein Unternehmen am Laufen zu halten. Das erfordert bereits von den angehenden Pferdeflüsterern ein hohes Maß an Reife und Zuverlässigkeit.

Das Pferd, ein Spiegel des Menschen

Wer die Zeit an der Akademie als Auszeit zur Selbsterkundung nutzen will, ist hier jedenfalls verkehrt. Eine ätherisch wirkende Enddreißigerin aus Unterfranken ist nicht ganz einverstanden mit der pragmatischen Linie von Frau Kutsch, die die Erfahrung gemacht hat, dass das Studium an der Akademie wohl vor allem für Leute zwischen zwanzig und dreißig geeignet ist: „Das hier fühlt sich für mich aber ganz richtig an.“ Das Pferd sei ein Spiegel des Menschen, versichert sie nachdrücklich; aber wie sie das Studieren mit ihren zwei Kindern in Einklang bringen würde, weiß sie nicht und bringt außer ihrer Faszination sonst nicht viele Voraussetzungen mit.

Andere gehen handfester an die Sache heran. „Das muss alles so streng sein, sonst funktioniert's nicht“, sagt Clara auf dem Weg zu den Stallungen und schwärmt von den Bedingungen an der Akademie: Solche tollen Round Pens sehe man anderswo nicht. Sie ist mit ihrer Mutter aus Leipzig angereist; Frau Kutschs Beschreibung dessen, was auf Praktikanten und Studenten im Alltag zukommt, hat sie offenbar nicht abgeschreckt. Die Achtzehnjährige ist in ihrer Freizeit sowieso ständig im Stall und mag an der Arbeit mit Pferden, dass „so klar ist, was man machen muss“. Ihre Mutter fragt nach den Berufsaussichten. Hier kann Andrea Kutsch beruhigen: Der Bedarf an rundum gut ausgebildeten Pferdeleuten sei riesig; ständig erhalte man Anfragen von Gestüten, Reitschulen und anderen Institutionen.

Problempferde kommen auch

Die Akademie kooperiert unter anderem mit Paul Schockemöhles Gestüt, so dass die Studenten Erfahrungen mit Spitzenpferden machen können. Irgendwann sollen einhundert Pferde in den Ställen der Akademie stehen. „Problempferde kommen natürlich auch“, ergänzt Andrea Kutsch schnell. Das sind Pferde, denen das Vertrauen in den Menschen erst mühsam zurückgegeben werden muss. Auch deswegen warnt sie vor falschen Erwartungen an die Ausbildung: „Wer sagt, ich will mit Pferden reden, weil ich nicht gerne mit Menschen rede, ist hier nicht am richtigen Platz.“

Jedes Pferd hat mindestens einen Besitzer, und wer einmal selbst einen Betrieb führen will, ist erst recht auf ein Team angewiesen. Ganz zu schweigen davon, dass sich die jungen Pferdeflüsterer mit ihrer Vorstellung von Gewaltfreiheit in einer Welt durchsetzen müssen, in der immer noch die militärische Tradition der Dienstheeresvorschrift Nr. 12 das Maß der Dinge ist und der Besen das Hauptwerkzeug, um ein Pferd in einen Anhänger zu verfrachten. Die Absolventen der Akademie werden also Pioniere auf der ganzen Linie sein.

Wir sind kein Showladen

Während um das Round Pen ein heftiger Landregen niederrauscht, führt Studentin Doro ein Pferd durch die Gasse heran, das die „Macke“ hat, scheinbar unmotiviert mit den Hinterbeinen auszuschlagen. Kunststückchen werden keine vorgeführt („Wir sind eine Hochschule, kein Showladen!“); aber was man nun zu sehen bekommt, ist in seiner Schlichtheit beeindruckender als jede Zirkusvorstellung: Andrea Kutsch bewegt sich mit großer Gewandtheit vor und neben dem Tier, das augenblicklich auf alles reagiert, was an Signalen von ihr ausgeht.

Herkommen, fliehen, wieder herkommen - all das ist eine Frage von Handhaltung, Körperstellung zum Tier und Augenkontakt oder dessen Vermeidung. Sie nutzt die natürlichen nonverbalen Kommunikationsmittel, die jeder Herde in der Wildnis das Überleben sichern. „Wir müssen vorhersehbar sein, das ist das Wichtigste; nur so lernt das Pferd. Wenn wir das sind, funktioniert das ,Sprechen' aber jedes Mal, mit jedem Pferd.“ Allerdings nur, wenn man das komplizierte Geschäft der Pferdekommunikation wirklich beherrscht, und das lernt man nicht auf einem Wochenendseminar, wie manche glauben.

Schließlich steht das dunkle Pferd bewegungslos, aber entspannt dicht bei ihr: „Diese Ruhe ist das Magische - das ist die wahre Natur die Pferdes.“ Nach vier Stunden steht man wieder vor den Toren von Pferdeland. Eine Siebzehnjährige aus Süddeutschland, die bei der Ankunft bereits vorsichtig nachgesehen hat, wann der Bus zurück nach Bad Saarow fährt, kehrt begeistert, aber auch ernüchtert zu ihrem Begleiter zurück, einem blassen langhaarigen Jungen, der sich in seiner tiefschwarzen Gruftikluft als urbaner Strich von der grünen Ländlichkeit abhebt: „Und, wie war's?“, fragt er. „Hier bist du nie fertig mit der Arbeit, das ist dann dein Leben“, seufzt sie matt. Diesen Eindruck hat man selbst auch gewonnen. Und außerdem gelernt, dass bei Pferdeflüsterern eben nicht geflüstert wird. Für Pferde ist und bleibt menschliches Sprechen nichts weiter als unverständlicher Lippenlärm.

Text: F.A.Z., 13.08.2007, Nr. 186 / Seite 40
Bildmaterial: Matthias Lüdecke

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