Ausstellung „Die 68er“

Sprengstoff im Fluggepäck

Von Hans Riebsamen

05. Juli 2008 Rudi Dutschke – ein Bombenleger? Nein, der Studentenführer hat kein Attentat verübt und niemanden verletzt oder getötet. Aber Dutschke hat einen Sprengstoffanschlag geplant: Er wollte einen Mast des amerikanischen Senders AFN in Saarbrücken in einer „exemplarischen Aktion“ in die Luft sprengen. Sein Mitstreiter war Bahman Nirumand, jener Exilperser, der mit seinem Buch „Persien. Modell eines Entwicklungslandes“ maßgeblich die Studentenbewegung und die Demonstration gegen den Schah-Besuch am 2. Juni 1967 beeinflusst hat.

Woher Dutschke und Nirumand die Bombe für den geplanten Anschlag bekommen haben, ist bis heute nicht geklärt. Die Spur führt zu Peter Urbach, jenem dubiosen Mitarbeiter des Berliner Verfassungsschutzes, der offenbar als ein Agent provocateur Militante mit Molotow-Cocktails, Sprengstoff und Waffen versorgt hatte. Jedenfalls hatten sich Dutschke und Nirumand Sprengstoff besorgen können – der musste nun, es war Anfang März 1968, von Berlin nach Saarbrücken geschafft werden.

Mit dem Bombenkoffer durch die Gepäckabfertigung

Der Weg führte über Frankfurt. Dorthin hatten Dutschke und Nirumand einen Flug gebucht. Die Bombe packten sie einfach in einen Koffer und gaben diesen bei der Gepäckabfertigung ab. Kontrollen gab es in jenen Jahren nicht, Passagiere und Gepäck wurden nicht wie heute untersucht und durchleuchtet. „Pistolen, Maschinengewehre, Sprengstoff wurden im Reisegepäck von und nach Berlin geflogen“, berichtet der Schriftsteller Peter Schneider in seinem Buch „Rebellion und Wahn. Mein 68“.

In Frankfurt angekommen, holten Dutschke und Nirumand den Koffer ab und gingen damit in die Schalterhalle, um sich dort einen Leihwagen zu mieten, mit dem sie nach Saarbrücken fahren wollten. Auf dem Weg zum Schalter wurden sie von zwei Polizisten aufgehalten, die sie höflich aufs Flughafenrevier baten. Ebenso höflich schlug nach Angaben Schneiders Nirumand vor, den lästigen Koffer einstweilen in einem Schließfach zurückzulassen. Auf dem Revier mussten die beiden Möchtegern-Attentäter ihre Personalien angeben, danach wurde ihnen eröffnet, dass sie auf das Polizeipräsidium mitzukommen hätten.

Dort, an der Friedrich-Ebert-Anlage, wurden Dutschke und Nirumand schon von aufgebrachten Genossen erwartet, die lauthals ihre Freilassung verlangten. Denn Nirumand hatte noch vom Flughafenrevier aus einen Frankfurter Mitstreiter anrufen können, der die Nachricht von der Festnahme in Windeseile in der radikalen Studentenszene verbreitet hatte. Weil nichts gegen Dutschke und Nirumand vorlag, wurde die beiden bald wieder freigelassen. Dutschke hielt noch eine spontane Rede vor den Demonstranten, danach begaben er und Nirumand sich wieder zum Flughafen und holten seelenruhig den Sprengstoffkoffer aus dem Schließfach.

„Gewalt gegen Sachen“

Mit einem Mietwagen und der Bombe im Kofferraum fuhren sie nach Saarbrücken zum einzigen Genossen, den sie dort kannten: zu dem Sänger Franz Josef Degenhardt. Diesen hatten sie zuvor telefonisch über ihr Kommen informiert, nicht aber über ihre Attentatspläne. Als Degenhardt von der Bombe erfuhr und von dem Plan, einen Mast des amerikanischen Soldatensenders zu sprengen, wurde er todbleich und weigerte sich, ihnen in irgendeiner Form zu helfen.

Zum AFN-Mast sind Dutschke und Nirumand nie gelangt. Unverrichteter Dinge kehrten sie nach Frankfurt zurück und flogen von dort aus mit dem Bombenkoffer wiederum unkontrolliert nach Berlin. Wo der Sprengstoff geblieben ist, sagen weder Schneider noch Nirumand, auf dessen Schilderung des misslungenen Attentats in seinem Buch „Leben mit den Deutschen. Briefe an Leila“ sich Schneider und auch der Historiker Wolfgang Kraushaar in seinem Aufsatz „Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf“ stützen.

Die Episode, so kurios sie im Nachhinein anmutet, belegt, dass der Studentenführer Dutschke alles andere als eine pazifistische Seele war, dass er vielmehr mit Gewalt als politischem Mittel liebäugelte. Den geplanten Anschlag auf den AFN-Mast subsumierte er unter „Gewalt gegen Sachen“, die er für legitim hielt im Gegensatz zu „Gewalt gegen Menschen“.

Stadtguerilla für den Klassenkampf

Doch Dutschke ist zumindest in seiner Theorie auch über die Idee einer „nur“ symbolischen Gewalt hinausgegangen. Bei einer SDS-Delegiertenkonferenz im September 1967 in Frankfurt hat er zusammen mit dem Frankfurter Studentenführer Hans-Jürgen Krahl öffentlich ein Konzept für den Kampf mit Waffen vorgelegt. In ihrem berüchtigten „Organisationsreferat“ heißt es in der damals üblichen verquasten Sprache: „Die Propaganda der Schüsse (Ché) in der ,Dritten Welt‘ muss durch die ,Propaganda der Tat‘ in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerilla-Tätigkeiten geschichtlich möglich macht.“

Mit anderen Worten: Dutschke schwebte eine Stadtguerilla in den großen Städten des Westens vor. Gewiss hat sich der Studentenführer vom Terrorismus der RAF distanziert, in den Untergrund gehen wie Baader oder Meinhof wollte er nicht. Doch Gewalt im Klassenkampf hat er, der Marxist, offensichtlich für unumgänglich und auch für wünschenswert gehalten.

Noch bis zum 31. August ist im Historischen Museum Frankfurt die Ausstellung „Die 68er. Kurzer Sommer - lange Wirkung“ zu sehen. Das Museum, Saalgasse 19, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und mittwochs von 10 bis 21 Uhr geöffnet.



Text: F.A.Z.

 
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