Filmfestspiele Venedig

Wir lagen vor Manhattan

Von Dirk Schümer, Venedig

Für Hanks ist im “Terminal“ Endstation

Für Hanks ist im "Terminal" Endstation

02. September 2004 Sechzig beinahe lebensgroße Goldlöwen vor der Front des Filmpalastes am Lido müssen gleich zu Beginn des Festivals dem Sturm und dem Regen standhalten, der von der Adria auf die Könige der Savanne herüberpeitscht. Das Kino ist eben alles andere als ein gemütlicher Ort. Nicht zufällig besteht der venezianische Ehrenpreis in einer Raubkatze.

Steven Spielberg, von Hause aus eher Hai- und Saurierexperte, eröffnet die Festspiele mit derselben Botschaft: Unser nomadisches und scheinbar geordnetes Dasein zwischen Ländern und Metropolen, zwischen Urlaub und Dienstfahrt, Transitlounge und Hotel wird schnell sehr unbehaust, wenn die große Reise einmal ins Stocken kommt.

Einrichten in der „Tourist Lounge“

In "The Terminal" gerät der Osteuropäer Viktor Navorsky in die Fänge der amerikanischen Einwanderungsbehörden. Weil ein Umsturz seinen leider gar nicht so fiktiven Kaukasus-Staat Krakozia über Nacht ins Chaos gestürzt hat, sind Viktors Papiere ungültig geworden, und zwar sowohl für die Ein- wie für die Rückreise. Der anfangs komplett hilflose Tourist - "Bürger von nirgendwo" - muß sich fortan in der "International Tourist Lounge" des New Yorker Kennedy-Flughafens einrichten. Der unerbittliche Sicherheitschef Dixon hat ihm das Motto vorgegeben: "America is closed."

Doch der cineastische Frontalangriff auf die amerikanische Paranoia ist - anders als bei Michael Moore - nicht Spielbergs Thema, oder doch erst einmal nur am Rande. An der wahren Geschichte des verwirrten Iraners Karim Nasseri Mehran, der seit sechzehn Jahren im Terminal 1 des Pariser Flughafens in Roissy kampiert, hat den Erfolgsregisseur wohl vor allem die anthropologische Versuchsanordnung gereizt: Wie setzt sich der Reflex zum Nestbau auch am zugigsten Ort des Planeten durch? Ähnlich einem guten Wilden im rousseauschen Inselroman stolpert der unakzeptable Ankömmling, stets beobachtet von den Überwachungskameras der Polizei, in die Wüste unserer Zivilisation.

Leben im Transit

Viktor Navorsky erobert seinen neuen Lebensraum mit der Agilität eines Menschen, der es gewohnt ist, seinen Alltag zu erfinden. Die ersten Dollar für Cheeseburger verdient er mit dem Einsammeln von Gepäckwagen, später heuert er als talentierter Schwarzarbeiter bei einer Baufirma an und verdient dabei mehr als sein verbeamteter Widersacher im Überwachungsraum.

Spielberg hakt die tragikomischen Episoden dieses Lebens im Transit ab: den ersten Bettenbau aus demontierten Sitzmöbeln; Navorsky, der sich aus CNN und Reiseführern Englisch beibringt und stoisch im Bademantel zur Körperpflege im Toilettenbereich marschiert; das Reinigungspersonal, das nachts bei Aeroflot-Kaviar und Alitalia-Chianti um Fundstücke pokert - Hauptpreis ein Damenslip aus der Luxusklasse von Virgin Air.

Lupenreines Kammerspiel

Aber gerade solch beiläufige Beobachtungen vertragen sich nicht mit der brachialen Kinoästhetik des Manipulators. Spielberg hat sich diesmal keinen Krieg, keine Monsterwelt, kein Actionspektakel für Halbwüchsige, sondern ein lupenreines Kammerspiel ohne technisches Brimborium zur Aufgabe gemacht. Dafür müßte er mit langen Einstellungen bei Navorskys Überlebenskampf verweilen, müßte die quälend lange und leere Zeit dehnen und fühlbar machen, anstatt mit schnellen Schnitten seine Story voranzutreiben - etwa die Halbromanze mit der mannstollen Stewardess Amelia, die Catherine Zeta-Jones mit rührseligem Augenaufreißen hollywoodesk herunterspielt.

So ist "The Terminal" zugleich zu kurz und doch mit über zwei Stunden viel zu lang geraten, weil Spielbergs gewohnte Atemlosigkeit hier auf der Stelle treten muß. Der Flughafen, hat Spielberg geschwärmt, sei der neue Schmelztiegel unserer Weltkultur - eine nicht eben neue These des französischen Ethnologen Marc Augé, der uns mit seinem Werk über die "Nicht-Orte" allesamt als Nomaden der Technik beschrieben hat. Doch gerade die von Spielberg gerühmte Solidarität der Unterwegsmenschen in einer Abfertigungshalle bei Schneesturm ist ihm, dem Gehetzten, nicht einmal fünf Sekunden des filmischen Verweilens wert.

Gegen den Bushismus

Immerhin nimmt der Regisseur dezent, aber unübersehbar Partei im derzeitigen Ringen um die Beschaffenheit der amerikanischen Gesellschaft. Der pedantische Überwacher - von Stanley Tucci als terrierhafter und humorloser Karrierist überzeichnet - trägt am Revers die Sterne und Streifen, die Präsident Bush nach dem 11. September als Anstecker populär machte. Gegen den Bushismus, der Amerika mit Kameras, Waffen und Paragraphen verbarrikadieren will, stellt Spielberg die Illegalen und kleinen Beamten, die Taxifahrer, Saubermacher, Polizisten, die alle gleichermaßen Immigranten sind und die Humanität und Offenheit des amerikanischen Systems besser verkörpern als die herzlose Elite.

Spielbergs Trumpfkarte in diesem aviatorischen Märchen heißt Tom Hanks. Als hieße er Stanislawski und nicht Navorsky, hat sich Hanks in seine Rolle verwandelt und sich die massige Überlebensstatur eines Sowjetmenschen angemästet - ganz unähnlich der degenerierten Bierfaßfettheit vieler Amerikaner. Sein Gang ist breitbeinig und schwer wie der eines Helden der Arbeit, er hat hervorragendes Russisch intonieren gelernt und legt vor allem mit verschmitztem Augenaufschlag, mit jovialer Körpersprache eine große Seele bloß, die seinen saturierten Gegenspielern fehlt - ein chamäleoneskes Meisterstück.

Verteidiger des amerikanischen Traums

Navorsky ist aus seiner kriegsgeplagten Heimat Krakozia (dem Pendant zum Reich Estrovia aus Chaplins sehr verwandtem "König in New York") aufgebrochen, um das letzte Autogramm einer Jazzlegende zu sammeln, das seinem verstorbenen Vater in der Sammlung noch gefehlt hatte. Navorsky senior verteidigte hinter dem Eisernen Vorhang über vergilbten und zerknitterten Fotos von Miles Davis und John Coltrane seinen amerikanischen Traum gegen das Amerika von heute, das sich selbst und der Welt wieder einmal mit einem üblen Erwachen das Leben schwermacht.

Spielberg aber wäre nicht Spielberg, bliebe er nicht seinem Westküstenoptimismus treu, indem er Navorsky die Solidarität seiner Schicksalsgenossen erfahren und schließlich doch noch einreisen läßt. Aber als er sein Autogramm hat, setzt er keinen Fuß mehr nach Manhattan. Ihn beflügelt nur mehr die Sehnsucht, die wir von Novalis ebensogut wie von E.T. kennen: "Nach Hause!" Immerhin hat Viktor Navorsky die Transithölle überlebt, weil er vorher schon begriffen hatte: Wir alle sind im Leben immer nur auf der Durchreise.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2004, Nr. 204 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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