Von Steffen Möller
25. Mai 2008 Mit fünfundzwanzig Jahren kam ich als frischgebackener Magister nach Warschau und verdiente dann fast neun Jahre lang mein Geld damit, Schülern, Studenten und Managern die deutsche Sprache beizubringen. Ich habe an einem Gymnasium, an der Universität, am Österreich-Institut und an diversen privaten Sprachschulen unterrichtet. Sehr schnell stolperte ich über das Hauptproblem: die Deutsch-Lehrbücher. Es gab sie in großen Mengen, etwa Deutsch aktiv Neu oder Themen neu, doch rief die Aufforderung Holt bitte euer Buch raus! bei den Schülern nur Gähnen, Kichern oder wütenden Protest hervor.
Bald verstand ich, woran das lag: Kein einziges Buch hielt Schritt mit ihrem MTV-Horizont. Die Autoren hatten zwar eine sinnvolle Grammatik-Progression konzipiert, doch fehlte ihren Werken der Humor, ganz zu schweigen von der wichtigen Teenager-Romantik. Fünfzehnjährigen Computerfreaks wurden hausbackene Geschichtchen über entlaufene Dackel oder einen Radausflug am Rhein entlang zugemutet. Zum Fiasko geriet der Unterricht mit dem Mittelstufen-Lehrwerk em. Wochenlang quälte ich meine Kursanten mit Texten zu Marlene Dietrich und dem Blauen Engel.
Holt uns heraus aus dem Lehrbuchland
Irgendwann fragte mich eine entnervte Kursteilnehmerin: Gibt es eigentlich keine neueren deutschen Filme? - Doch, sagte ich tapfer, ,Lola rennt', übrigens von einem Regisseur aus meiner Heimatstadt Wuppertal, Tom Tykwer! - Wo ist denn Wuppertal? Mir wurde unbehaglich. Es war im Lehrerhandbuch von em nicht vorgesehen, dass man aus seinem Privatleben erzählen sollte. Nun gut, was blieb mir übrig, ich berichtete den Schülern von der bergischen Weltmetropole. Irgendwie kam die Rede dann auf den Zivildienst, ein Phänomen, das es in Polen nicht gibt. Plötzlich hörten alle interessiert zu. Deutschland wurde von einem trockenen Lehrbuchland zu einem lebendigen Nachbarn.
Die Lehre dieser Stunde habe ich mir gemerkt: Wenn du Interesse wecken willst, schmeiß die infantilen Deutschbücher in die Ecke und sprich über Themen, die etwas mit dem Deutschland der Gegenwart zu tun haben. Meine Unterrichtstexte schrieb ich mir von nun an selber, meist in Parodieform, auch kaufte ich eine billige Gitarre und lernte einige Griffe, um mit den Schülern Eisgekühlter Bommerlunder zu grölen. Eines Tages zwangen mich die Umstände sogar dazu, eine eigene Strafmethode auszutüfteln: Wer mehr als zweimal fehlte, musste den Handschuh von Schiller auswendig lernen; Wiederholungstäter machten mit Benns Astern Bekanntschaft.
Rilke und die Fantastischen Vier
Kurz bevor ich den Lehrerberuf schließlich an den Nagel hängte, war mir noch vergönnt, am effektivsten und charmantesten Deutschunterricht aller Zeiten teilzunehmen, einem von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit finanzierten Deutsch-Camp in Omsk. Zwei Wochen lang brannten zwanzig russische Germanistik-Studentinnen in Sibirien ein wahres Ideenfeuerwerk ab. Die zweihundert russlanddeutschen Kinder hatten ein randvolles Programm, angefangen bei morgendlichem Aerobic auf Deutsch (Mädchen schwimmt, Hai sieht), weiter mit Sprachunterricht, Sport, Singen, Basteln bis hin zu abendlichen Aufführungen von Theater, Poesie oder Hip-Hop (Rilke im Wechsel mit den Fantastischen Vier). Da fuhr anschließend kein Kind nach Hause, das nicht auf die coolste Sprache der Welt geschworen hätte: Deutsch.
Ich möchte nicht wissen, wie diese Jugendlichen aus dem Altai- und Kemerowo-Gebiet, wenn sie nach Deutschland übergesiedelt sind, den Sprachunterricht dort erlebt haben. Eins steht fest: Da war Schluss mit Singen und Rilke.
Humor der Bürokraten
Seit fünf Jahren bin ich jetzt nicht mehr im Metier der Deutschvermittlung tätig und darf mich dessen - jedenfalls nach Meinung meiner früheren Lehrerkollegen - glücklich preisen. Die Deutschbücher hätten sich nicht verbessert, ja eher noch verschlechtert, sagen sie. Schuld sei der vom Europarat für den Fremdsprachenunterricht konzipierte Gemeinsame europäische Referenzrahmen, dem sich alle Lehrbücher unterordnen müssen. Sprachliche Fertigkeiten werden dort in Grundkategorien wie Produktion oder Rezeption sowie in sechs Schwierigkeitsgrade unterteilt.
Statt aber die Realitätsferne und Humorlosigkeit dieser bürokratischen Ausgeburt geschickt zu umschiffen, beeilen sich viele Lehrbuchautoren, jeden Text, jede Übung zum Musterbeispiel irgendwelcher Kompetenzen zu frisieren. Dieser Text erfüllt die Rezeptionsanforderungen von Stufe B 1, jene Übung schult eine kommunikative Strategie für die schriftliche Produktion von B 2. Ganze Deutschbücher werden Seite für Seite nach Rubriken wie schriftliche Kommunikation, Interaktion und ähnlichen technokratischen Kategorien durchgestaltet. Schluss mit Anekdoten, interessanten Zeitungsartikeln oder erzählerisch aufgemachten Lerntexten. Der Unterricht ist so trocken geworden, dass die Lehrer sich heute angeblich wieder zurücksehnen nach der im Grunde genommen doch sehr spannenden Geschichte über entlaufene Dackel.
Sprengt den Referenzrahmen!
Gleichzeitig blüht der Neid auf die Englischbücher und Englischlehrer. Die Europarat-Auflagen werden dort keineswegs ignoriert. Da Engländer aber Humor haben und auch die Lektoren gelegentlich mal MTV gucken, gelingt es Verlagen wie Oxford University Press oder Cornelsen trotz aller Schikanen immer noch, attraktive Lehrbücher zu konzipieren. Auf eine witzige E-Mail folgt ein Vokabelspiel, dann kommt eine Aufforderung zum Creative Writing, wo korsettfrei Geschichten erfunden werden dürfen. Statt biederer Schulbuchzeichnungen findet man Comics, statt zu Tode didaktisierter Texte über relevante Themen gibt es Ausschnitte aus Chatrooms oder eine Short Story.
Die Misere der Deutschbücher ist umso dramatischer, als das Interesse an der deutschen Sprache in Polen nach einigen flauen Jahren wieder steigt. In keinem anderen EU-Land gibt es so viele Menschen, die Deutsch lernen wollen. Im Jahr 2008 haben fast zwanzig Prozent aller Abiturienten Deutsch als Prüfungsfach gewählt, und an den Grundschulen (Klasse 1 bis 6) wird Deutsch derzeit sogar von dreißig Prozent aller Schüler gelernt. Das hat vielfältige Gründe, und es wäre ein Jammer, wenn diese Chance durch ahnungslose Technokraten zunichtegemacht würde. Hinge es von mir ab, einen Referenzrahmen für die Popularisierung der deutschen Sprache in Polen zu schaffen, sähe er so aus:
Teenager-Träume auf den Lehrplan
Erstens würde ich die Genehmigung erteilen, sprachverliebte, witzig illustrierte, unbedingt auch teenagerträumerische Deutsch-Lehrbücher zu schaffen, am besten in Zusammenarbeit mit Dichtern, Cartoon-Zeichnern, Musikern, PR-Agenturen und Comedians. Germanisten, Methodiker, Linguisten und Spracherwerbsexperten müssten sich auf die Ausarbeitung der grammatikalischen Progression beschränken.
Zweitens frage ich mich, warum es an jeder Warschauer Sprachschule einen englischen Native Speaker gibt, aber junge Deutsche Mangelware sind? Der Bund sollte Zivildienst an ausländischen Schulen ermöglichen und auf diese Weise Tausende junger Männer als kostengünstige Konversationslehrer entsenden. Nebenbei könnten sie Schulpartnerschaften mit ihren Heimatschulen knüpfen.
Astern, schwälende Tage
Drittens finden die derzeitigen Goethe-Instituts-Sprachkurse fast nur in Deutschland statt und sind für viele polnische Schüler deshalb zu teuer. In Kooperation mit privaten Sprachschulen am Ort sollte man Deutsch-Camps im Ausland finanziell bezuschussen, so dass sich unter Schülern herumspricht: Deutsch ist zwar schwer, bietet aber hervorragende Ferienmöglichkeiten.
Viertens und letztens würde ich die Goethe-Institute und DAAD-Büros zu Schaltstellen für Schulpartnerschaften sowie Schüler- und Studenten-Ferienarbeit in Deutschland ausbauen. Jeder Deutschlehrer in Polen sollte wissen, wo er anrufen muss, um Hilfe bei der Vermittlung seiner Schüler zu finden.
Ob diese Ideen realistisch sind - so möchte ich gut polnisch-fatalistisch schließen -, weiß ich nicht. Ob sie anschlagen werden, noch weniger. Welcher Lehrer könnte schon sagen, welche seiner Ideen die Welt verändert? Vor einiger Zeit sprach mich in der Warschauer Straßenbahn ein ehemaliger Student an: Herr Magister, können Sie sich noch an mich erinnern? Ich musste bei Ihnen den ,Handschuh' von Schiller auswendig lernen und kurz danach ,Astern' von Benn. Ich arbeite heute in Spanien und habe seit sieben Jahren kein Wort Deutsch mehr gesprochen. Aber eins kann ich noch: ,Astern - schwälende Tage, alte Beschwörung, Bann' ... Leicht erschrocken bat ich ihn, seine Deklamations-Lautstärke zu mäßigen. Danach unterhielten wir uns sehr nett über Spanien. Zum Deutschland-Fan habe ich diesen Herrn jedenfalls nicht geformt.
Steffen Möller, geboren 1969, lebt in Warschau. In Polen wurde er durch die Fernsehserie M jak Milosc (L wie Liebe) bekannt. Kürzlich erschien sein Buch Viva Polonia - Als deutscher Gastarbeiter in Polen. In diesem Jahr hat Möller die Hörverständnistexte für das Deutschabitur in Polen eingelesen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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