China

Alles Barbaren unter dem Himmel

Von Mark Siemons

28. Dezember 2007 Die Olympischen Spiele werden für China nächstes Jahr der Höhepunkt einer Entwicklung sein, die im neunzehnten Jahrhundert begann und 1979 eine Richtung bekam: des Versuchs, sich zu einer äußeren Welt in Beziehung zu setzen, die mit dem eigenen Kulturkreis nichts zu tun hat. In den vergangenen dreißig Jahren konnte sich China in den globalen Institutionen immer mehr Geltung verschaffen - auf dem Weltmarkt, zuletzt auch in der Welthandelsorganisation, in den Vereinten Nationen, im Internationalen Olympischen Komitee. Das kollektive Selbstbewusstsein, das durch die demütigende Konfrontation mit europäischen Mächten seit dem Opiumkrieg und dann durch selbstzerstörerische Exzesse im eigenen Inneren irritiert war, konnte sich durch das Weiterkommen in diesen Kanälen wiederaufrichten.

Allerdings gibt es unter chinesischen Intellektuellen mehr Skepsis gegenüber der Globalisierung, als es die unzweifelhaften Gewinne, die China aus ihr zieht, vermuten lassen. Die Globalisierung, so fasste kürzlich der einflussreiche Regierungsberater Yu Keping die Bedenken zusammen, stärke letztlich die Hegemonie der westlichen Staaten, da sie nach deren Spielregeln ablaufe: Die Ideen, die Institutionen und das Kapital des Westens stellten eine wachsende Bedrohung für die ökonomische, politische und kulturelle Souveränität des Landes dar. Seit den neunziger Jahren machen sich daher auch immer wieder prononciert nationalistische Stimmen bemerkbar, die mit wechselnder Lautstärke und Resonanz den populären Buchtitel „China kann nein sagen“ variieren.

„Verwestlichung oder Sinisierung“

In jüngster Zeit beginnen Intellektuelle nun damit, die alte Entscheidungsfrage „Trotz oder Anpassung“, „Verwestlichung oder Sinisierung“ zu überschreiten und sich mit dem globalen Rahmen selbst zu beschäftigen, in den China hineinwächst und den es ihrer Ansicht nach mitbestimmen sollte. Es ist, als wollten sie die Voraussage erfüllen, die der Reformer Liang Shuming seinen Landsleuten 1922 auf den Weg gab: „Zuerst muss sich China teilweise verwestlichen, bevor dann später die Weltkultur wieder vom chinesischen Geist geprägt werden kann.“

Auch das außenpolitische Motto der „Harmonischen Weltordnung“, mit der die Regierung in letzter Zeit bei allen Gelegenheiten aufwartet, beteuert ja nicht nur die eigenen guten Absichten, sondern formuliert bei aller Unbestimmtheit eine verwirrend universelle Vision. Und einen ähnlich hohen Beobachtungsstandort versuchte vergangenes Jahr die Fernsehserie „Aufstieg der Nationen“ einzunehmen, um der Geschichte der großen Mächte eine Gesetzmäßigkeit abzulauschen, die für den eigenen Aufstieg nützlich ist.

Die Moderne verdankt sich Asien

Früher kritisierten westliche Liberale die Versuche etwa von Singapur, eine „asiatische Identität“ gegen den Westen in Stellung zu bringen, als „kulturalistisches“ Ausweichen vor den Anforderungen der Moderne und deren universellen Werten. Der Historiker Wang Hui von der Pekinger Tsinghua-Universität kehrt diesen Vorwurf nun gegen seine Urheber: Kulturalistisch sei vor allem der Exklusivanspruch der westlichen Kultur auf die „Moderne“ und nicht weniger deren Vorstellung von Asien als Inbegriff einer archaischen Vormoderne, die sich nun allmählich dem westlichen Standard annähere. In Wirklichkeit seien die europäische Moderne und der Erfolg ihres Kapitalismus ohne deren Kapitalanhäufung etwa im Asien-Handel gar nicht denkbar.

Umgekehrt findet Wang in seinem Hauptwerk „Der Aufstieg des modernen chinesischen Denkens“ Elemente einer asiatischen Moderne schon in der historiographischen Wende der chinesischen Song-Dynastie im zehnten bis dreizehnten Jahrhundert, durch die der Konfuzianismus kritisch und ironisch geworden sei. Modernität sei nicht das Merkmal einer bestimmten Kultur, sondern das Ergebnis von Interaktionen.

Das imperiale Denken aufbrechen

Es gelte also, der europäischen Vorstellung von „Weltgeschichte“ ihr Monopolrecht streitig zu machen - aber nicht, indem man dem Eurozentrismus nun einen Asiazentrismus entgegensetze, sondern indem man das beiden zugrundeliegende imperiale Denken aufbreche und mit der realen Vielgestaltigkeit konfrontiere, wie sie etwa in der asiatischen Geschichte zu finden sei. Da artikuliert sich ein Mitbestimmungsanspruch auf die „Moderne“, der gewiss viel der postkolonialen Kritik aus anderen Weltgegenden verdankt, der aber seine besondere Schubkraft durch den Umstand erhält, dass mit China nun eine nichtwestliche Kultur dem Westen auf seinem eigenen Feld, dem Weltmarkt, Konkurrenz macht.

Während Wang Hui auf der zeitlichen Koordinate das westliche Interpretationsmonopol anzweifelt, tut das der Philosoph Zhao Tingyang von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften auf der räumlichen. Er kritisiert, dass die vom Westen geprägte Weltordnung mit ihrem Interessenausgleich unabhängiger Nationalstaaten nicht in der Lage sei, Konflikte und innere Widersprüche zu vermeiden. Den westlichen „Universalismus“ hält Zhao bloß für einen schlecht verkappten aggressiven Nationalismus, der genauso wenig für Frieden sorgen könne wie der „Pluralismus“ der zurückhaltenden Nationalismen. Die Ursache für diese Misere erblickt Zhao darin, dass auch die Vereinten Nationen keinen substantiellen Begriff von „Welt“ hätten; Anfangs- und Endpunkt aller Überlegungen seien immer nur die Nationalstaaten.

Die Kraft aus dem Reich der Mitte

In dieser Lage könne eine alte chinesische Kategorie helfen: „Tian xia“, übersetzt: „Alles unter dem Himmel“. Es handelt sich dabei um die Vorstellung eines Gefüges von Staaten um eine imperiale Mitte herum, das die gesamte Welt umfasst. Die Staaten sind ökonomisch, militärisch und kulturell unabhängig, beziehen aber ihre Ordnung von der zentralen Institution her, die die Welt als Ganzes widerspiegelt und repräsentiert. Politische Legitimität bildet sich da also nicht von unten, von den Individuen und Nationen her, sondern von ganz oben her, aus dem die Völker und deren Beziehungen überwölbenden Kosmos.

Die Pointe - und zugleich das stärkste Gegenargument - ist, dass dieses Konzept tatsächlich einmal historische Wirksamkeit entfaltete: Bis 221 vor Christus war China kein durchorganisierter Zentralstaat; in der Zhou-Dynastie reihten sich etwa tausend Unterstaaten in fünf bis neun Ringen um eine imperiale Zone in der Mitte. Allerdings wurde dieser Zustand mit den Eroberungszügen des tyrannischen Ersten Kaisers beendet, dessen einheitliches Verwaltungssystem in Abwandlungen bis heute besteht. Ist die Idee in der Wirklichkeit also dazu verurteilt, zur Beute des Stärkeren zu werden?

Nationalistisch wurde China erst im neunzehnten Jahrhundert

Zhao Tingyang deutet die Geschichte so, dass der Erste Kaiser nur die inneren Ringe von Unterstaaten - das also, was man bis heute „China“ nennt - zu zentral regierten Provinzen gemacht habe; der Rest, die weiter entfernten, mehr oder weniger „barbarischen“ Völker, hätten weiter unter dem kulturellen Anspruch des chinesischen Weltkonzepts gestanden. Die auswärtigen Beziehungen des chinesischen Kaiserreichs vollzogen sich über Tribute, worauf sich auch militärisch überlegene Staaten einließen, da das System gute Handelsmöglichkeiten eröffnete und die Gegengeschenke des Kaisers oft größer waren als die eigenen Gaben.

Dass es sich um kein nationalistisches, sondern um ein kulturelles Konzept handelte, zeigt sich daran, dass auch Fremdherrschern wie den Mandschus, die China dreihundert Jahre lang regierten, die Legitimität von „Tian xia“ zugestanden wurde. Nationalistisch wurde China erst im neunzehnten Jahrhundert, als ihm zum ersten Mal Barbaren Widerstand leisteten, die sich als kulturell ebenbürtig erwiesen: die europäischen Mächte. Erst zu dieser Zeit bekam das „Reich der Mitte“ eine wirkliche Außenwelt zu spüren.

„Alles unter dem Himmel“

Zhao Tingyang geht es nicht darum, den alten chinesischen Reichsgedanken zu rekonstruieren; er fragt danach, ob es in der gegenwärtigen globalen Lage mit ihren vielen Nationen und Interessen eine regulative Welt-Idee und -Institution geben kann, die sich von dem „Tian xia“-Konzept inspirieren lässt. Doch das gemeinsame politische Prinzip, das Zhao für diese Institution fordert, bleibt ganz im Ungefähren. Die Vorstellung von „Alles unter dem Himmel“ war nicht durch bestimmte Staaten oder Ideen gefüllt, sondern durch eine Lehre der Beziehungen, die auf einer Evidenz des allgemein Menschlichen beruhte - wie aber ließe sich eine solche Evidenz wiederherstellen? Und wie ließe sich die Legitimität von oben mit der einer demokratischen Willensbildung von unten verbinden, ohne die alle Konstruktionen in der Luft hängen oder nur um den Preis der Tyrannei zu haben sind?

Diese Frage bezeichnet auch den blinden Fleck, den die Versuche, einen Beitrag Chinas zu den westlich geprägten Weltrastern zu bestimmen, bislang haben: Es ist im kapitalistisch-kommunistisch-postkonfuzianischen China heute durchaus unklar, was „China“ überhaupt ist und bedeuten soll, und eine öffentliche Willensbildung darüber ist von zahlreichen staatlichen Restriktionen behindert. Solange sich aber bloß Elitendiskussionen damit beschäftigen, kann niemand wissen, ob die chinesische Kultur wirklich einen konkurrierenden Universalismus entwickeln wird. Der Vorschein der neuen alten Ordnung „Unter dem Himmel“, den die Pekinger Spiele mit ihrem Motto „Eine Welt - Ein Traum“ bieten werden, hat noch keine deutlichen Umrisse.



Text: F.A.Z., 28.12.2007, Nr. 301 / Seite 31
Bildmaterial: AFP

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