Von Georg Diez
05. April 2004 Irgend etwas hatten wir verstanden an diesem Abend, wir wußten nur nicht genau, was. Gerade war Benjamin von Stuckrad-Barre noch im Fernsehen gewesen, in seiner Sendung auf MTV mit dem schrecklichen Heinz Rudolf Kunze, der Maxim Biller auf eine ziemlich schäbige Art beleidigt hatte.
Stuckrad-Barre kam dann noch bei uns in der Wohnung vorbei, wir saßen und redeten, ein paar Journalisten, ein paar Freunde. Und auf einmal stand Stuckrad-Barre auf, trat dem singenden Weihnachtsbaum kurz und trocken ins Gesicht und setzte sich wieder hin. Das muß im Winter 2001 gewesen sein. Dem Weihnachtsbaum fehlt seitdem ein Auge. Stuckrad-Barre fehlt etwas anderes.
Wirklichkeitshunger
Es gibt aus dieser Zeit ein Fototagebuch, das Stuckrad-Barre auf seine Homepage gestellt hat. Er war damals auf dem Höhepunkt, vier Bücher, ein paar CDs, eine Fernsehsendung. Die Bilder von seiner Lesereise zeigen keine Fans, keine vollen Säle, keine Prominenten, keine Nachtgelage; sie zeigen menschenleere Landschaften von dunkler Traurigkeit, ein braun furniertes Tonstudio in Hannover, ein Motorrad, das an einer Hauswand lehnt, einen einsamen Backstageraum in Oldenburg, einen Hundenapf, ein Schwarzbrot in Plastik auf grünem Gras. Es ist die elegische Seite jenes Wirklichkeitshungers, der Stuckrad-Barre in kurzen Jahren berühmt gemacht hat. Die andere Seite war immer das Strahlen, das Tempo, die Öffentlichkeit, die er suchte, fast wie einen Freund. Aber die Öffentlichkeit ist kein Freund, sie ist ein Feuer, das einen erst wärmt und dann verzehrt.
Die Geschichte des Benjamin von Stuckrad-Barre ist eine merkwürdige, eine verworrene, eine exemplarische. Es geht darin um Ruhm, Ironie und Eifersucht, es geht um die bürgerliche Kultur und ihre Feinde, es geht um Drogen, Sex und Satire, es geht um Gerichtsprozesse, Anke Engelke und Udo Lindenberg, es geht um Kritik und Affirmation, es geht um Kontrolle und Präsenz und Verschwinden, es geht um Deutschland am Anfang eines neuen Jahrzehnts, es geht um einen der besten Beobachter dieses Landes, der mal so hell schien wie eine Kerze, die gegen jede Wahrscheinlichkeit im luftarmen Raum des deutschen Kulturwesens brannte und jetzt nur noch irritierend flackert. Stuckrad-Barre hat sein Leben in einen Roman verwandelt, einen Roman über unsere Zeit. Das war ein radikaler Weg; es war auch der gefährlichste Weg, den ein Schriftsteller nehmen konnte.
Popstar
Vor sechs Jahren erschien Stuckrad-Barres Roman "Soloalbum", der ihn zu einer Figur machte, die vor allem deshalb einem Popstar glich, weil alles an dieser Figur größer war als im wirklichen Leben. Er wurde geliebt, er wurde gehaßt, er wurde gekauft. Stuckrad-Barre war jemand, zu dem plötzlich jeder eine Meinung hatte. Und er selbst, so schien es, trug diese Meinungen der anderen wie gutgeschnittene Anzüge, er probierte sie an, er zog sie wieder aus, es schien ein großes Spiel zu sein, in dem er die Regeln diktierte. Noch 2002 hat er das, was ihn beim Schreiben interessiert, so beschrieben: "Mir geht es darum zu gucken, wie werden diese Bilder gemacht und was passiert, kurz bevor sie fertig sind. Mich interessiert der Moment, wo jemand, der täglich seine Rolle spielt, danebentritt, wo er die Regeln alltäglicher Rituale verletzt."
Ende Mai nun soll Stuckrad-Barres neues Buch erscheinen, "Festnetzspeicher der Kontrollgesellschaft - Remix II", das schon für Februar angekündigt war -, und wer ein bißchen ferngesehen hat in letzter Zeit, wer mal in die "Bild" geschaut hat oder zufällig dabei war, wie Stuckrad-Barre auf der Leipziger Buchmesse vor Helmut Kohl auf die Knie sank, der mußte den Eindruck haben, daß Stuckrad-Barre das Spiel mit den Bildern, das Spiel mit der Öffentlichkeit, das Spiel mit dem eigenen Ruhm ziemlich entglitten ist.
Verwahrloster Dandy
Da gab es die Pressekonferenz mit Udo Lindenberg, bei der Stuckrad-Barre so lange Gedichte vorlas, bis keiner mehr zuhören wollte, und er anschließend den verwahrlosten Dandy gab, der sich darüber beklagte, daß er noch kein Zimmer für die Nacht habe; da gab es den Fernsehauftritt beim deutschen Schlagerwettbewerb, bei dem er in Jörg Pilawas Mikrophon so lange unverständliches Zeug brüllte, bis der es ihm verschreckt wieder wegnahm; da gab es die Einstellung, die ihn ein paar Minuten später zeigte, wie er in seinem weißen Anzug in die Zuschauer vor ihm purzelte; da gab es den Prozeß gegen die Satirezeitschrift "Titanic", bei dem er seine Verletzlichkeit zeigte, die er sonst so gut versteckt; da gab es die langdauernde Zusammenarbeit mit der Boulevardpresse, wo er mal in der "Bild" verkündete, daß er nun mit Anke Engelke liiert sei, dann wieder in der "Bild" seine alten Platten verscheuerte, dann wieder im Schweizer "Blick" seine Trennung von Anke Engelke verkündete, dann wieder sich in der "Bild" mit Jeanette Biedermann fotografieren ließ, die ihm Herzen auf die Wange malte, während er Texte von Udo Lindenberg zitierte; da gibt es überhaupt Udo Lindenberg, für dessen Sprachreichtum er sich derzeit einsetzt, bei dessen Konzerten er mit Mädchen in Ringelpullis auf der Bühne tanzt und neben dem er langsam seinen Platz findet, gemeinsam mit all den anderen, die bei Lindenbergs "Aufmarsch der Giganten" dabei waren, Nina Hagen, Peter Maffay, Otto Waalkes, im Wachsfigurenkabinett unserer Tage, in der Skurrilitätenschau des Fernsehens, im Museum der Medienzombies.
Stuckrad-Barre, so scheint es, lebt schon lange nicht mehr dort, wo Schriftsteller eigentlich leben. Er zog viel hin und her in den letzten Jahren, von Köln nach Berlin nach Zürich und wieder zurück und wieder hin - tatsächlich war Stuckrad-Barre längst woandershin umgezogen. Er bewohnt nun jene Medienwelt, die er irgendwann mit der Wirklichkeit verwechselt hat. Er ist den Weg jener Verflüchtigung weitergegangen, der in seinem Werk, in seinem Denken und Suchen angelegt ist.
Drogensucht und Bulimie
Wenn man so will, dann hat er einen möglichen Endpunkt jener Literatur gefunden, die mit seinem Namen verbunden ist; jener Literatur, die in der Bewegung ihren eigentlichen Gegenstand hatte und damit in der Beatnik-Tradition stand; jener Literatur, die im ICE ihren Ort und ihr Medium gefunden hatte; jener Literatur, zu der natürlich auch Christian Kracht gehört und die aus dem Widerspruch von Verflüchtigung und Präsenz geradezu lebt.
Und so ist dieser Fall Stuckrad-Barre nicht nur die persönliche Geschichte eines Autors, der gern auf der Grenze von Kunst und Leben, von Inszenierung und Wirklichkeit wandelte, der im "Livealbum" von Kokain erzählt und von Kotzen, von Drogensucht und Bulimie, der aber jeden zu verklagen droht, der in solch einem Fall den Autor mit dem Erzähler verwechselt und womöglich die Sucht mit dem Absturz zusammenbringt - es ist auch die Geschichte einer Literaturrichtung, ihrer Rezeption und ihrer Fortschreibung.
Humorist und Schwamm
"Soloalbum" war 1998 ein Einschnitt, ein Ereignis, dessen Auswirkungen stärker waren als seine Ursachen. Stuckrad-Barre, dieser große Humorist und Schwamm, bewegte sich mit seiner flackernden Intelligenz durch ein Deutschland, das so viel Bizarres beheimatete, daß man ein Glückskind war, wenn man so beobachten und schreiben konnte wie er. Ein letztes Mal gelang ihm das mit einigen Texten in "Deutsches Theater". Seine Denkbewegung aber ging immer mehr fort von der Introspektion, die in "Livealbum" immerhin noch eine Möglichkeit war, hin zu einer Vergewisserung anhand der Oberflächen und der Öffentlichkeit - er verwandelte sich in eine jener Figuren, über die er früher so hingebungsvoll lästern konnte. Wenn Jürgen Drews der Endpunkt ist, dann gelang es Stuckrad-Barre immer schlechter, diese Grenze nicht zu überschreiten. Öffentlichkeit wurde zu einem Wert an sich. Eine Existenz im Neonlicht. Irgendwann war es nur noch die Notbeleuchtung.
Der andere Weg ist der, den Christian Kracht eingeschlagen hat - und auf seine Weise auch Joachim Bessing, der mit seinem neuen Buch "Rettet die Familie!" jedes Vorurteil bestätigt, wonach die Ironieschübe der neunziger Jahre einen konservativen Kern oder zumindest eine konservative Konsequenz haben. Kracht jedenfalls, der sich ja tatsächlich verflüchtigt hat und seit Jahren in Bangkok lebt, hat den Weg gewählt, sich in eine fast mönchisch geprägte Sprach- und Kunstwelt zu retten. Eben die Versenkung als Gegenbewegung zur Verflüchtigung.
Crashtest-Dummy
Das sind die zwei Extreme jener Literatur, die wie keine andere das Land gespiegelt hat in dem, wie es war in den letzten Jahren. Ob einem das gefällt oder nicht. Benjamin von Stuckrad-Barre war da fast so etwas wie ein Crashtest-Dummy oder wie eine Voodoopuppe - er probierte all das aus, was diese Zeit ausmachte, und führte es an ein Ende.
Daß so eine Geschichte die Häme geradezu herausfordert, ist klar. Schon der sogenannte Hype um Stuckrad-Barre war ja von Anfang an vielleicht unsinnig und groß; auf jeden Fall unsinnig und groß war aber der verbreitete Haß, mit dem das verschreckte Feuilleton glaubte, auf ihn einschlagen zu müssen. Schon dieser Haß zeigt, daß Stuckrad-Barre am Anfang sehr viel richtig gemacht hat. "Man muß ja nicht alles begreifen, um es zu mögen", dieser schöne Satz steht in "Soloalbum". Man muß, so scheint es, auch nicht alles begreifen, um es zu hassen.
Vorübergehende Multiplizierung
Stuckrad-Barre jedenfalls macht weiter, das ist ja auch der einzige Weg. Sein neues Buch sollte ursprünglich aus Interviews und Mitschriften aus der sogenannten Wirklichkeit bestehen, nun erscheinen wohl vor allem Texte, die er in den letzten Jahren schon in den verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hat, die er immer wieder mit seinen Anrufen aufschreckte.
Nächstes Jahr wird er dreißig, dann wird er sich mal irgendwo hinsetzen, egal ob in Zürich oder in Bangkok, er wird das "Livealbum" aufschlagen und auf Seite 80 folgende Sätze lesen. "Ich stehe in Zeitungen, darf morgens ins Radio und morgen abend bin ich im Fernsehen. Ist das nichts?" Worauf er sich selbst die Antwort gibt: "Das ist eigentlich ganz genau: nichts. Vorübergehende Multiplizierung. Differenziere um Himmels willen zwischen Beachtung und Bedeutung." Schwer zu sagen, was Benjamin von Stuckrad-Barre dann macht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.04.2004, Nr. 14 / Seite 19
Bildmaterial: AP
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