Kommentar

Im Gleichstellwerk

Macht sie zur Präsidentin: Edelgard Bulmahn

Macht sie zur Präsidentin: Edelgard Bulmahn

05. Januar 2004 Sozialdemokraten haben gerade zwei Vorschläge gemacht. Nimmt man sie ernst, führt der eine zu mehr Gleichheit, der andere zu mehr Ungleichheit. Paßt das grundwertetechnisch zusammen?

Zuerst die Gleichheit. Der Bundeskanzler kann sich eine Frau als Bundespräsidenten vorstellen, findet, es sei an der Zeit, daß es einmal eine würde. Das entspricht der sozialdemokratischen Tradition, krasse soziale Ungleichheit - acht Präsidenten bisher, immerhin ein Katholik, doch bislang keine Frau, aber auch kein Niedersachse und kein Schullehrer darunter - zu bekämpfen.

Zumindest eine

Komplizierter ist die Sache mit der Ungleichheit. Das Land brauche, sagt Franz Müntefering, Eliteuniversitäten. Nach dem herkömmlichen Sinn von "Elite" muß das zu mehr Unterschieden führen. Der Plural "Universitäten" erlaubt zwar, daß sich jede deutsche Hochschule gemeint fühlen kann. Darum ist es viel sinnvoller, wie Generalsekretär Olaf Scholz "zumindest eine" deutsche Eliteuniversität zu fordern. Denn erst so wird klar, daß das geforderte Gebilde erst noch hervorzubringen wäre und nicht durch die Umbenennung existierender Einrichtungen verwirklicht werden soll.

Was immerhin zweifelsfrei ist: Nicht alle deutschen Universitäten können Eliteuniversitäten sein. Und also: Nicht alle Studenten werden an einer Eliteuniversität studieren. Wer sich dies bewußt macht, daß die Elite keinesfalls aus allen bestehen kann, erkennt den konterrevolutionären Vorgang. Denn bislang war ja gerade die sozialdemokratische Hochschulpolitik ganz dem Gleichheitsgedanken verpflichtet. Studiengebühren hat sie verboten. Daß sich Universitäten ihre Studenten aussuchen, will sie nicht. Die Abschlüsse sollen in Europa überall die gleichen sein. An eine Entbeamtung der Professorenschaft denkt sie nicht im Traum. Statt dessen träumt sie davon, daß vierzig Prozent eines Jahrganges studieren. Und das alles, damit durch Bildung mehr sozialer Aufstieg produziert werde. Träumt sie.

Ungleich reden

Sie? Ja, Frau Bulmahn, jene Ministerin, die Bildungspolitik seit Jahren als Sozialausgleich betreibt. Sie, die Schulen mag, sofern "Gesamt-" oder "Ganztags-" draufsteht. Sie, die am liebsten alle Unterrichtsstandards einheitlich von Bonn aus anlegen würde. Die bei Bildung zuerst an Karriere und bei Forschung nur an Wachstum, also an Gleichverteilungsmasse, denkt. Wird die Eliteuniversität nach angelsächsischem Ungleichheitsmodell mit ihr zu machen sein? Kann denn ihr Herz, ohne zu zerspringen, gleich schlagen, während ihr Mund ungleich reden muß?

Kanzler, hilf - und es wird Dir geholfen! Denn siehe, Du hast sie schon, die absolute Gleichstellungsbeauftragte, befähigt, auch das höchste Amt der allerhöchsten Aufgabe, Gleichheit werden zu lassen bis in die äußerste Spitze Deines Volkes hinein, zuzuführen. Schlage Edelgard Bulmahn, die Niedersächsin, die Schullehrerin, als Deine Präsidentin vor, nimm die Last drohender Hypokrisie von ihrer Seele, mache die Grundwerte Deiner Partei durch Verteilung auf unterschiedliches Personal wieder konsistent, befreie die Frau vom ungleichgültigen Amt - und höre das Aufatmen aller Universitäten, der gleichen wie der noch gleicheren unter Deiner Herrschaft.

Text: kau / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2004, Nr. 4 / Seite 29
Bildmaterial: dpa

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