Kinder in Japan

Vor der Schule lernen wir

Von Martin Fritz, Tokio

Japanische Schüler stehen unter enormen Erfolgsdruck

Japanische Schüler stehen unter enormen Erfolgsdruck

03. Dezember 2008 Eigentlich bricht Japans „Prüfungshölle“ im Frühjahr aus und quält Mittel- und Oberschüler: Hunderttausende Kinder und Jugendliche pauken dann auf ihrem Endspurt zu den Aufnahmeprüfungen der Oberschulen und Universitäten rund um die Uhr bis zum Umfallen. Doch neuerdings herrscht diese Atmosphäre auch im Herbst, und die Prüfungsangst befällt schon kleine Kinder: In diesen Wochen wählen die privaten Grundschulen die Erstklässler des nächsten Schuljahres aus - und immer mehr Kinder sollen dazugehören.

Der kleine Akira zum Beispiel hat bereits an zwei Aufnahmeprüfungen teilgenommen, zwei weitere stehen dem Fünfjährigen noch bevor. Er muss je nach Schule einen etwa einstündigen schriftlichen Test und ein Einzelgespräch mit Lehrern durchstehen, dann allein etwas basteln, in einer Gruppe mitspielen und in der Turnhalle Sport machen. Durch ausgeklügelte Aufgaben versuchen die Schulen, den intellektuellen, sozialen und motorischen Entwicklungsstand der Kinder zu bewerten. „Es wird sehr viel verlangt“, sagt die Mutter von Akira. „Meine größte Sorge ist, dass er einen schlechten Tag erwischt und nicht seine volle Leistung bringen kann - und ich nichts für ihn tun kann!“

Mit der Stoppuhr in der Hand

Fast zwei Jahre lang hat die Mutter ihr einziges Kind akribisch auf die Prüfungen vorbereitet. Jeden Morgen musste der Junge zwischen Frühstück und Kindergarten eine Dreiviertelstunde lang Lernmaterialien durcharbeiten. Nicht, um Lesen und Schreiben zu lernen - das können viele japanische Kinder schon mit spätestens fünf Jahren. Geprüft werden kognitive Fähigkeiten: Akira musste Größen vergleichen und Mengen verteilen, Fragen zu einer vorgelesenen Geschichte beantworten, Origami falten, Schleifen binden und auf Geschwindigkeit basteln.

Jeden Samstagnachmittag saß der Junge zwei Stunden lang in einer Paukschule für Vorschüler. Am Donnerstag hatte er zuerst eine Stunde lang Einzelunterricht und nahm danach gleich an einem einstündigen Mal- und Bastelunterricht teil. Am Dienstag fuhr er mit seiner Mutter mit der Bahn zu einer anderen Nachhilfeschule, um seine sportlichen Fähigkeiten zu verbessern. Ein Lehrer der Nachhilfefirma „Familienklub“ besuchte Akira zu Hause und übte mit ihm die Antworten für das Einzelinterview. Dort sollen die Kinder selbstbewusst von ihrer Person, ihrem Alltag und ihren Hobbys erzählen.

Auf einer Website konnte Akira sein Wissen prüfen. Der kleine Junge findet die „Prüfungshölle“ ganz normal - besser gesagt: Er wehrte sich nicht gegen das ganze Programm. Aber sein gleichaltriger Freund Masaki bekam jedes Mal vor dem Besuch der Nachhilfeschule Magenschmerzen und weinte bei Aufgaben, die er nicht schaffen konnte, während die Lehrerin mit strengem Gesicht und der Stoppuhr in der Hand vor ihm stand.

Zweitwohnung in der Nähe der Schule

Früher besuchten 99 Prozent aller japanischen Kinder die städtische, sechsjährige kostenlose Grundschule. Erst danach wechselte in Tokio etwa jedes vierte Kind zur besseren Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen der Universitäten zu einer Privatschule mit Schulgebühren bis zu umgerechnet eintausend Euro im Monat. Landesweit ist es jedes vierzehnte Kind. Aber inzwischen wollen immer mehr Eltern ihrem Kind einen Startvorteil im Wettlauf um die besten Studienplätze sichern. „Wenn Akira gleich in die richtige Grundschule kommt“, erklärt seine Mutter, „dann wird er es leichter haben, von einer Eliteuniversität aufgenommen zu werden.“ Die Zahl der Erstklässler in Privatschulen ist in fünf Jahren um zwanzig Prozent gestiegen.

Der Andrang auf die wenigen Plätze - in Tokio sind es nur knapp fünftausend - ist so groß, dass die Schulen den Bewerbungsprozess als Hindernislauf gestalten, um die Anmeldezahl zu drücken. So müssen Eltern und Kinder häufig schon im Mai die Schule das erste Mal aufsuchen, zu genau festgelegten Terminen immer wieder persönlich erscheinen, etwa um die Aufnahmeanträge abzuholen, Vorträge zu hören und den Unterricht zu beobachten.

„Wenn ich nicht genau aufgepasst hätte und alle Vorbedingungen erfüllt hätte“, erzählt die Mutter, „wäre Akira niemals an so vielen Schulen zum Test zugelassen worden.“ Viele Eltern muten ihrem Kind lange Fahrten in überfüllten Pendlerzügen zu. Manche Schule begrenzt daher die Dauer des Schulweges und rechnet anhand der Bahnverbindungen die Anfahrtszeit penibel nach, bevor sie eine Bewerbung akzeptiert. Akiras Eltern haben vorgesorgt und für einige Monate eine zweite Wohnung in der Nähe ihrer favorisierten Schule angemietet.

Kosten bis zu 20.000 Euro

Die wenigen staatlichen Elitegrundschulen sind sehr begehrt, weil sie keine Schulgebühren verlangen. Sie verlosen die Zulassung zur Aufnahmeprüfung. Die Eltern müssen persönlich zur Lotterie kommen und den Prüfungsplatz sofort für ihr Kind reklamieren, sonst ist ihr Anspruch verfallen. „Ich hatte dort kein Glück“, erinnert sich Akiras Vater. „Seine Nummer wurde nicht gezogen.“ Doch selbst wenn der Junge teilgenommen und die Prüfung bestanden hätte: Unter diesen Kindern entscheidet noch einmal das Los.

In Japan werden traditionell alle Schulen und Universitäten auf Ranglisten bewertet. Je höher ihr Rang, desto besser die Aussichten der Studenten auf eine Anstellung im Staatsdienst oder in einem Großkonzern. Im neoliberalen Japan wird dieses System nicht in Frage gestellt. Die laute Kritik in den achtziger und neunziger Jahren, man zementiere den Bildungsvorsprung der etablierten Schichten, ist vergessen.

Doch das Fundament des Systems ist brüchig geworden, denn die Großunternehmen stellen weniger ein: „Nur der Abschluss der besten Universitäten garantiert noch eine gute Stelle“, erläutert Akiras Mutter. Auch die Zahl der Beamten geht zurück. Der größte Arbeitgeber, die Post, wird gerade privatisiert. Diese Entwicklungen treiben viele Eltern dazu, noch mehr als schon üblich in die Ausbildung zu investieren. Die aufwendigen Prüfungsvorbereitungen können allerdings für einen Vorschüler schnell bis zu 20.000 Euro kosten.

Leben sei „schwer“ oder „sehr schwer“

Ein tiefgreifender Wirtschaftswandel zieht soziale Folgen nach sich. Früher zählten sich neunzig Prozent der Japaner zur bürgerlichen Mitte der Gesellschaft. Doch dieser „japanische Traum“ ist ausgeträumt. Die lange Rezession nach dem Platzen der Immobilienblase führte in den neunziger Jahren dazu, dass selbst Absolventen guter Hochschulen keine feste Anstellung fanden. Viele Angehörige dieser Generation von heute Dreißig- bis Vierzigjährigen, die man inzwischen die verlorene Generation nennt, müssen sich immer noch mit befristeten Jobs über Wasser halten. Die letzten fünf, sechs Boom-Jahre haben nur eine kleine Minderheit reich gemacht. „Von diesem Aufschwung haben wir gar nichts gemerkt“, sagt Akiras Mutter, deren Mann als leitender Angestellter genug Geld verdient, damit seine Frau sich als Hausfrau um den Sohn kümmern kann. „Zuletzt ist nur alles teurer geworden.“

Experten sprachen von einer „Krise im Boom“: Jeder dritte Japaner arbeitet heute mit einem befristeten Vertrag, als Leiharbeiter und stunden- oder tageweise. Das Durchschnittseinkommen sank in den letzten vierzehn Jahren um rund achtzehn Prozent. Zehn Millionen Japaner verdienen weniger als zwei Millionen Yen (16.000 Euro) im Jahr. Sozialhilfe bekommen nur wenige. Die Zahl der Selbsttötungen ist im Aufschwung unverändert hoch geblieben. Fast sechzig Prozent der Bevölkerung, ein Rekordwert, erklärten, sagt eine noch vor der Finanzkrise veranstaltete Umfrage, ihr Leben sei „schwer“ oder „sehr schwer“. Akiras Mutter sagt mit Blick auf die nächste Rezession entschlossen: „Mein Sohn soll nicht zu einer zweiten verlorenen Generation gehören.“

Auf konservative Einheitskleidung spezialisiert

Der Niedergang der Mittelschicht spiegelt sich an den Schulen: „Mehr Kinder als früher schwänzen den Unterricht, es gibt mehr Übergriffe gegen Schwächere“, erzählt die vierunddreißigjährige Mutter. Das Leistungsniveau ist nach Ansicht von Experten gesunken, weil der Unterrichtsstoff verringert wurde. Bei Vergleichsstudien wie PISA ist Japan ins Mittelfeld abgerutscht. „Aber die Universitäten haben ihre Ansprüche nicht heruntergeschraubt“, sagt sie. „Deshalb soll Akira gar nicht erst in Rückstand geraten.“

Selbst Vater und Mutter des Fünfjährigen haben für die Prüfungen gelernt. Denn in einem Elterngespräch stellen die Schulen bohrende Fragen nach den Erziehungsprinzipien. Für die Prüfungen und alle vorherigen Termine gilt sogar eine eigene Kleiderordnung: Die Fünf- und Sechsjährigen müssen im dunklen Anzug oder Kostüm, in weißen Hemden und Blusen und schwarzen Schuhen erscheinen. Für die Mütter sind dunkle, hochgeschlossene Kleidung, eine mittelgroße dunkle Handtasche, eine größere Plastikledertasche sowie Pantoffeln vorgeschrieben.

In den Kaufhäusern sind ganze Abteilungen auf diese konservative Einheitskleidung spezialisiert. Allein für diese Ausstattung haben Akiras Eltern fast tausend Euro ausgegeben. Bisher hat sich der Aufwand gelohnt: Eine Prüfung hat der Kleine bereits bestanden. Die Absage von der Keio-Grundschule, die direkt auf die berühmte Keio-Universität führt, war dagegen keine große Überraschung: Von siebzehn Kindern, die sich bewerben, wird nur eins genommen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET-Buchshop

„Sorry“ von Zoran Drvenkar

Ein spannender Thriller, der auf zwingende Weise von einer Welt, in der wir der Gewalt nicht mehr ausweichen können, erzählt. Erhältlich im FAZ.NET-Buchshop - jetzt bestellen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche