29. Juni 2006 Die Einsamkeit ist der Begleiter des Alters. Die meisten Betroffenen versuchen ihr zu entkommen. Die Einsamkeit Peter Alexanders, der an diesem Freitag achtzig Jahre alt wird, ist selbst gewählt. Wie ein Eremit, so heißt es in Birgit Kienzles Porträt, lebe er in seiner abgeschiedenen Villa eines Wiener Prominentenvororts. Den vollständigen Rückzug, so erläutern Kollegen Alexanders, habe der Tod seiner Frau ausgelöst, die vor einigen Jahren nach mehr als fünfzigjähriger Ehe starb. Aber ein weiterer wesentlicher Grund sei auch Ermüdung gewesen, das Bedürfnis nach Anonymität, das jemanden wie ihn, der jahrzehntelang öffentlich lebte, unweigerlich überkommt.
Peter Alexander führte ein öffentliches Dasein, denn er war fünf Jahrzehnte lang ein Star, einer der beliebtesten Entertainer Deutschlands und Österreichs, hat in den fünfziger und sechziger Jahren Kinosäle gefüllt, in den siebziger und achtziger Jahren mit seinen Fernsehshows astronomische Einschaltquoten von bis zu achtzig Prozent erreicht, fehlte auf kaum einem Bunten Abend des jungen deutschen Schlagergeschäfts und auf keiner Gala des saturierten Fernsehbetriebs - stets charmant, ewig ein Lausbub und ewig erfolgreich.
Stählerne Selbstbeherrschung
Niemand übersteht ein solches Dauerverhältnis unbeschadet, weder der Star noch sein Publikum. So kam es denn, daß gegen Ende der Karriere die Einschaltquoten sanken und die zuvor blendenden oder zumindest wohlwollenden Kritiken von Altbackenheit und jede Spontaneität erstickender Routine sprachen. Das war die unvermeidliche Folge jener stählernen Selbstbeherrschung, jenes Könnens und Wissens um Wirkung, mit der Peter Alexander aufgestiegen war - ein Künstler, der in jeder Sekunde alles unter Kontrolle hatte, Körper und Stimme, Mimik und Gestik. Irgendwann konnte man auf die Minute voraussagen, wann er treuherzig von unten in die Kamera schauen würde, wann verschmitzt lächeln und wann tragisch die Mundwinkel herabziehen; Künstlertum, dem Schein Sein geworden war.
Birgit Kienzles Film läßt noch einmal - und neu - staunen über den Entertainer Peter Alexander und seine phänomenale Vielseitigkeit. Erst jetzt wird deutlich, mit welcher Präzision er beispielsweise den legendären Hans Moser parodierte und dessen atemberaubendem Stakkato-Geraunze ein noch aberwitzigeres Tempo verlieh. Sein immenses Gespür - oder das seiner Frau und Managerin - für Trends zeigt sich, wenn erst Verliebte muß man gar nicht erst in Stimmung bringen auftaucht, das ihm, eine selbstzufriedene Rockparodie inbegriffen, Robert Stolz 1964 als Hit auf den Leib schrieb, und dann Komm und bedien dich bei mir tönt, die sacht angerockte Cover-Version eines Hits von Tom Jones, der einzig - und selbstverständlich - die sexuellen Untertöne des Walisers fehlen.
Die Schlager der Nation
Alexander schwamm nicht auf allen Wellen mit, aber wenn, dann souverän. Zum Leitbild aber machten ihn Schlager, die die Befindlichkeit einer Generation - wenn nicht gar der Nation - auf den Punkt brachten. Zweieinhalb, so erinnert man sich dank des Films, verdankt Deutschland dem Sänger: Allen in Erinnerung ist Die kleine Kneipe in unserer Straße, eine Hymne der großen Gleichheit und Brüderlichkeit am Tresen, die noch heute jeder bejaht, auch wenn er niemals so schunkeln würde wie die Ersthörer dieses Liedes.
Hier ist ein Mensch zählt nur halb, denn es war schamlos zugeschnitten auf den Weltschmerz der Alexander-Generation, auf jene schweigende Mehrheit, die nach den Massenhysterien des Dritten Reichs und der Plackerei des Wiederaufbaus nichts von Solidarität und Marsch durch die Institutionen hören wollte, aber viel von unverbindlicher Mitmenschlichkeit, ruhigen Abendspaziergängen und Weltharmonie. Nahezu vergessen ist Die süßesten Früchte essen nur die großen Tiere, jener Schlager, mit dem Peter Alexander (im Duett mit der völlig vergessenen Leila Negra) 1952 zum ersten Mal die Volksseele traf. So direkt und doch diskret, so selbstmitleidig und doch realistisch hatte zuvor niemand das damalige deutsche Grundgefühl ausgesprochen, daß, egal ob Zweiter Weltkrieg oder Wirtschaftswunder, Aufrüstung oder Wiederaufbau, die Zeche am Ende doch der kleine Mann bezahlen müsse.
Er geizte mit seinen Talenten
Jetzt, beim Wiederhören, wird deutlich, daß Peter Alexander zeitweilig eine Art Heinz Rühmann des deutschen Schlagers gewesen ist. Daß er es auf Dauer hätte werden können und daß er weit mehr beherrschte als Schlager- und Revuefilmroutine, Klamotte und Show, zeigen Ausschnitte aus Wolfgang Liebeneiners Schwejks Flegeljahre. Ergreifend spielt Alexander den kleinen Mann, der den Mahlstrom des Krieges und der Dummheit überlistet; Brecht ist nah, wenn er a capella sein Lied vom großen Sterben singt.
Peter Alexander geizte auch mit seinen Talenten. Seine ehemaligen Mitschüler vom Wiener Reinhardt-Seminar loben seine enorme Begabung, andere erzählen von seinen Qualitäten als Jazzpianist und Komponist, seine Tochter berichtet, daß die Wende zum Unterhaltungsgeschäft eingetreten sei, als der junge Alexander bei einem London-Besuch Frank Sinatra habe auftreten sehen. Während Pausen im Plattenstudio, so Cornelia Froboess, die einige Male seine Partnerin war, habe er Blues und Swing gesungen, aber ihre begeisterte Aufforderung, genau das doch auch einmal auf der Bühne zu tun, mit einem Achselzucken abgetan. Er hat halt gezeigt, was absatzfähig war, so lautet ihr nicht abwertendes, sondern achtungsvolles Resümee.
Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung. Dieser Ausspruch Max Reinhardts kommt, eingemeißelt in die Foyerwand des Reinhardt-Seminars, zufällig ins Bild, wenn die Lehrstätte Alexanders gezeigt wird. Dieser Zufall hat dem Film seinen Leitsatz geschenkt: Peter Alexander konnte enthüllen. Doch er zog oft das Verstellen vor. Das aber tat er mit einzigartigem Können. Man muß es respektieren und sollte es schätzen.
An diesem Donnerstag, den 29. Juni, um 22.30 Uhr im SWR-Fernsehen.
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