10. März 2008 An Superlativen herrscht kein Mangel: Der neue Terminal 3 des Pekinger Flughafens ist laut seinem federführenden Architekten, Lord Norman Foster, das größte Bauwerk der Erde, größer als alle Terminals von London-Heathrow zusammen, übrigens auch um etwa dreißig Prozent geräumiger als das Pentagon. Heathrow brauchte fünfzig Jahre, um seinen heutigen Umfang zu erreichen, die Bauzeit des T3 betrug dagegen weniger als fünf Jahre. Bis zu fünfzigtausend Arbeiter waren an diesem pharaonischen Projekt gleichzeitig beschäftigt. Und das Gepäckbandsystem kann zwanzigtausend Koffer in der Stunde transportieren.
Aber all dies ist nicht das Besondere an diesem neuen Eingangstor des neuen China. Das Besondere ist, dass es seine Monumentalität nicht ausstellt, sondern als das Natürlichste der Welt erscheinen lässt. Inmitten der weiten braunerdigen Ebene vor Peking, wo nur ein paar dürre Bäume den Horizont begrenzen, trumpft dieses Gebäude mit keinem Beeindruckungseffekt auf. Wenn man sich von außen nähert, meint man, seine Struktur mit einem Blick umfassen zu können, und auch innen verliert man sich und diesen Überblick an keiner Stelle. Sogar die abgeschrägten roten Pfeiler, die das beigegoldene Dach wie in einem chinesischen Tempel stützen, wirken hier nicht wie künstliche Zitate, sondern fügen sich ganz organisch der funktionalen Eleganz des Baus ein.
Neue Bescheidenheit
China hat mit dem T3 offenkundig eine neue Ebene seiner symbolischen Selbstdarstellung erreicht. Bisher begleiteten vorzugsweise steil aufragende Glitzergebäude seinen Aufstieg, besonders markant etwa bei der vom früheren Staatspräsidenten Jiang Zemin persönlich protegierten Skyline von Schanghai-Pudong, die mit Größe und möglichst auffälligem Design die Epoche der kolonialen Demütigung überkompensieren zu wollen schienen. Dieses Neureichen-Stadium ist also jetzt vorbei. Wer an diesem Flughafen ankommt, soll sich wie in einem Land fühlen, das sich seiner selbst und seiner Modernität gewiss ist und sich daher ein gewisses Understatement erlauben kann. Dazu passt, dass um die Eröffnung, sehr im Unterschied zum sonst üblichen Triumphalismus, in Peking kaum Aufhebens gemacht wurde.
In jedem Aspekt will der Bau den vordersten Stand der Entwicklung repräsentieren. Technisch sowieso: Selbstverständlich kann der neue Riesen-Airbus A380 hier ohne Probleme andocken. Die Produktionsweise mit vorgefertigten Modulen soll nicht bloß das Bautempo gesteigert, sondern auch die Qualitätskontrolle vereinfacht haben. Aber auch ökologisch: Die Struktur der Dachplatten soll zu allen Jahreszeiten eine maximale Ausnutzung des Sonnenlichts erlauben. Und sogar gesellschaftspolitisch soll alles korrekt sein. Alle Wege sind behindertengerecht, es gibt Leitsysteme für Blinde und spezielle Räume für Gläubige, Raucher und stillende Mütter.
Ein Drachen ohne Drohgebärde
Außer mit Modernitätssignalen wartet der Bau, der sich zum Teil an Fosters Hongkonger Flughafen von 1998 anlehnt, mit kulturellen Zeichen auf. Das ist im neueren China nicht unüblich, wo etwa ein früherer Pekinger Bürgermeister vor ein paar Jahren allen neuen Hochhäusern ein chinesisches Dach aufgesetzt hatte. Hier jedoch sind die chinesischen Elemente in die Modernitätsstruktur selbst eingelassen. Dass die Farbgebung der Hallen, je weiter man vom Eincheck- zum Abflugbereich vordringt, gemäß traditioneller Glückssemantik von Rot (Reichtum!) nach Gelb (Erde!) changiert, mag man noch als folkloristisches Aperçu verbuchen. Bezeichnender ist, dass sich der abstrakte Grundriss des Flughafens nach zweierlei Mustern interpretieren lässt: als Schriftzeichen Ren für Mensch oder als extrem stilisierter Drache, als Symbol also für China.
Ganz anders als im Westen hat der Drache für Chinesen nichts Bedrohliches: Als Sinnbild des kosmischen Yang-Prinzips ist er ganz positiv besetzt; übrigens kann er sich gemäß einem einschlägigen Lexikon klein machen wie eine Seidenraupe und so groß, dass er den Raum zwischen Himmel und Erde füllt. Besser könnte man die paradoxe Wirkung des neuen Pekinger Flughafens nicht beschreiben; es hängt nicht von ihm allein ab, als wie universell oder national chinesisch seine Modernität in Zukunft empfunden werden wird.
Text: F.A.Z., 10.03.2008, Nr. 59 / Seite 33
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, REUTERS